Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 34 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 653 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 653 Standes an Menschen. Dingen und bewegenden Kräften. Die Einwanderung, gestützt auf unsere grundlegenden Arbeiten, dem Rufe des neuen Zion folgend, aber auch gedrängt durch Notstände von außen, ist von wenigen hundert im Monat auf mehrere tausend gestiegen. In ihrem Gefolge hat sich in allen Zweigen des öffentlichen und privaten Lebens, auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet eine ganz ungewöhnliche Aktivität geregt, uns selbst ermutigend, überraschend und zugleich uns vor Probleme stellend, wie wir sie in solcher Art und in solchem Umfang vorher nicht gekannt hatten. Wir wollen und sollen unsere Genugtuung darüber nicht verhehlen, daß seit dem Beginn unserer Wirksamkeit auf der neuen völkerrechtlichen Grundlage des Mandats sich die jüdische Bevölkerung Palästinas beinahe verdoppelt hat. Wir alle wissen aber, daß dieser erfreuliche Zuwachs für uns doch nur die erste Grundlage ist. Wir wissen auch, daß wir ihn einfügen müssen, in den organischen Bau des jungen Gemeinwesens, dessen starke und reine Grundlagen sind: Nationale Sprache und Kultur, nationaler Boden und nationale Arbeit. In den Städten erwuchsen hunderte und aberhunderte neuer Wohnstätten. Eine erstaunlich kühne und vielfältige industrielle und gewerbliche Regsamkeit entfaltete sich in Groß- und Kleinbetrieb. Schaffenswille und Schaffenskraft haben einen industriellen Arbeiterstand neben dem landwirtschaftlichen ausgehämmert. In immer gesteigertem Maße müht sich das neue Unternehmertum, einer qualifizierten Produktion Absatz zu erschließen. Gleichzeitig aber ist das Grundwerk des Aufbaus, die landwirtschaftliche Siedlung, die Erlösung des Bodens, die Verwurzelung des jüdischen Bauern mit der Scholle, erfreulich fortgeschritten. Immer stärker wird in Erez Israel und außerhalb der Ruf und die Sehnsucht nach „Land, mehr Land!“ Der Erwerb von beträchtlichen Bodenflächen war eine würdige Antwort auf das Verlangen der neuen Menschen der jüdischen Erde. Aber die Eröffnung neuer Siedlungsmöglichkeiten stellt uns zugleich vor die Fülle der verantwortungsvollen Probleme planmäßiger und Erfolg verbürgender Siedlung, die unseren ganzen Ernst und Fleiß beanspruchen werden. Das Land, wie es sich in jungem, pulsierendem Leben regt, hat begonnen, seinen Geist über das ganze Galuth auszustrahlen. Die Anziehungskraft von Erez Israel ist in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen, nicht nur bei den Pionieren und denen, die sich zur Ansiedlung im Lande rüsten. Viele von denen, die früher unseren Hoffnungen kühl gegenüberstanden, sind in den Bannkreis Erez Israels gezogen worden und finden sich in Tat oder Absicht bereit, mitzuhelfen an seinem Aufbau zur Ehre des jüdischen Namens. Mit besonderer Genugtuung erfüllt uns die stetig wachsende Zahl der Jungen in unseren eigenen Reihen, die das Einsetzen immer neuer Kräfte auf den Feldern unserer Arbeit verbürgt. Verstärkt hat sich auch die Bereitschaft materieller Leistung: unsere beiden zentralen nationalen Fonds, der Keren Kajemeth, und der Keren Hajessod, für Erlösung des Bodens und für Aufbau der Heimstätte, haben sich in den Herzen von Hunderttausenden von Freunden verwurzelt. Dies ist uns ein Ansporn für die Zukunft, in der wir noch viel, viel mehr fordern müssen, Maß um Maß, wie unsere Arbeit wächst und wie wir wollen müssen, daß sie wachse. So können wir auf die vergangenen beiden Jahre nicht ohne Genugtuung zurückblicken, wenngleich unser Verlangen nach großer und schneller Leistung, wenngleich Selbstkritik und Kritik der anderen uns leicht bewahren werden vor jeder Selbstzufriedenheit. Eines ist sicher: wir fühlen — und es ist ein kostbares Gefühl —, daß Leben in uns und unserer Sache ist und daß wir vorwärts gehen. Das gibt uns heute Schwung und Kraft vor Hindernissen und Schwierigkeiten, die wir morgen werden bewältigen müssen. Was aber geschaffen wurde, die bisherige Leistung ist aus dem Zusammenwirken zweier Faktoren erwachsen: der zionistischen Bewegung, deren stärkster und klarster Ausdruck unsere Zionistische Organisation ist, und des schöpferischen Jischuw in Erez Israel. Der Kongreß wird der Organisation neue Kraft und neue Impulse zu geben haben, diese Organisation, die Großes geleistet hat und noch zu großen Leistungen berufen ist. Der Kongreß wird auch dem Jischuw zu geben haben, was ihm gebührt: Rückhaltslose Stütze und Vertrauen, das Vertrauen einer Organisation, die sein Werk liebevoll miterlebt und seinen Arbeitsanteil zu würdigen weiß. Und so, Freunde, wenn wir jetzt an die Aufgaben des Kongresses herangehen, lassen Sie uns die Arbeit tun als verantwortliche Bevollmächtigte des zionistischen Willens von Hunderttausenden in aller Welt und im Geist und Verstehen geeint mit unseren Brüdern und Schwestern in Erez Israel. (Großer Beifall und Händeklatschen.) Ich erkläre den 14. Zionistenkongreß für eröffnet. Eine Botschaft des Bundeskanzlers der Republik Österreich, Dr. Rudolf Ramek Der österreichische Bundeskanzler stellt der „Wiener Morgenzeitung“ die folgenden Ausführungen zur Verfügung: Der Zionismus ist eine der meist umstrittenen Volksbewegungen der letzten Jahrzehnte. Ich habe die Entwicklung dieser Bewegung mit Interesse verfolgt und die Wahrnehmung gemacht, daß der Zionismus auch innerhalb des Judentums selbst Gegnerschaften gefunden hat und, wenn auch in geringerem Grade, heute noch findet. Es ist daher sicherlich nicht zu verwundern, daß er in der christlichen Bevölkerung vielfach auf Gegnerschaft stößt. Ich selbst bin überzeugt, daß der Zionismus kein Interesse der christlichen Bevölkerung verletzt, daß er im Gegenteil eine Bewegung darstellt, die geeignet erscheint, uralte Gegensätze auszugleichen und ein besseres, auf Achtung gegründetes gegenseitiges Verständnis zu fördern. Dem 14. Zionistenkongreß möchte ich als gegen-- wärtiger Leiter der österreichischen Bundesregierung und als Mitglied der christlichsozialen Partei wünschen, daß er nach Abschluß seiner Verhandlungen in der Lage sein möge, unter anderen mit der Durchführung seines Programmes zusammenhängenden Erfolgen auch den zu verzeichnen, daß er in der von mir angedeuteten Richtung wirksame Aufklärung verbreitet hat.