Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 33 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- Seite 642 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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642 Das Jüdische Echo Nr. 33 Abends, wenn du da.s Kolleg von Kuno Fischer verläßt und dich seine Gestalt noch verfolgt: ein jugendlicher Greis, das’ Auge noch völlig frisch, das Haupt gänzlich haarlos, die vereinzelten Silberfäden auf ihm aussehend, als ob sie allen Kronen der Welt Platz machen wollten, und in deinem Herzen trägst du die Perlenkette mit dir, die dieser Greisenjüngling dem wunderbarsten aller Erdensölme, Wolfgang Goethe, um das Haupt windet, vor dem nach den Worten des Dichters „alle Sternenbücher entrollt“ und der „mit des Meeres brandenden Wogen sang“, und deine Seele ist vollgesogen von dem jugendlichen Übermut des Dichterfürsten und dem Traume seiner Träume: Friedericke, der Zierde der Frauen, — da öffnen sich vor dir Pforten eines Glückes, das du noch nicht gekostet, das dir aber allein seit Ewigkeit wie ein verschlossener, in Mysterienbalsam versunkener Garten bewahrt ist, und dein Inneres füllt sich mit unendlicher, namenloser Sehnsuchtssüße. In dieser Stunde ist deine Seele siebenfach rein und geläutert und ganz der Gotteswelt hingegeben, um ihr das in Eins verschmolzene Gute und Schöne darzubringen. Und du verspürst Titanenkraft, das All wird dir zu eng und du fühlst, daß dir jene Adlerschwingen wachsen, die Faust erträumte — derselbe Faust, der ebenfalls im schönen alten Heidelberg Student war. Und plötzlich wiederum — die Flottenvorlage und es scheint dir und deinem jungen Herzen, daß dir nichts für sie zu tun zu schwer falle. Rein von dem Hauch eines Fehls, lauter wie die Lauterkeit des Heiligen scheint sie dir die leibhaftige Unschuld und Entrücktheit. Und so lebten wir. Das heißt, wir lebten nicht, sondern wir hatten die Absicht zu leben — zu wirken und zu schaffen in den Grenzen des großen dramatischen Lebens, das viel Kenntnis und eine der Tat vorhergehende große und schwere Vorbereitung beansprucht. Und so lebten wir, genießend und sehnsuchtsvoll, wachsend und sinnend, begeistert und fleißig lernend und uns vertiefend, um nicht, Gott bewahre, in das Innere mit leeren Händen einzutreten, sondern nach allen Regeln der Kunst vorbereitet zu sein — um nicht unseren Meistern, den großen Leuchten, Schande zu machen, und nicht uns selbst im „Triklin“ schämen zu brauchen, daß wir im „Prosdor“ uns nicht gehörig vervollkommnet haben. Die ganze Welt und auch wir vier Studenten waren also mit ganzem Herzen und ganzer Seele der Flottenvorlage ergeben. Die Geschichte aber war folgende: Wenn wir von der Mühe des Tages ermattet waren oder wenn wir die Stadt nicht weit hinter uns lassen wollten, gingen wir hinaus zum Schloß oder in den Garten zu seinen Füßen, um dort spazieren zu gehen und den großen Zauber dieses Ortes zu genießen, denn dieses Schloß und dieser Garten sind wie ein Vers, eine Strophe aus den Strophen des großen Gesanges, den Gott seiner Welt geschenkt hat — das rheinische Deutschland. Jugendliche Gespräche führend, begegneten wir hie . und da Einheimischen, den „jungen Bourgeois“, und Gesichtern der Engländer, die nur zur Verunstaltung jedes schönen Fleckchens Erde geboren sind. Einmal stießen wir auch auf ein blondes Mädchen, einen „Backfisch“, , wunderbar hoch und ebenmäßig gewachsen, mit lustigen neugierigen Augen, die alles, was ihnen auf dem Wege begegnet, in sich einsaugen. Die geschäftige Alte, die sie begleitete — scheinbar ihre Mutter —, merkte sofort, womit es ihre Tochter uns angetan hatte, und sah sie mit verhaltenem Ärger an. der mit etwas Einbildung vermengt war. Das Mädchen war nicht etwa schön wie alle Mädchen, denen wir sonst begegneten, sondern wenn ein Bildhauer sich ein Modell der Jugend in seiner vollen engelsgleichen Reinheit gesucht hätte, hätte er keine schönere Gestalt als sie, keine reinere Anmut als die finden können, die über ihren ganzen elastischen Körper flutete. Und wie wir nicht wußten wozu und warum, ebensowenig wußten wir, wer von uns es zuerst tat, aber unsere Blicke trafen sich — und warm waren unsere Blicke und ergötzten sich einer am andern und augenblicks wußten wir, daß wir glücklich sind, weil es in dieser schönen Welt ein gutes Herz, ein gutes Auge und eine segenspendende Sonne gibt. Sicherlich blicken sich die züchtigen Birken vor Pessach mit der ersten Frühlingssonne so an. Mit der Absicht, das Mädchen zu treffen, zögert wir auch am nächsten Tage zum Schloßberg. Diesmal begegneten wir i'hr nicht, aber nach zwei Tagen sahen wir sie wieder in Begleitung ihrer Mutter. und wieder begegneten sich unsere Blicke. Wir sahen, daß die Alte nicht sehr entzückt über uns war, aber wir taten, als ob wir es nicht bemerkten und gingen an ihnen ehrfurchtsvoll und nicht herausfordernd vorbei. Die kleine Blondine schleuderte einen Sprühregen des Liebreizes ihrer großen, neugierigen, azurblauen Augen auf uns. Was kümmert uns die Alte, dje uns ungnädig ansah? Wir finden Genüge an den Augen ihrer Tochter. Und von nun an, wenn einer von uns s i e traf, pflegte er es seinen Kollegen zu erzählen und sie beneideten ihn den ganzen Tag. Im Verlaufe des Sommers brachten wir heraus, in welcher Allee sie mit Vorliebe spazieren gingen und an welchem Tage sie überhaupt nicht kamen. Manchmal senkte sie die Augen zu Boden und faltete in komischer Weise ihre wolkenlose Stirne, und wir dachten, daß die. Alte unser yon ferne gewahr wurde und sie vor uns warnte. Manchmal öffnete sie weit ihre blauen Augen uns entgegen und wir sagten: heute ist der Alten ihr Kaffee gut geraten. Unsere Welt der Wissenschaft und Poesie wurde noch schöner, denn ein lieber und guter Engel mit blauen Augen und blondem Haare schwebte über sie. Nach nicht langer Zeit war es uns klar, daß wir alle — sowohl der gedankenschwere Philosoph, als auch der Chemiker, der künftige Nachfolger Viktor Meyers, wie der Schüler Jellineks, ein werdender Demosthenes seines Zeitalters und auch ich, euer gehorsamer Diener, — an diesem Mädchen mit unserer Seele hingen. Die Sache war jedem von uns aus dem Munde seiner Kollegen bekannt und nicht etwa, weil er es selbst fühlte. Fühlt denn die Malve die Kraft, die sie zur Sonne wendet? Die Sache war so einfach und selbstverständlich, daß wir uns nicht vor einander schämten. Ihren Namen kannten wir nicht, auch wußten wir nicht, wie man ihn erfahren könnte. Sie war schön, und das war genug für sie und für uns. Ihre Augen verrieten, daß sie, wenn sie uns trafen, froh war — und darin bestand unser Glück. Es schien uns, als ob sie auf andere außer uns gar nicht sah, und wenn sie sah, ihr Blick so kalt blieb. Was brauchten wir weiter? (Schluß folgt.)