Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-08-14 · 33 (14.8.1925) · p. Seite 641

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
33 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
Seite 641 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9155971--07031-9079749
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 33 641 Lias Jüdische Echo Stille, verzaubert horchender Garten, silberner Mond, und Feld und Wald und Meer. Elegie, Humor, schwelgerischer Lyrismus ... * * * Tschernichowskys dichterisches Werk ist in zwei großen Prachtbänden: „Schir-im“ (Verlag Haschiloach, Odessa) und Schirim chadaschim“ (Verlag Stybel, Berlin) erschienen. Er gilt in der Literaturkritik als der hebräische Heine, an den er;in manchen Stimmungen seiner Jugendlyrik, besonders in seinen Liebes- und Naturliedern erinnert. Tschernichowskys Stärke in späteren Jahren ist die hexametrische Idylle, in der er unübertrefflicher Meister wurde. Die Einbürgerung des Hexameters und anderer klassischer Metren in der neuhebräischen Literatur (bekannt ist seine Übersetzung an a kreontisch er Dichtung) ist mit sein Verdienst. Als souveränen Beherrscher der Form zog ihn auch der strenge Bau des Sonnetts an, für dessen Erneuerung in der hebräischen Literatur er bahnbrechend wurde. Besondere Berühmtheit erlangten seine Übersetzungen großer Volksepen der Weltliteratur, besonders des finnischen „Kad e w ail(a“- und des assyrischen „G i 1 g a m e s c h“-Epos. ‘ Das Erscheinen seiner Übersetzung der homerischen Gesänge ist bereits seit längerem angekündigt und wird eines der bedeutendsten Ereignisse der neuzeitlichen hebräischen Literatur bedeuten. Begeisterten Beifall fand auch seine für die Jugend angefertigte glanzvolle Übersetzung von Longfellows „Hiawatha“. Von derselben Anmut und Grazie wie seine Liebeslieder zeugen auch seine „Erzählungen“ (Verlag „Dwir“ Berlin), von denen wir im folgenden eine unseren Lesern darbieten. Tschernichowsky verbrachte seine medizinische Studienzeit Jn der Universitätsstadt Heidelberg. Die Schönheit und Ehrwürdigkeit der Stadt, die liebliche Natur des Neckartales und die Grazie der jungen Heideibergerinnen haben die Poesie seiner Studentenzeit inspiriert und bestimmend beeinflußt. Einer frohen Erinnerung an diese schönen Heidelberger Tage ist unsere Erzählung gewidmet. „Flottenvoriage“ Erzählung von Saul Tschernichowsky. Aus dem Hebräischen von Dr. Max Mayer. Wenn ich die Studenten unserer Tage betrachte und sehe, wie sie mit dem Aufbau aller Nationen und Jeglicher Weltenverbesserung befaßt sind und bis über den Hals in Politik stecken, so werde ich manchmal . nachdenklich: vielleicht wäre es für Sie und andere besser, wenn sie in jugendlichem Unsinn versunken wären? In meiner Erinnerung steigen wie von selbst gute und ferne Tage auf —■ da ich selbst noch ein Student im schönen alten Heidelberg war und auch wir uns mit Politik befaßten, wir „Musensöhne“, wie man uns in Deutschland zu nennen pflegte. Es war damals eine schicksalsschwangere Zeit, in der die Schaffung einer mächtigen deutschen Flotte projektiert war. Alle Zeitungen waren voll von Diskussionen: die einen sind dafür, die anderen dagegen. Im Reichstag erhitzen sich die Geister immer mehr und schließlich kommt es dazu, daß ein Abgeordneter den anderen ohrfeigt. Die Presse erörtert wiederum eitrigst: die einen halten diese Tat .für äußerst kompromittierend, die anderen für höchst ehrenvoll. Dicke Bücher, dünne Broschüren, Aufrufe, Proteste, Gutachten, Pamphlete und Reden, Reden ohne Ende: die einen verteidigen, die anderen klagen an, die einen bauen, die anderen reißen ein. Es gibt schlechterdings keinen Menschen in Deutschland, der nicht eine eigene Meinung in der Angelegenheit der Flottenvorlage hätte. Die ausländischen Politiker blicken auf die Geschehnisse im Kaiserreich Wilhelm II., meditieren und prophezeien der kommenden Generation eine große Zukunft. In Deutschland selbst machen die politischen Führer ernste Gesichter, lassen zweideutige Worte fallen und verdecken mehr als sie aufklären. Kaiser Wilhelm ist noch Beherrscher der Welt, sieht die Zukunft seines Landes „auf dem Wasser“ und zwingt dem gesamten Volk sein „Ich will“ auf... Wenn es sich mit den Großen des Landes so verhielt, sollten da nicht auch vier junge Studenten den ganzen Tag an die Flottenvorlage denken und sie nachts im Traume sehen? Ist es denkbar, daß sie nicht beim Aufstehen und beim Niederlegen, auf dem Wege zur Hochschule von ihr sprechen und daß s i e nicht den Gesprächsstoff bildet, wenn sie nach dem Kolleg aus dem großen Hörsaal stürzen? Wenn die bedächtigen Alten zu solcher Begeisterung fähig waren, um wieviel mehr wir Jungen, die wir an sich leicht entzündbar sind, und vor denen sich stündlich in jedem Auditorium neue Horizonte auftaten, neue schöne und gute Welten, vor unseren Augen, geschaffen durch das Schöpfungswort unserer großen Lehrer der Wissenschaft, die der ganzen Menschheit zur Zierde gereichen und deren Inneres Schätze der Weisheit und Speicher des Gedankens bargen. All diese wunderbaren Großen sind Tag um Tag, Stunde um Stunde vor dir und alle Vorhöfe stehen offen vor dir und du bist urbereit, auch in das Innere einzudringen, und bist im Begriffe, zum Beherrscher aller dieser Speicher und Schätze zu werden zum Besten und zur Verbesserung der ganzen großen Welt. Die hohen und erhabenen T^re der Unsterblichkeit stehen vor dir geöffnet und es wird dir eng und weit ums Herz, denn es gibt doch nichts, das deinem Verstände zu wunderbar, nichts, das deinen Augen verborgen wäre. Das heißt: einstweilen gibt es noch Unverständliches und Verborgenes — für deine Meister, den Genien der Menschheit. Aber sie alle sind ja auch nur dazu da, daß durch sie und ihre Lehre dein eigener Ruhm in die Erscheinung trete und wachse, und wenn sie alt geworden, werden sie ihre Autorität auf dich übertragen und du wirst zum Herrscher über alle Schätze der Weisheit und Speicher des Gedankens der Menschheit werden, —■ der „Menschheit“ mit großen Buchstaben. S. LEVINGER MÜNCHEN Bayerstraße 25 Pfisterstraße 6 am Hauptbahnhof am Platzl Zigarren / Zigaretten Rauchtabake Das Haus für feine Tabakerzeugnisse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.