Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 33 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- Seite 637 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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iNr. 33 Das Jüdische Echo 637 Hakenkreuzler und Zionistenkongreß Die bevorstehende Tagung des Zionistenkon- :gresses in Wien wird von den Deutschvölkischen in iahen Ländern zu einer neuen antisemitischen Generaloffensive mißbraucht. Seit Wochen wird den Lesern der Hakenkreuzpresse vor der bevorstehenden „Verschwörerkonferenz“ gruselig gemacht, und ihnen bei dieser Gelegenheit: mal wieder Auszüge aus den „Weisen von Zion“ zum» besten gegeben. Nachdem man in Deutschland doch monatelang den Barmatrummel überallhin ausposaunte und aus begreiflichen Gründen jetzt von dieser Angelegenheit sich etwas zurückzieht, beschäftigt man sich in Ermangelung eines anderen Materials mit dem Zionistenkongreß in Wien. Der einzige „Erfolg“, den diese Alarmnachricht aus Wien in Deutschland haben kann, ist allerdings der, daß ein Tei der Anhänger der Deutschvölkischen gegen die jetzige christlich-soziale österreichische Regierung aufgepeitscht wird. Ernster ist natürlich die Situation in Deutsch-Österreich, namentlich in Wien. Es ist den Herrschaften dort zweifellos gelungen, durch die planmäßig vorbereitete seit: Wochen gehende Hetze eine Erregung in die Massen hibeinzubringen, wie sie: dort seit langem nicht mehr vorhanden war. Es werden von dieser Seite künstlich Zusammenstöße provoziert, um sie mit dem doch erst: Mitte August beginnenden Zionistenkongreß in irgendeine Verbindung bringen zu können. Man geht aber auch dort jetzt „legal“ vor. So brachten die Bundesräte Stöcker, Berger und Genossen im Bundesrat eine Anfrage ein, die sich gegen die Genehmigung zur Abhaltung des Zionistenkongresses in Wien richtet. In dieser Anfrage heißt es unter anderem: „Bei den mangelhaften Reinliichkeitsbegriffen dieser Elemente ist auch mit arger Verunreinigung der nach Wien führenden Bahnen zu rechnen.“ Die Wiener Regierung hat bisher nach wie vor mit aller Entschiedenheit betont, daß sie jeglichen Terror gegen den Kongreß mit aller Energie unterdrücken werde. Erst vor wenigen Tagen bestätigte Bundeskanzler Dr. Ramek gegenüber einer Abordnung germanischer Rassenschützler dies von neuem. Treffend schreibt das „Neue Wiener Abendblatt“: „Dunkel sind die Wege der Hakenkreuzler. Auch vom antisemitischen Standpunkt aus ist es nicht recht zu ersehen, warum der Zionistenkongreß die Leidenschaften und — wie sie es behaupten — die Besorgnisse der Herren in solchem Maße erregt. Von ihrem Standpunkt aus müßten die Hakenkreuzler eine Organisation nachdrücklich begrüßen und beschützen, deren Zweck es ist, Juden von Europa abzuschieben und in Palästina anzusiedeln, oder, um in der Sprache der Rassisch-völkischen zu sprechen, die „Wirtsvölker“ von diesen „ungebetenen Gästen“ zu befreien. Was wollen also die Hakenkreuzler? Die Juden lim Lande wollen sie nicht dulden, und gegen den Zionismus, der die Juden außer Landes bringen will, machen sie gleichfalls Front. Dunkel sind die Wege der Hakenkreuzler.“ Das Blatt meint weiter zu den Drohungen der Terroristen: „Es handelt sich nicht mehr in erster Linie um die Zionisten und ihren Kongreß, sondern um die Frage, ob Österreich ein Rechtsstaat ist, und ob hier der Wille der legalen Staatsgewalt oder die Eingebungen irgendeiner gewalttätigen Minderheit entscheiden.“ Eine Verschärfung der Situation ist zweifellos durch die Ermordung des Kohlenhändler-Sohnes Joseph Mohapel auf dem Praterstern am Sonnabend den 1. August eingetreten. Mohapel hatte einen Zuarnmenstoß mit Teilnehmern an der Beerdigung des sozialdemokratischen Altbürgermeisters Neumann, von denen er für einen Hakenkreuzler gehalten wurde. Mohapel flüchtete in das Hotel Dresden, wohin ihn einige junge Burschen verfolgten und mit Messerstichen tödlich verletzten. Dieses schwere Verbrechen, für das als Haupttäter ein bekannter Raufbold und Zuhälter in Betracht kommen sollte, der bereits durch die Polizei in Haft genommen ist, wird von den Völkischen in unerhörter Weise ausgenutzt zu einer scharfen Hetze sowohl gegen die sozialdemokratischen Parteien, aber ' vor allem gegen die jüdische Bevölkerung. Künstlich will man auch dieses Attentat mit dem bevorstehenden Zionistenkongreß in Zusammenhang bringen. Auch das christlich-soziale Regierungsorgan, die Reichspost, spricht bei dieser Gelegenheit von einer Folge der Hetze jüdischer Blätter und sozialistischer Führer. (J.Z.) Eine Erklärung der österreichischen Bundesregierung zum Zionistenkongreß Antwort auf eine Interpellation. Die Staatskorrespondenz meldet: Die Anfrage der Bundesräte Stöcker, Berger und Genossen in der Sitzung des Bundesrates vom 30. Juli 1925, betreffend aus der Abhaltung des Zionistenkongresses in Wien erwachsende Gefahren für die innere Ruhe und Ordnung und die Schädigung der Interessen der bodenständigen Bevölkerung hat der Bundeskanzler schriftlich beantwortet wie folgt: Die Bundesregierung hat, indem sie ihre Zustimmung zur Abhaltung des Zionisfenkongresses in Wien gab, sich durchaus im Rahmen internationaler Gepflogenheiten gehalten. Überdies hätte sie auch keinerlei politische Veranlassung, den am 18. d. M. beginnenden Zionistenkongreß, der sich übrigens, auf die gewählten Delegierten und geladenen Gäste beschränkt, zu verbieten. Vom allgemeinen politischen Standpunkte aus kann im Hinblicke auf die Ziele des Zionismus dem Kongresse nicht entgegengetreten werden. Der Zionismus, der in seiner modernen Gestalt i n Wien seinen Ursprung nahm, bezweckt laut seinem offiziellen und seit Jahrzehnten festgehaltenen Programme die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Dadurch, daß Palästina den Juden vom Völkerbund als Heimstätte zugesprochen wurde und England den Auftrag des Völkerbundes erhielt und annahm, den Aufbau dieser Heimstätte zu sichern, ist ein großer Schritt vorwärts auf dem Wege zur Verwirklichung des zionistischen Programms getan worden. Noch energischer und zielbewußter als früher ist seither die Zionistische Organisation bestrebt, der Wanderung der Juden die Richtung nach Palästina zu weisen. Es ist nicht eine Frage der Sympathie oder Antipathie, wenn wir auch von einem rein österreichischen Inter-