Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 33 (14.8.1925)
- Date
- 1925-08-14
- Page
- Seite 636 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9155971--07026-9079744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
636 Das Jüdische Echo Nr. 35 Der XIV. Zionistenkongreß Am nächsten Dienstag wird in Wien der XIV. Zioiristenkongreß eröffnet werden. Diese Tagung ist nicht nur eine Angelegenheit der Zionistischen Organisation und bedeutungsvoll für die bereits in Palästina bestehende Siedlung, sondern ist das zentrale Ereignis dieses Jahres für das gesamte jüdische Volk. Im Monat August fand in Berlin die zweite Emigrationskonferenz statt. Im Juli d. Jrs. kamen in Paris die Vertreter der großen jüdischen Hilfsgesellschaften zusammen, und an den Beratungen nahmen die prominentesten Vertreter der großen jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften teil. Die Pariser Besprechungen und die Berliner Konferenz sind zweifellos von großer Bedeutung für die jüdische Gegenwart gewesen. Aber ohne die Wichtigkeit der Wohlfahrtsarbeit auf dem Gebiete der Hilfstätigkeit schmälern zu wollen, — diese Konferenzen können in keiner Hinsicht dem Zionistenkongreß gleichgestellt werden! Der Grund hierfür ist sowohl die Organisation des Zionistenkongresses wie auch das Ziel, dem er dient. Die Wiener Tagung ist der Ausdruck des demokratischen Willens desjenigen Teiles des jüdischen Volkes, der eine radikale Lösung der Judenfrage durch Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina erstrebt, und auf dem Kongreß sind nicht nur Vertreter einer Partei versammelt, sondern Juden verschiedener Geistesrichtung und Weltanschauung, von intransigenten Sozialisten bis zu unentwegten Anhängern des orthodoxen, traditionstreuen Judentums. Darum bietet der Zionistenkongreß ein Abbild des gesamten jüdischen Volkes und ist der tatsächliche Ausdruck des jüdischen Beiahungs- und Zukunftswillens. Die Beratungen des Zionistenkongresses werden hauptsächlich den praktischen Fragen des Palästinaaufbaus gelten. Der ungeheuere Aufschwung, den die Entwicklung des Landes in den letzten Jahren genommen hat, die Tatsache der Massenein Wanderung von Juden aus osteuropäischen Ländern nach Palästina, stellen an die Zionistische Organisation Anforderungen von ungeahnten Ausmaßen, Die Kolonisationsmethode, die bisher mit geringen Mitteln und wenig Menschen gerechnet hat, muß sich den neuen Bedürfnissen anpassen. Die Frage, ob in erster Linie landwirtschaftliche Kolonisation getrieben werden soll, oder ob man der industriellen Entwicklungsmöglichkeit Aufmerksamkeit zuzuwenden hat, verlangt dringend einer Klärung. Die Frage der Privatinitiative, die Frage der Aufbringung der Mittel für allgemeine Aufgaben des Aufbaus, die Stellung zur Mandatarmacht und zur arabischen Bevölkerung im Lande sind Probleme von weittragender Bedeutung und sie werden Gegenstand eifriger Betrachtung in den Kommissionen des Kongresses sein. Neben dieser sachlichen Arbeit in den Ausschüssen wird das Plenum des Kongresses in verschiedenen Hinsichten seinen Willen zu manifestieren haben. Da ist zuerst die Frage der Erweiterung der Jewish Agency, die wohl durch die letzten Erklärungen der Zionistischen Exekutive an Schärfe verloren hat, die aber dennoch vom Kongreß-Plenum behandelt werden muß, um noch einmal darzutun, daß die Zionistische Organisation die Mitarbeit aller jüdischen Kreise,, die die Balfour-Deklaration anerkennen und am Aufbau des jüdisch-nationalen Heimes mitwirken wollen, willkommen heißt. In eindringlicher Weise wird ferner der gesamten Kulturwelt vom Zionistenkongreß Ziel und Absicht des zionistischen Strebens dargetan werden. Vor Vertretern der österreichischen Regierung, in Anwesenheit des Gesandten des britischen Weltreiches und vor den Vertretern der Weltpresse wird in feierlicher Weise bekundet werden, daß sich das Streben des jüdischen Volkes zur Erreichung einer nationalen Vereinigung und nationalen Geschlossenheit im Einvernehmen mit den besten Ideen der Kulturmenschheit auswirken will. Auf dem XIV. Zionistenkongreß werden die Delegierten der deutschen Zionist ischen Vereinigung, wenn auch nicht ihrer Zahl nach, so doch infolge ihres Programmes, eine bedeutende Rolle spielen. Deutschland liegt im Schnittpunkte zwischen Ost- und West Judentum. Die in Deutschland vorherrschende zionistische Richtung ist der Ausdruck der mittleren Linie hinsichtlich aller innerhalb der Zionistischen Organisationen vorhandenen Anschauungen. Insbesondere ist es die Stellungnahme der deutschen Delegierten zu Organisatiönsfragen und zur Frage der Arbeitsmethoden in Palästina, die geeignet erscheinen, die Zustimmung der Vertreter der gesamten Zionistischen Weltorganisation zu finden. Mit Spannung wird die gesamte Judenheit, möge sie der Zionistischen Organisation angehören oder ihr fernstehen, die Verhandlungen des Zionistenkongresses verfolgen. Mögen die Ergebnisse seiner Beratungen der jüdischen Gesamtheit zum Heil und Segen gereichen! M. W. /