Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 31 (31.7.1925)
- Date
- 1925-07-31
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Das Jüdische Echo Nr. 31 Katholikenhetze auf Borkum in Ermangelung von Juden. Berlin (J.T.A.Ü Das „Berliner Ta gehl all“ schreib!: „In einem seiner Bergeret-Romane berichtet Anatole France von einer antisemitischen Vereinigung, die an einem kleinen französischen Orte gegründet wurde und sich, da es an diesem Orte keine Juden gab, zunächst der Bekämpfung der Protestanten widmete. Entsprechendes begibt sich jetzt auf Borkum. An die Stelle der Judenhetze tritt dort jetzt eine Art Katholikenhetz e. Der bekannte Pfarrer M ii n c h m eyer hielt kürzlich wieder einen Vortrag. Einleitend behauptete er, es sei unzutreffend, daß er nach Vertreibung der Juden von der Insel jetzt die Katholiken forthaben wolle und deshalb eine Hetze gegen sie betreibe. Tatsächlich war aber sein Vortrag nichts anderes als eine fortgesetzte Schmähung der Kirche und des Papstes. Dazu ist zu bemerken, daß verschiedene katholische Vereinigungen auf der Insel Borkum eigene Erholungshäuser haben und auch ein Erholungsheim für katholische Pfarrer dort besteht. Hakenkreuzerziehung mit dem Revolver. Die „Welt am Montag“ (Nr. 29 v. 20. 7.) enthält unter dieser Überschrift folgende Notiz: Im „Hinterpommer“ v. 8. Juli wird aus P o 1 z i n berichtet: In unserem Kurort weilt eine jüdische gEamilie Reinglas zur Erholung. Ihr elfjähriger Junge spielt eines Tages im Kurpark. Eine Horde Polziner Schuljungen kommt auf ihn zu und for- 4 d^rj unter1 Vorzeigung des Hakenkreuzes eine Schlägerei. Der zehnjährige Sohn des Zigarrenhändlers F r?ävd r i c h , der auch zu jenen hoffnungsvollen Jünglingen gehört, zieht einen geladenen Revolver und setzt ihn auf die Brust des jüdischen Knaben, um ihn zu „erledigen“. Anwesende Gäste verhinderten das Vorhaben dieser Hakenkreuzlümmels. Da der zehnjährige Hakenkreuzsohn doch wohl keinen Waffenschein besitzt, ist der Hakenkreuzvater olfenbar für den Unfug verantwortlich. Was sagt die Polziner Polizei Verwaltung zu diesem Vorgang?“ Ein „arisches Theater“ auch für Berlin Berlin (J.T.A.). Wie die J.T.A. bereits mitgeteilt hat, hat sich in Wien eine Deutsche K u n s I g e m e i n s c h a f l gebildet, die es sich zur Aufgabe gestellt hat, eine ständige „arische Bühne“ zu schaffen, deren Spielplan nur Werke arischer Schriftsteller und Komponisten umfassen und deren Ensemble sich nur aus arischen Künstlern zusammen«^tzen soll. Juden soll der Eintritt in das Theater -verboten sein. Mit einem ähnlichen Projekt beschäftigen sich gegenwärtig führende Rechtskreise in Deutschland. Etwa drei Dutzend Persönlichkeiten des Rechtskurses, unter ihnen zwei Prinzen von Lippe, der Präsident der Vereinigten Vaterländischen Parteien Graf v d. Goltz, der frühere Staatsminister v. Loebell, Pfarrer Traub, Hofprediger Doehring, einige Generale, evangelische Pfarrer, Geheimräte, Bürgermeister, Professoren, Generaldirektoren usw. veröffentlichten soeben einen Aufruf zur Gründung einer „N a t i o n a 1 b ü h n e“. In dem Aufruf heißt es u. a.: „Unser Spielplan wird die Werke der großen germanischen Dichter der Vergangenheit und das Schaffen der lebenden deutschen Dichter umfassen.“ Aus dem weiteren Inhalt ist zu verstehen, daß nicht allein Werke von klassischen und modernen Dichtern des Auslands, sondern auch Werke von Juden deutscher Zunge ausgeschlossen bleiben sollen. Es wird nicht allein an eine einzige Bühne gedacht, sondern es sollen bestehende Theater gepachtet und neue Theater gebaut werden. Im Norden Berlins soll der Anfang gemacht werden. Die notwendigen Summen sollen durch „Bausteine“, „Patronatscheine“ bechalft werden. III il Ullllll iiliiii ii' i 11 || Feuilleton II llllll III llllll IIIIIIIIIIIIIIII m Brief aus einem Kurort ...Juli 1925. Verehrter Herr Redakteur! Sie gewähren den Produkten meiner Feder so oft eine Heimstätte im „J. E.‘\ daß ich es mir nicht versagen kann, auch auf der Reise Ihrer zu gedenken, wenn meine Erlebnisse auch nicht von weltbewegender Bedeutung sind. Das Ziel meiner Reise war diesmal eine große Badestadt, welche vor dem Weltkriege bessere Zeiten gesehen hat und heute noch an den Nachwehen desselben krankt. Nach ermüdender Reise an meinem Bestimmungsort eingetroffen, war ich auch rasch zu meiner Herberge gelangt; große Auswahl haben dabei Leute meines Schlages nicht, da nicht allzuviele am Platze sind, welche ihr Schild durch den ominösen Vogel (den .Gronemann als Janschuf bezeichnetj zieren — ein Merkmal, daß die leiblichen Genüsse hier im Einklang mit den seelischen Bedürfnissen stehen. Doch bin ich hier auf das Vortrefflichste aufgehoben und schon meine ersten Begegnungen mit den kulminarisehen Genüssen des Hauses gaben mir Gewißheit, daß der Hamburger Verein und sein seelsorgerischer Beirat von hier aus Angriffe auf ihr Gewissen nicht zu erwarten haben. Bekommt man doch den Wein, versehen mit erstklassigen Siegeln, uneröffnet zum Tisch und sogar die Brötchen erfreuen sich eines „Hechscher“-Zettelchens, das der peinlichsten Prüfung schärfster Augen Stand halten kann. Habe ich mir schon auf der Reise überlegt, ob ich die Hilfe eines Arztes hier in Anspruch nehmen soll, so habe ich doch bald das Unnötige eingesehen, da ich im Hotel unter den Gästen eine Anzahl vorfand, welche mir unaufgefordert ihre medizinischen Kenntnisse zur Verfügung stellten. Die guten Leute aus den verschiedensten Ländern, Li lauer aus London, Polen aus Antwerpen, Russen aus Amsterdam, Rumänen aus Amerika neben Deutschen aus den verschiedensten Gauen, nicht zu vergessen meine engeren Landsleute aus den bayerischen Gefilden, machten mich nach flüchtiger Bekanntschaft alsbald mit ihren Leiden — natürlich auch eingebildeten, dabei — vertraut, zeigten mir ihre Rezepte und Verordnungen, so daß ich mir das für mich Zuträgliche leicht herausfinden konnte. War ich somit mit Wohnung und Nahrung versorgt und auch mit den Kurmitleln vertraut, so konnte ich nun dem Zwecke meines Aufenthaltes näher treten: das Heil wasser trinken und dem Baden obliegen, Sie erlassen es mir gerne, Ihnen das Monotone dieser Angelegenheit zu schildern und lassen sich lieber von Land und Leuten erzählen, mit denen man bei einem solchen Aufenthalt in Berührung kommt. Besonders bei den Spaziergängen am „Brunnen44 lernt man Leute kennen, wie man sie nur an Badeplätzen findet.