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Das jüdische Echo · 1925-07-17 · 29 (17.7.1925) · p. Seite 572

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
29 (17.7.1925)
Date
1925-07-17
Page
Seite 572 (sequence 4)
Language
German
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572 Das Jüdische Echo Nr. 29 Warum der Hntisemitismus in Italien keinen Erfolg hat Unsere Antisemiten, die sich so gern die deutschen Faszisten nennen, haben zwar ihrem eigenen Lande genug Schaden zugefügt durch die Hetze gegen seine hervorragendsten und fähigsten Köpfe, weil sie zufällig Juden waren;; aber die Frage nach dem Vorhandensein ihrer eigenen positiven hervorragenden .Leistungen würde sie sicher in Verlegenheit setzen. Marrspielt in diesen Kreisen gar zu gern mit dem Namen Mussolini und ihre Gefolgschaft unter den jungen und jüngsten Hitlerjüngern möchte sich gar zu gern den Schwarzhemden Mussolinis vergleichen, aber man vergißt oder weiß es -nicht, daß in Italien Nationalismus nicht gleichbedeutend ist mit Antisemitismus. Und so wird der Name Mussolini in ihren Händen zu einem irreführenden Aushängeschild. Über Mussolinis Stellung zu den Juden gibt uns aber ein Artikel von Luciano Sileo, Korrespondent des Jewish Exponent in Philadelphia, interessante Aufschlüsse: Obwohl Italien nicht möhr als 50 000 jüdische Einwohner besitzt — mit Triest und dem Trentino —. so hat doch diese kleine Gruppe in dem letzten Jahrhundertviertel rnfchr Staatsmänner und Politiker hervorgebracht als die Juden der übrigen europäischen Länder insgesamt. Italien hatte schon zwei jüdische Premiers: L u z a 11 i und S o n i n o und einen jüdischen Minister des Äußern, Herrn Schanz er, der aus Galizien stammt. Auch Rom hatte einen jüdischen Oberbürgermeister, Herrn Nathan, der im ganzen Lande bekannt war, sowohl wegen seines großen persönlichen Mutes wie als vorzüglicher Mensch. Selbst einflußreiche Persönlichkeiten des Vatikans, die keineswegs von der Aussicht begeistert waren, einen Juden, und dazu einen Freimaurer an d'er Spitze der heiligen Stadt zu sehen, konnten ihm ihre Bewunderung nicht versagen. Luzatti ist bis auf den heutigen Tag der am meisten geachtete Staatsmann Italiens. Ihn achten alle Parteien gleichmäßig: Sozialisten, Liberale wie Faszisten. Er ist nicht allein der größte Ökonom im modernen Italien, er ist auch bekannt als großer Philantrop. Er gilt als der „große alte Mann“ Italiens. Wie überall haben selbst anerkannte Leistungen das Entstehen einer antisemitischen Bewegung nicht verhindert. Preciiosi, der bekannte-Führer der extremen Nationalisten und Herausgeber des faszistischen Organs „Vita Italia“ ist gegenwärtig damit beschäftigt, sich eine größere antisemitische Anhängerschaft zu verschaffen. "Neben ihm, aber unabhängig von der „Vita Italia“ kämpft die „Revista de Milano“. Ihr Hauptargument ist wie bei unsern deutschen Antisemiten, daß zu viele Juden in Italien wären, und darüber hinaus, was für uns nicht zutrifft, daß man sie in jeder Regierungsstelle fände und daß ihr Einfluß auf den Lauf des politischen Lebens größer wäre, als es dem Verhältnis ihrer Zahl entspricht. Die Kampftaktik des Schlachtrufs gegen die Freimaurer ist bezeichnend für diese antisemitischen Gruppen. Denn da die Juden, die fast alle der höheren Mittelklasse angehören, sich gegen den Klerikalismus in verständlicher Opposition befinden, bleibt ihnen nur die Wahl zwischen Sozialdemokratie und Faszismus. Und diese Juden besitzen daher in der Freimaurerloge den einzigen Weg, der ihnen offen ist. Das bemerkenswerte dieser antisemitischen Bewegung ist aber, daß sie ohne Erfolg arbeitet, denn außer Mussolini selbst sind fast alle Faszistenführer Juden, eine Tatsache, die außerhalb Italiens wenig bekannt ist. Auch Herr F i n z i, Mussolinis Innenminister, und die stärkste Stütze des Kabinetts, ist Jude und als. solcher überall bekannt. Auch der bekannteste Sprecher des Faszlsmus Samuel B e 11 i n i ist ein Jude. Andere bekannte jüdische Faszistenführer sind Angeln 0 1 v e 11 i und 0 r i o s. Frau Margarete S a r f o t i, die Chefredakteur in von Mussollinis Blatt, ist gleichfalls Jüdin. Ihr Mann ist ein bekannter faszistischer Führer, Frau Sarfoti gilt als hervorragende Journalistin und man sagt, daß sie auf Mussolini viel Einfluß besitzt:. Mussolini selbst ist gegenüber den Juden ohne jedes Vorurteil. Und da diese Einstellung bekannt ist, haben die antisemitischen Zeitungen nichts erreicht. Man hört nicht auf sie. Und so gibt es zwar antisemitische Blätter, aber keine antisemitische Bewegung in Italien. Eine andere Ursache des Fehlschlages der antisemitischen Bemühungen entbehrt nicht der Groteske. Diese Ursache ist die Verbindung mit den deutschen Antisemiten. Die Stellung, die Mussolini den Juden gegenüber einnahm, blieb nicht ohne Folgen auf die Einstellung, der italienischen Publizisten. Preciosi fand nicht genug Hilfskräfte und um seine Propaganda fortsetzen zu können, bat er die deutschen Antisemiten um Mitarbeit. Das aber wirkte in Italien verstimmend. Denn die deutschen Antisemiten sind zugleich auch als Nationalisten bekannt und als Gegner Italiens. Vor allem aber wandten sie ihre von Deutschland: bekannte Taktik auch in Italien an und das betrachtete man als Einmischung in Angelegenheiten, die sie nichts angingen. Außerdem erinnerten sich die Italiener, daß ihr größter militärischer Mißerfolg, die Katastrophe von Casparetti, ihnen, von den Deutschen zugefügt wor- Bayer. 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