Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 29 (17.7.1925)
- Date
- 1925-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9155962--06957-9079675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 29 17. Juli 12, Jahrgang Die jüdische Wanderbewegung In den letzten Tagen fanden sowohl in London wie in Paris in Versairfmlungen großer jüdischer Körperschaften und in einer Konferenz von Vertretern amerikanischer und europäischer Hilfsorganisationen Besprechungen über die Frage der jüdischen Wanderbewegung statt. Im Monat August soll die zweite allweltliche jüdische Emigrationskonferenz in Berlin zusammentreten, um als Exekutive aller an der jüdischen Wanderbewegung interessierten Hilfsorganisationen die Frage der jüdischen Migration zu diskutieren, und sich über die in dieser Beziehung einzuschlagenden Wege und Methoden schlüssig zu werden. Man kann aus diesen Tatsachen ersehen, welch großes Interesse innerhalb der Weltjudenheit dem jüdischen Wanderungsproblem entgegengebracht wird. Tatsächlich stellt dieses die brennendste Frage der jüdischen Gegenwart dar. Seit mehreren Jahrzehnten vollzieht sich nämlich in Ost- und teilweise auch in Mitteleuropa ein gewaltiger ökonomischer Prozeß, der in diesen Ländern mit jüdischen Massensiedlungen in stärkstem Maße die Existenz der Juden berührt und diese aus dem bisher innegehabten, nunmehr entweder überflüssigen oder von den aufstrebenden Mittelschichten der Wirtsvölker eingenommenen Positionen verdrängt. Der größte Teil der in Osteuropa lebenden Juden ist wirtschaftlich überflüssig geworden! Das ist eine ökonomische Wahrheit, die in ihrer rücksichtslosen Konsequenz die Juden in diesem Teile der Welt zum Untergänge oder zur Flucht verurteilt. Diese wirtschaftliche Sachlage wirkte sich seit Jahrzehnten in den verschiedensten Formen des politischen und ökonomischen Judenhasses aus. Der Chauvinismus, der zu eigenem staatlichen Leben gelangten Polen, Litauer und Letten, die Verfolgungen der Juden in Rumänien, Ungarn und Bulgarien, mögen sie sich politisch, religiös oder wirtschaftlich ausdrücken, haben eine gemeinsame Ursache: die Juden sind für die Wirtschaft dieser Länder überflüssig geworden. In Sowjetrußland hat die große soziale Umwälzung diese Tatsache in stärkster Weise sinnfällig gemacht. Der Fluch der jüdischen Diaspora, daß die Juden zum größten Teile oder fast ausschließlich zwischen Urproduktion und Verbrauch als Mittelschicht von Händlern, Krämern und Luftmenschen stehen, wirkt sich in furchtbarer Weise aus. Seit Jahrzehnten sind die Juden daher gezwungen gewesen, ihre verschiedenen Heimatländer, in denen sie seit Jahrhunderten lebten, zu verlassen. Solange die Tore der Vereinigten Staaten von Nordamerika breit offen standen, ergoß sich der ungeheuere Wanderstrom der Juden aus Osteuropa in dieses weite Reservoir, in dem die Juden Aufnahme und Existenzmöglichkeit fanden. Seit einigen Jahren wehren sich aber die Vereinigten Staaten gleich England, Südafrika und Canada, die in dieser Beziehung vorangegangen sind, gegen die Einwanderung der Juden aus Osteuropa. Dadurch ist die Lage kritisch geworden. Und nicht nur aus dem Grunde! Hätte sich die Auswanderung der Juden in überseeische Länder und ihre Verpflanzung in diesen Ländern in einer Form der Einordnung vollzogen, so wäre der Sättigungspunkt dieser Gebiete für die jüdische Einwanderung nicht so rasch eingetreten, wie es der Fall war. Da aber die meisten der nach Übersee wandernden Juden wiederum Berufe ergriffen, die zwischen Urproduktion und Verbrauch stehen, so bildete jeder neu ankommende Jude eine Konkurrenz der früher eingewanderten und beschwerte die Volkswirtschaft des neuen Heimatlandes. Damit sind wir zum Kernpunkt des jüdischen Wanderungsproblems gelangt. Die Ermöglichung einer Auswanderung ohne die gleichzeitige Umschichtung der Auswanderer ist eine Wirtschaft von der Hand in den Mund und löst die Frage der Judennot nur provisorisch. Nach einem Worte Theodor Herzls tragen jüdische Einwanderer, die nicht zugleich produktiv werden, den Antisemitismus auf ihrem Rücken als schlimmsten Ballast des ewig wandernden Ahasver mit sich und früher oder später tritt der Augenblick ein, wo das Gespenst des Judenhasses, dem die Juden durch die Auswanderung zu entfliehen glaubten, in dem neuen Zufluchtsland ihnen wieder entgegenstarrt. Aber sogar, wenn es gelingen würde, Einwanderung und Umschichtung miteinander zu verbinden, wäre das auch noch nicht eine vollständige Lösung der jüdischen Not. Erst wenn Wanderung, produktive Umschichtung, sich der Möglichkeit eines ungehemmten nationalen Eigenlebens gesellen, dann erst kann von einer radikalen Lösung die Rede sein. Eine derartige Lösung sucht und verwirklicht einzig und allein die zionistische Bewegung, und von allen Auswanderungsländern bietet bloß Palästina die Möglichkeit einer wirklich umfassenden Regelung des jüdischen Problems. Schon heute steht Palästina als jüdisches Auswanderungsland an erster Stelle. Leider kann es aus wirtschaftlichen und nationalen Gründen den vorhandenen Bedürfnissen der jüdischen Auswanderung noch nicht .genügen. Darum müssen die verschiedenen jüdischen Hilfsgesellschaften in der ganzen Welt Umschau halten, wo man Juden hineinläßt. Theoretisch besteht die Möglichkeit, jährlich ungefähr 35 000 Juden "nach Argentinien, Chile, Mexiko, Brasilien, den Vereinigten Staaten, Frankreich usw. zu bringen. Mit großem Eifer bemühen sich die verschiedenen jüdischen Hilfsgesellschaften, diese Mittel aufzubringen. Sie tun, was sie können; in immer stärkerer Weise aber reift bei diesen Gesellschaften die Erkenntnis, daß diese mühseligen Arbeiten letzten Endes Sisiphusarbeiten sind. Wer die Verhandlungen der verschiedenen Konferenzen für jüdische Einwanderung in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, konnte feststellen, daß immer, klarer die Erkenntnis zutage tritt: restlos und endgültig läßt sich die jüdische Wanderung nur auf öffentlich-rechtlicher Grundlage in einem eigenen Nationalheim lösen. Darum betrachten wir, trotz der Einsicht von der Notwendigkeit aller Maßnahmen zur Regelung der allgemeinen jüdischen Wanderung, als die vornehmste Aufgabe der Judenheit den Aufbau der nationalen Heimstätte in Erez Israel. M.W.