Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · p. Seite 523

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
Seite 523 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9155707--06907-9079624
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 26 Das Jüdische Echo 523 Vernunft der Massen besitzt und daß sie ein gewagtes Spiel spielen. Und doch haben sie diesen Wurf getan. Haben alle Werte in den Kirchen konfisziert, eine Anzahl von Kirchen beschlagnahmt, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, den Patriarchen Tichon, arretiert, entthront und dem Gerichte übergeben, viele Geistliche wegen ihres Widerstandes gegen bolschewistische Maßnahmen füsiliert. Das war wahnsinnig und verbrecherisch. Aber diesem verbrecherischen Wahnsinn wohnte wenigstens ein Zug düsterer Größe, wirklichen Wagemuts inne. Die russischen Kommunisten haben den Krieg einem Gott erklärt, dessen Diener auf Erden einen realen und nicht ungefährlichen Widerstand leisten können. Und als die russischen Kommunisten den Sturm gegen Gott begonnen haben, — war das ein wirklicher, nicht ein Theatersturm. Es war ein wahrhaftiger Kampf, auf beiden Seiten mit realen Kräften geführt, von Menschenopfern in den beiden Lagern begleitet. Diesem Kampfe konnte man nicht eine eigenartige, grausame, tragische Größe absprechen. Wie alles auf der jüdischen Gasse, — so entartete auch diese Tragödie bei uns zu einer quälenden kläglichen Posse. Unsere dem Ghetto entwachsenen „Gottesstürmer“ aus der jüdischen Sektion der kommunistischen Partei („Jewsektia“) stürmten ihrerseits auch unbeholfen und talentlos gegen den jüdischen Gott, im voraus wissend, daß sie keinen realen Widerstand hier auf Erden zu befürchten haben, daß die geknechteten und niedergeschlagenen jüdischen Massen keinen bewaffneten Aufstand wagen werden, daß sie ungestraft die besten Gefühle dieser Massen verhöhnen dürfen. Das, was sich in dem allrussichen Leben zu einer erschütternden, von einem tiefen innerlichen Pathos erfüllten Epopöe eines gewaltigen Zusammenstoßes zwischen einer vielhundertjährigen religiösen Tradition und dem sozialistischen Atheismus gestaltete, ist bei uns zu einer abscheuerregenden Grimasse, zu einer kleinstädtischen „Revolte“ eines Häufleins geriebener „.Jeschiwa-Bochurim“ gegen den auf Erden machtlosen jüdischen Gott und sein Ritual verzerrt worden. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist immer bloß ein Schritt. Die jüdischen Kommunisten haben auf diesem Wege nicht einen Schritt, sondern viele, viele Schritte getan ... II. Sie sind eigentlich sehr wenig anspruchsvoll in ihren Bestrebungen und begnügen sich mit ganz kleinen „Eroberungen“. Sie wissen gut, daß es eine schwere Aufgabe ist, den jüdischen Gott aus den Herzen der Erwachsenen zu verdrängen. Die „Obrigkeit“ aber fordert schnelle und sichtbare „Erfolge“. Und die „Gottesstürmer“ beginnen mit den „Kleinen“, mit den Kindern. Nicht einmal mit den Halberwachsenen, mit Jünglingen, sondern einfach mit Kindern. Die 10—»12 Jahre alten Zöglinge von Talmud-Thora’s, von Kinderheimen, Kinderasylen werden zu Versammlungen. Konferenzen, Tagungen zusammengejagt und votieren fertige, rechtzeitig von der dirigierenden Hand verfaßte Resolutionen „gegen Gott“. Das ist keine Anekdote, kein böser Scherz. In Moskau erscheint in russischer Sprache eine spezielle Zeitschrift „Besbo'schnik“ („Gottloser“), die vollständig dem Kampfe gegen die Religion gewidmet ist. Und in diesem offiziellen Bolschewistenblatt finden wir eine Reihe von Mitteilungen dieser Art. In den Nummern 15 und 25 finden wir Mitteilungen, daß in Moskau die Zöglinge einer Reihe von Kinderheimen eine. Resolution angenommen haben, in der unter anderem gesagt wird: „es existiert kein Gott und es dürfen auch keine Synagogen bestehen; diese müssen für kulturelle Zwecke verwendet werden“. In Nowosibkow (Gouvernement Tschernigow) ist eine Konferenz von 400 Kindern einberufen worden, die ähnliche „Beschlüsse“ gefaßt hat. In Winnitza (Gouvernement Podolien) wurde die ganze antireligiöse Kampagne ausschließlich unter der unreifen Jugend geführt. In diesem Milieu ist es selbstverständlich viel leichter, billige Lorbeeren zu ernten, indem man einen Kinderfeldzug gegen Gott in die Wege leitet... Aber Gott selbst thront zu hoch, als daß ihn die Sturmkolonnen der „Jewsektia“ erreichen könnten. Man ist darum gezwungen, sich an den irdischen Attributen der Gottheit — an Sabbat, Feiertage, Bibel, hebräischet Sprache, Synagogen, Rabbiner, Chedorim, Melamdim — schadlos zu halten. Nach dieser Richtung arbeitet die ,Jewsektia“ mit einem rührenden Eifer. Der Hauptkampf gilt dem Sabbat. Der ist den jüdischen Kommunisten am unbequemsten. Einerseits zwar kann man gegen ihn nichts einwenden: „sechs Tage arbeite und am siebenten — ruhe! — das ist doch höchst demokratisch. Andererseits aber ist der Sabbat doch — Religion: nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Festtag. Der Sabbat trägt einen Stempel der Heiligkeit, den die „Diener Gottes“ ihm aufgeprägt haben. „Anstatt ein Ruhetag zu sein, ist er zu, einem Tage der religiösen Zeremonien geworden“, -- schreibt empört der kommunistische „Emes“. Und proklamiert einen Feldzug gegen den Sabbat. Ruhen muß man, das ist selbstverständlich, — aber nur nicht am Sabbat!... Wann aber sonst? Hier beginnt der Zwiespalt in der Seele der „Jewsektia“. Die einen sagen: Sonntag. Das ist der Ruhetag für alle Arbeiter der Sowjetunion. Und die Juden, aus proletarischem Solidaritätsgefühl, müssen den Sonntag feiern. Die anderen erwidern aber: auch der Sonntag ist kein proletarischer und kein allbürgerlicher, sondern ein religiöser Feiertag. Welcher Sinn liegt dann in dem Tausch? Die einen wie die anderen glauben sich im Rechte. Und in der Praxis kommt etwas wirklich Paradoxes heraus: in Kamenetz-Podolsk, Orscha, Gomel, Witebsk haben die Lehrer der Sowjetschulen beschlossen, den Sabbat gegen den Sonntag einzutauschen. Die Arbeiter in Odessa und Kiew haben beschlossen, nicht am Sabbat und nicht am Sonntag, sondern am Montag zu ruhen. Und die jüdischen Arbeiter in Poltawa haben gar den Mittwoch zum Ruhetag erkoren . . . Der jewsektische „Emes“ bemüht sich vergebens, aus diesem Labyrinth herauszuführen, indem er seine Leute daran erinnert, daß „der Ruhetag, um Schwierigkeiten in der Produktion und im Konsum zu vermeiden, ein einheitlicher Te^tilhandelsgesellschaft zum „Weberhaus"7UG. München / Frankfurt^' / Leipzig Zentrale München, Hesstrasse 74/76 Rauptgeschäft Dachauerstr. 9. Illustr. Katalog gratis u.franko

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.