Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 521 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9155707--06905-9079622- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 26 Das Jüdische Echo 521 solcher Wahlkämpfe gegenstandslos zu machen. Wenn man allerdings die Leistungen des Central-lVereins bei den Wahlen zum preußischen Gemeindeverband bedenkt, dann wären alle Befürchtungen im höchsten Grade berechtigt, andererseits kann gerade der heftig aber sachlich geführte Gemeindewahlkampf in München im Jahre 1920 als ein Gegenbeispiel angeführt werden. Die in München lebenden Ost juden haben, soweit mir bekannt ist, an dem Kompromiß nicht teilgenommen und es ist dies nur zu begreiflich, sie sind in der jüdischen Gemeinde immer noch nicht gleichberechtigte Mitglieder, sie werden doch immer noch als Fremde minderen Rechts behandelt. Gerade die jüdische Gemeinde und die Parteien, die sie verwalten, müssen wissen, daß die Verweigerung der Einbürgerung durch Staat und Stadt alten antisemitischen Tendenzen entspringt und wenn die Gemeinde Juden, die seit Jahrzehnten hier ansässig sind, lediglich aus dem Grunde, weil ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft vorenthalten wird, ebenfalls die Gleichberechtigung verweigert, so ist das zumindest in der Wirkung eine Konzession an eben jene antisemitischen Tendenzen und muß die durchwegs seit Jahrzehnten hier ansässigen Ostjüden aufs schwerste kränken. Aus diesem Grunde scheint es mir auch außerordentlich richtig, daß dieselben darauf verzichtet haben, etwa durch Wahl solcher Personen aus ihrem Kreise, die zufällig eingebürgert sind, sich in der Gemeindeverwaltung vertreten zu lassen, daß sie vielmehr in der Gemeindeverwaltung nur ohne Umwege auf Grund der Gleichberechtigung mitwirken wollen. Es ist — ich weiß nicht ob für die Parteien, die die Gleichberechtigung verweigern, oder für die Betroffenen in höherem Grade — beschämend, daß dieser Unterschied überhaupt noch gemacht werden kann und gerade wenn die Parteien, die glauben, die Verweigerung aufrecht erhalten zu können, die Gründe ihrer extremen Anhänger nennen, dann sind es — gelinde gesagt — deutliche Konzessionen an den Antisemitismus, eine erstaunliche Verkennung der Tatsache, daß die Antisemiten im Wesentlichen keine Unterschiede machen und alle Juden gleichmäßig mit ihrem Haß bedenken. Im ganzen Deutschen Reich, mit geringfügigen Ausnahmen, haben die jüdischen Gemeinden es längst aufgegeben, zwischen Juden verschiedener Herkunft Unterschiede zu machen, die ja auch als absurd bezeichnet werden müssen. In der jüdischen Gemeindestube handelt es sich um jüdische Dinge u. wer wird denn da behaup- Erhatic & Wille Herren- und Damenschneiderei MÜNCHEN Marienplatz 18/1 Telephon 23829 ten wollen, daß in jüdischen Angelegenheiten der Ostjude minder interessiert wäre, als etwa solche liberalen Juden, die sich in die Gemeindeverwaltung wählen lassen und an ihren Aufgaben überhaupt keinen Anteil genommen haben. Kaum jemand wird bestreiten, daß etwas derartiges bei den Ostjuden nicht möglich wäre und daß Interesse und Kenntnis die Ostjuden mindestens in gleichem Maße berechtigt und befähigt, an den Angelegenheiten 'der jüdischen Gemeinde mitzuwirken, wie alle anderen Juden. Es ist von Seiten der Ostjuden davon abgesehen worden, etwa von sich aus einen Wahlkampf zu veranstalten, weil erwartet wird, daß die bestehende schreiende Ungerechtigkeit von der neuen Gemeindeverwaltung nunmehr rasch beseitigt wird. Jakob R e i c h. Jüdisch-PolnischeVerhandlungen Das Problem der polnischen Judenheit ist eines der Hauptprobleme des gesamten Weltjudentums; denn Polen ist gegenwärtig ein Hauptland jüdischer Massensiedlung und spielt die gleiche Rolle innerhalb der Welt judenheit wie einst das zaristische Rußland. Nach den neuesten Statistiken leben in Polen über 3 Millionen Juden, und da sie in sehr vielen Städten und Städtchen einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung bilden oder sogar die Mehrheit der Einwohner darstellen, führen sie eine eigenartige nationale Existenz, welcher jüdische Lebensform Selbstverständlichkeit ist. Die polnischen Juden verfügen in kultureller Hinsicht über eine große Zahl eigener, die großen Massen umfassender Institutionen, sie sind im hohen Grade Träger jüdischer Überlieferung und jüdischen Wissens, sie repräsentieren am vollkommensten den Typus des nichtassimilierten Juden — und darum liegt in der polnischen Judenheit eine besonders zu wertende Quelle aufgespeicherter jüdischer Volksenergie. Das Schicksal der polnischen Judenheit verdient deswegen das besondere Interesse der Juden der ganzen Welt. Die polnischen Juden haben aus den Ereignissen der letzten Kriegsjahre sehr viel gelernt und lehnten es ab, im Interesse des Staatsvolkes sich zu Werkzeugen der Unterdrückung der anderen nationalen Minderheiten degradieren zu lassen. Es war nicht nur das Bewußtsein der eigenen nationalen Art, die die Juden zu dem unbedingten Bekenntnis ihres Judentums zwang, sondern auch die Erfahrung, daß sich der Zorn der mit Hilfe des jüdischen Werkzeuges unterdrückten nationalen Minoritäten gegen das Herrenvolk zuerst und in nachdrücklichster Weise gegen das Werkzeug, die Juden, kehrt. Die grauenhaften Erfahrungen aus der Zeit des Ivosackenfiihrers Chmielnicki sind im Bewußtsein der polnischen Judenheit noch lebendig, und deswegen verlangten die Juden, um nicht zwischen Hammer und Amboß zu geraten, die Stellung einer besonderen nationalen Minderheit. Dieser Grundsatz wurde während der Friedensverhandlungen in Paris anerkannt, und der Versailler Vertrag, der den neuen polnischen Staat konstituierte, sah. die Zuerkennung von nationalen Minderheitsrechten auch an die jüdische Minorität in Polen vor. Sechs Jahre sind seit dem Abschlüsse des Versailler Vertrages verstrichen, und bis zum heutigen Tage hat Polen, trotzdem es seine Unterschrift unter diesen Vertrag gesetzt hatte, noch nichts getan, um diese auf dem Papiere garantierten Rechte in der Praxis durchzuführen. Im Gegenteil! Alle bisheri-