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Das jüdische Echo · 1925-06-12 · 24 (12.6.1925) · p. Seite 479

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
24 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
Seite 479 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 479 mindern und die der Denkenden, der Wissenden zu vermehren suchen. Dies kann nie von Seilen einer politisch eingestellten Organisation erfolgen. Man darf nicht, grob gesagt, den Bock zum Gärtner machen. Es bedarf wohl keiner ausführlichen Beweise dafür, daß man einen Menschen selbst denken lassen muß; und er wird nie selbst denken, wenn ihm die Bahn seiner Gedanken innerhalb politischer Grenzideen, ab ovo einsuggeriert, vorgeschrieben ist. Die typische, oft raffiniert herbeigeführte Ausbildung zum Mitläufer! Es dürfte also nun klar sein, daß die Arbeit — nämlich die, einen Menschen produktiv denkend, auf Grund seines Wissens eine eigene Meinung sich bildend, zu gestalten — in seiner J uge n d beginnen muß; zu der Lebenszeit also, in der das intensivste Werben der politischen Organisation um ihn einsetzt. So steht nun der junge Jude vor uns, oft noch der Bildungsfabrik einer Schule eingegliedert, aufnahmefähig und wissensdurslig, mit seiner ersten vagen Ahnung von den großen Rätseln des Lebens, mit seiner wundervollen Sehnsucht nach dem realen und doch so märchenhaften Menschendasein, dessen erste Stufen er erklimmt. Schon aber liebt er unbewußt den Fleck Erde, auf dem er geboren ist; schon weiß er, daß er Jude ist und mit Aberlausenden das seltsamste Schicksal der Weltgeschichte leben' wird. Und doch: sein Schicksal ist meist sicherer, steht unter glückhafteren Auspizien als das anderer Tausender von Juden; und er erfaßt zum erstenmal das große, ungelöste Rätsel des Juden. Er will helfen, will kämpfen, für alle die kämpfen, denen er sich verbunden fühlt; aber noch hat er keine Waffen, sich und andere zu schützen und für sie zu streiten. Nun liegt es nur an Zufällen, welchen Farben er als Kämpfer untertan wird. Seine unverbrauchte Kraft wird jeder Partei nützen können; aber er saugt unbewußt die politische Atmosphäre seiner Umgebung in sich ein; so lange, bis er als Mensch, der jüdisch-politisch noch objektiv sein müßte, verloren ist. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß die Eltern, soviel sie auch bis dahin ausrichten konnten, von nun an als Erziehungsfaktoren ausscheiden, wenn sie nicht selbst die Einstellung ihres Kindes veranlaßten oder selbst so eingestellt sind. Der kindliche Glaube an die elterliche Kapazität erhält den Todesstoß, wenn das Kind, mit stärksten Mitteln für die Sache der einen Partei gewonnen, die Eltern im anderen Lager sieht. Soweit geht die Hauptarbeit der Kräfte, die den jungen Juden bearbeiten. Ist das Werk bis hierher gediehen, dann kann man seine Weiterführung getrost Zeit und Umständen überlassen. Wie soll nun die Arbeit am jungen Juden w i r k- 1 i c h sein? Die erste und beste Waffe, das Wissen um die Geschichte seiner Väter, muß ihm in rohem Zustande die Schule geliefert haben. Sie muß geschliffen werden: er erfährt von der Geschichte der Kämpfe, die seine Väter um ihr Jude-Sein führten; er muß wissen, wie er selbst zu kämpfen hat. Die zweite Waffe ist das feingeschliffene Gefühl für alles Schöne der Welt, für die Kunst, und den Wert der Kunst. Trotzen nicht alle die, welche ihr Leben in den Dienst der Kunst gestellt haben, am sichersten den Angriffen auf ihr Judentum? Wissen sie sich nicht am stärksten im Gefühl ihres Könnens? Gerade dann, wenn sie nicht um kleinlichen Ehrgeiz ihr Judentum vertan haben, stehen sie am sichersten. Sind nicht Künstler wie Max Liebermann, Bruno Walter, Max Brod mit die stärksten Pfeiler unseres Gebäudes? Viele, viele Waffen können dem jungen Juden in die Hand gedrückt werden; alle Zweige der Wissenschaft stehen ihm hiezu offen. Es ist nicht nur der Kampf um sein Jude-Sein — es ist der Kampf um seine L e b e n s p o s i t i o n , um seine Eingliederung in die Reihen der Arbeitenden, den er damit ausfechten kann. Wer i m Streit u in kleine Dinge des Lebens zerschellt, ist nicht wert g e 1 e bt zu habe n. Aber wer den Blick a u f gro ß e Dinge richtet, um sie zu erfassen, u n d w er das Wesentliche des Lebens begreift, der hat wirklich gelebt! Daß der junge, so bewaffnete Jude sich mit klaren Sinnen, gefühls- und verslandesmäßig, nun den Platz, das Lager aussuchen soll, das ihm zu seiner Arbeit am wichtigsten erscheint, ist selbstverständlich. Er hat nun die Fähigkeit objektiv zu denken, und keine ideelle Massensuggestion der Welt wird ihn auf falsche Bahnen leiten können. Er ist Qualilälsmensch; selbst wenn er von Natur aus nicht mit den denkbar besten Anlagen ausgestatlet ist. Alles Weitere ergibt sich von seihst. Der klare Blick, der die Dinge selbst sieht, läßt ihn sich nicht in kleine Partei- oder Klassenzänkereien verwirren. Ziel ist für ihn primär, Weg sekundär. Er wird sein Schicksal, seinen persönlichen Lebenslauf selbst in die Hand nehmen können, er wird nicht der Geschobene sein. Er wird Führer, ein guter Führer sein. Diese Arbeit kann natürlich nicht Sache des einzelnen jungen Juden oder Sache seiner Eltern sein. Das Bedürfnis nach dieser Arbeit hat die jüdischen Jugendvereine ins Leben gerufen; sie suchen nach ihren Kräften das große Ziel zu erreichen. Und es muß ihnen glücken, wenn alle vernünftig denkenden Juden sie unterstützen. Nicht morgen, nicht in Monaten — aber in Jahrzehnten vielleicht; gelingt es nicht, dann schwindet die letzte Hoffnung darauf, daß die>se große, seltsame Gemeinschaft von Menschen, die sich als Juden fühlen, nicht zerfällt. E gon Leh r b u r g e r. GASTSTÄTTEN PREYSIYG PAL. 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