Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Nr. 24 Das Jüdische Echo nur zweckloses Material, um die Felder Erez Israels zu düngen, die gefährden nicht nur die Existenz der Juden in den Galuthländern, sondern zu allererst des jüdischen Jischuws in Erez Israel. Zu klein und zu schwach ist dieser Jischuw und wird es noch lange hleihen, um sich aus eigenen Kräften, materiellen ebenso sehr wie geistigen, erhalten zu könnnen. An dem Tag, an dem die ,,Jüdischkeit“ in der Galuth aufhört, wird sie auch in Erez Israel verdorren; an dem Tag, an dem man in der Galuth aufhören wird jiddisch zu sprechen, wird man in Erez Israel aufhören, hebräisch zu sprechen. Und jede jüdische Schule, die in der Galuth geschlossen wird, wird ein Echo haben in Erez Israel. Erez Israel ist nicht ein Götze oder ein Abgott, dem man blind dienen und zurufen muß: ,,Wir wollen tun und hören“, es ist ein stolzer Leucht türm, den Juden aufrichten wollen, um hinaus zu leuchten über das finstere Meer der Galuthländer. Wenn diese Erkenntnis in den zionistischen Reihen gereift sein wird und die Menge der Mitläufer abgefallen, die im Zionismus einen guten, jüdischen Mantel gefunden haben, unter dem sie ihre assimilatorischen Tendenzen behalten können, dann wird der Zionismus das sein, was er soll: nicht nur eine Kraft in Erez Israel, sondern auch ein treibendes Element in den Galuthländern. Die Juden in Polen müssen sich organisieren, um ihr Leben in ökonomischer und geistiger Hinsicht zu erhalten, zu stärken und zu entwickeln, sie müssen sich bewußt werden, daß die Juden Polens nur selbst ihre Probleme lösen können und daß die namenlose jüdische „Regierung“, die mit geheimer Hand das Lös der Welt lenkt, nur ein Produkt der krankhaften Phantasie der Judenfeinde ist, daß es niemanden gibt, der sich der polnischen Judenheit annehmen, der für ihre Interessen sorgen könnte, außer den Juden Polens seihst. Man kann das allweltliche Judentum für eine so jüdische Sache interessieren, wie es Erez Israel ist. Aber jetzt, wo die Periode der Pogrome, Einäscherungen und Kriegsseuchen vorbei ist, die großen Posaunen verstummt sind, die das Gewissen der Weltjudenheit aufriefen und eine Zeit ruhiger, produktiver Arbeit beginnt, ist das allweltliche Judentum für die polnische Judenfrage nicht zu gewinnen. Im besten Falle werden sie mitseufzen — vielleicht mit Ausnahme der polnischen Landsmannschaft in Amerika, die meiner Meinung nach nicht genug nutzbar gemacht wurde. Und nicht mit allweltlichen Konferenzen oder Organisationen kann den Juden Polens geholfen werden. Überhaupt muß die Spezies „Allweltlichkeit“ bei uns aufhören; vielleicht ist sie ein gutes Mittel zum Schnorren,^Trbef wenig geeignet zu helfen. Die Regierungen der Länder, in denen Juden wohnen, haben zu solchen allweltlichen Organisationen kein Zutrauen. Es müssen Organisationen, angepaßl dem Lande geschaffen werden, die dieses Zutrauen gewinnen können und die sich speziell mit jenen Sorgen und jenen Bedürfnissen befassen müssen, die zum Entstehen der Organisationen geführt haben. Fis ist mein fester Glaube, daß früher oder später die polnische Gesellschaft mit der Politik, die sie betreffs der Juden treibt, wird aufhören müssen. Solange das Land und die Welt ringsum sich in Kriegsstimmung befanden, mochte eine solche Politik eines Teiles der Bevölkerung gegen den andern hingehen. Die Welt erwacht aber aus der blutigen Betäubung, in welche sie der Krieg stürzte. Stimmen werden laut, die glauben machen, daß das im Kriege vergossene Blut nicht vergebens war. Darum ist auch zu hoffen, daß das Gewissen des besseren Teiles der polnischen Bevölkerung, das leider uns gegenüber so lange stumm blieb, schließlich doch erwachen wird. Wir müssen anerkennen, daß in den letzten paar Jahren die Beziehungen zu den Juden in Polen normaler geworden sind — das berechtigt uns zu glauben, daß endlich doch eine Verständigung zustande kommen werde zwischen zwei Völkern, welche so lange Zusammenleben und so viel Gemeinsames auf dem gleichen Boden erlebt haben. Es gibt bei uns Arbeiter für die Gesamtheit, sehr ehrliche und aufrichtige, welche eine „gerade Linie“ haben und diese „gerade Linie“ mitten durch ihre Tätigkeit hindurchziehen. Indem sie das jüdische Volk anderen Völkern gleichsetzen, wollen sie die gerade Linie, nach welcher diese die Politik ihrer Nationen leiten, dem jüdischen Volke anpassen. Aber sie vergessen, daß die Juden keine „gerade Linie“ sind und daß das, was für ein Volk paßt, das seit zahllosen Generationen festwurzelt auf eigenem Boden lebt, nicht unseren Verhältnissen und unseren Umständen angepaßt ist. Eine Konferenz oder ein Kongreß von polnischen Juden für polnische Juden ausschließlich, eine Organisation, von den Bedürfnissen der polnischen Juden ins Lehen gerufen, um für die ökonomische und geistige Lage derselben Sorge zu tragen, muß von allen Juden Polens begrüßt werden. Ich wende mich an alle jüdischen Parteien, an alle Kinder des jüdischen Volkes, denen die Existenz des jüdischen Volkes teuer und heilig ist, die weiter leben wollen: Sucht die Verständigung, einer mit dem anderen, erhebt euch über eure parteimäßige Engherzigkeit, laßt ab von euren Parteiprinzipien und manifestiert ein einziges Prinzip, daß das jüdische Volk lebt und weiter leben will und sich seinen Weg zum Weiterleben sucht. Schreit in die Welt hinaus, daß wir, wenn wir die „Jüdischkeit“ durch Jahre von Blut und Tränen erhalten haben, wenn wir alle Verfolgungen und alles Hinmorden für unsere geistige Existenz erdulteten — wir dies nicht getan haben, damit sie hier in Polen untergehe. S e h a 1 o m A s c h. Das antijüdische Konzessionsgesetz in Polen Brotlosmachung von 35 000 jüdischen Familien. Obstruktion der jüdischen Abgeordneten im Sejm. ..Warschau (J.T.A.j. Am 3. Juni erschienen die Vertreter des jüdischen Parlamentsklubs Dr. Leon Reich, Dr. J. Tho n und F a r b s t ei n beim Premierminister Grahsky und ersuchten ihn, das Regierunglsprojekt wegen Neuvergebung von Monopolkonzessionen von der Tagesordnung des Sejm zurückzuziehen. Das Regierungsprojekt sieht vor, daß die Konzessionen für den Verkauf von Tabak, Spirituosen usw. den bisherigen Besitzern entzogen und Invaliden, sowie Kriegshinterbliebenen verliehen werden. Keinerlei Entschädigung der bisherigen Konzessionsinhaber ist vorge^ sehen. Bei Durchführung dieses Gesetzes würden etwa 35 000 jüdische Familien mit etwa 150 000 Seelen, die zu den wirtschaftlich schwächsten Elementen gehören, brotlos gemacht werden. Allgemein sieht man in dieser Maßnahme der Regierung einen weiteren Beweis von dem Bestehen einer Tendenz, das jüdische Element wirtschaftlich zu