Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 469 der 'Vegetation, der Kulturstufe, bewohnt von einer Bevölkerung, deren alter arabischer Teil an Intelligenz, Reife und Methoden tief unter dem neuen jüdischen Teil steht, dessen jüdische Bevölkerung seihst nach Herkunft, Lebensweise, Kulturstufe, sozialer und politischer Tendenz und Schichtung auf das schärfste zerspalten ist, ist gewiß bis an den Rand gefüllt von Problemen, von Ideologien, von Dingen, die — so oder so — erst werden sollen. Es ist ebenso arm an Traditionen, an gewordenen, sliitzebietenden, sich seihst entwickelnden, Auswüchse korrigierenden und Entwicklungen regulierenden Schwergewichten der Struktur und des Ausgleichs. Und trotzdem ist die Zahl der Utopien, des theoretisierenden, diskutierenden, problematischen Zionismus, wie wir ihn vor 20, 30 Jahren mehr in Europa als in Zion seihst hatten, anscheinend vorüber. Überhaupt verwischt sich der Unterschied zwischen Zionisten u n d N i c h t z i o n i s t e n , der in Europa noch immer eine starke Rolle spielt, und der sich dort, noch immer um die Frage des politischen, nationalen Endziels dreht, im Lande ganz merkwürdig schnell. Man sieht dort mehr auf die Wege als auf das Ziel, auf die näheren Dinge als auf die ferneren. Man ordnet auch die Fragen der sozialen, der nationalen Zukunftsentwicklung letzten Endes den unmittelbaren praktischen Bedürfnissen unter. ,,Die Entwicklung wird es zeigen, was an dieser oder jener Art gut oder schlecht ist, wohin dieser oder jener Weg führen wird.“ Wenn der Besucher fragt, wie diese oder jene Tatsache oder Entwicklung sich später auswirken, welche Folgen eine Arbeit haben wird, wenn sie erfolgreich oder erfolglos beendet ist, so erhält er fast regelmäßig die Antwort: „Spätere Sorgen.“ Dabei soll nicht behauptet werden, daß man sich von den Dingen treiben läßt, daß man alles ruhig hinnimmt, was die Entwicklung bringt. Das, was hierzulande geschieht, vollzieht sich keineswegs „frei und natürlich“ im Sinne etwa der klassischen Nationalökonomie. Es muß alles erkämpft, bezwungen, härtesten Bedingungen abgetrotzt werden, und man kann die jüdisch-palästinensische Tätigkeit und ihre Erfolge eher als widernatürlich im Sinne anderweitiger und üblicher Wirtschaft bezeichnen. Dieses Land läßt sich wahrscheinlich nur im Kampf aufhauen, sonst hätte sich sicherlich längst eine der üblichen, ökonomischen Kolonisationen oder Einwanderungen seiner bemächtigt. Die Griechen wären gekommen oder die Levantiner oder irgend ein anderes schweifendes Volk. Für solche rein geschäftlichen Exploitationen gab es aber andere, bessere und „rentablere“ Objekte. Der ulopistische Zionismus, dessen propagandistische Arbeit und Vorarbeit nicht geschmälert werden soll und den ein (für ihn) weltgeschichtlicher Zufall, der Weltkrieg und sein Ausgang, mit der im englischen Interesse diktierten Balfour-De, klaralion auf eine wenigstens politisch-reale Grundlage gestellt hat, war ein Kampf der Gedanken. Die heutigen Aufbauer wissen, daß der wirtschaftliche Aufbau auf dieser politisch realen Grundlage meid ebne diesen Krampf der Arbeit durchgeführl werden kann. Eine rein ökonomische Rechnung würde in diesem Lande wahrscheinlich nie aufgehen. llinzutrelen muß der Enthusiasmus, der zum Fanatismus gesteigerte Enthusiasmus solcher Menschen, die „nicht anders können“, oder die doch nirgendwo in der Well das könnten, was sie in diesem Lande können. Doch hier sind wir schon inmitten der „inneren Tatsachen“. Sie sollen in späteren Artikeln untersucht werden. Dr. Eelix Pinn e r. Lloyd Georges Rede in der Jüdischen Historischen Gesellschaft in London Auf der am 25. Mai in London stattgefundenen Sitzung der Jüdischen Historischen Gesellschaft hielt der Präsident der englischen Zionistischen Föderation, Guedalla, einen Vortrag über Napoleon und Palästina, worin er den im französischen offiziellen „Monitor“ "vom 22. Mai 1799 erschienenen Appell Napoleons an die Juden Afrikas und Asiens, sich unter seiner Fahne zu mobilisieren, um Jerusalem wieder aufzubauen, behandelte und nach wies, daß es sich hierbei um ein keineswegs ernstes Anerbieten gehandelt habe. Napoleon hätte die Juden bloß für seine strategischen Pläne benutzen wollen. Trotz der Schaffung des Synhedriums durch Napoleon hätten die Juden von diesem nichts zu erwarten gehabt. Sie haben sich noch über ein Jahrhundert gedulden müssen, um erst dann, und zwar durch eine andere Macht, die Möglichkeit zum Wiederaufbau Zions zu erhalten. Die Versammlung der Jüdischen Historischen Gesellschaft erhielt eine besondere Bedeutung durch die Teilnahme Lloyd Georges, der hier zum ersten Mal einer jüdischen Versammlung beiwohnte. Auf Vorschlag des Präsidenten der Gesellschaft, Israel Zangwill, führte Lloyd George auf dieser Sitzung den Vorsitz. Seine bedeutsame Rede, in der er ganz besonders die großen Verdienste Weizmanns um England würdigte, machten einen ungeheuren Eindruck. Am Schluß der Rede wurde auf Lloyd Georges besonderen Wunsch die Hatikwah gesungen. Die von Dr. Weizmann an ihn gerichtete öffentliche Einladung, Palästina einen Besuch abzustatten, wurde von Lloyd George mit Dank angenommen. Lloyd George führte in seiner Rede u. a. aus: Er habe dem Vortrag des Herrn Guedalla entnehmen können, daß schon Napoleon, ebenso wie später die Alliierten, auf dem Wege über Palästina die Position Österreichs habe erschüttern wollen. Es gebe also wirklich nichts Neues unter der Sonne. Im Weltkriege habe es bekanntlich bei den Alliierten zwei Richtungen gegeben. Die einen glaubten, daß die Entscheidung auf der Westfront fallen müsse, während die anderen, und darunter auch er, sie an der Ostfront suchten. Dies habe ihn zum Versuch der Eroberung Palästinas geführt. Es war dies recht gefährlich, aber der Erfolg habe zum vollen Siege der Alliierten geführt. Die Alliierten richteten damals einen Appell an das große jüdische Volk. Die Engländer waren dabei auch inspiriert von ihrer Sympathie für die jüdische Geschichte. Er selbst sei in einer Schule erzogen worden, wo die jüdische Geschichte genauer gelehrt wurde als die Geschichte seines eigenen Landes. Er könne alle ehemaligen Herrscher in Israel auf zählen, aber er zweifle, ob er sechs Könige von England und ebensoviele von Wales nennen könne. Allgemein bekannt sei auch, welch gewaltigen Einfluß die Bibel auf den Charakter des Engländers ausübe. ln den Sonntagsschulen zitiere man ganze Seiten aus den Propheten und Psalmen. Geschichte und Literatur des jüdischen Volkes seien ein Ruhmesblatt, das bis ans Ende aller Tage nicht welken und den menschlichen Charakter beeinflussen, formen und bilden werde. Aber außer diesen Gründen der Sympathie hätten die Alliierten auch aus eigenem Interesse gehandelt, denn sie wußten, daß die Juden ein mächtiges Volk sind, zwar nur gering an Zahl, aber alle großen Dinge