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Das jüdische Echo · 1925-06-12 · 24 (12.6.1925) · p. Seite 468

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
24 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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468 Das Jüdische Echo Nr. 24 dergewinnen konnten. In denen das Judentum unter dem Einfluß aller dieser desillusionierendcn Faktoren zu versagen und zu verzagen schien, und das Arabertum nach dem Schlag auf den Kopf, den ihm die Balfour-Deklaration und die Ernennung des jüdischen High Commissioner versetzt hatte, zum politischen und bis einem gewissen Grade auch zum wirtschaftlichen Gegenstoß ausholte. Diese akute Krise, die wirtschaftlich in Rückschlägen der landwirtschaftlichen und industriellen Entwicklung, politisch in den Pogromen von Jaffa ihren Höhepunkt gefunden hatte, ist heute vorüber. Das neue jüdische Palästina ist trotzdem keineswegs konsolidiert, aber konsolidiert ist vielleicht die Anfangsbasis, die Plattform und die Methodik des Ausgangs. Man hat die Utopien der alten zionistischen Doktrin der Herzl- Zeit mit ihrem Kolonisationstempo im Siebenmeilenstiefelschritt, ja sogar die Illusionen der Bnlfour-Deklarationsstimmung mit ihren Hoffnungen auf fremde Hilfe (besonders auf die Hilfe des großmächtigen England) von sich getan. Man weiß nun, daß man nichts e r w e r b e n (und behalten) wird, als dasjenige, was man sich selbst, Zoll um Zoll, unter den größten Schwierigkeiten erobert. Darum läßt man sich auch durch die neuen Tatsachen einer günstigen Außenwirkung nicht neuerlich auf die Bahn der Illusion drängen. Man verhält sich diesen neuen Tatsachen gegenüber, die nur zum Teil auf der methodischer gewordenen Arbeit, auf der Klärung gewisser Fragen durch experimentelle Erfahrung, zum Teil auf gewissen G 1 ii c. k s z u f ä 11 e n beruhen, kritisch, ja sogar skeptisch. Man verkennt nicht den Wert der propagandistischen Wirkungen, die von diesen neuen Tatsachen, die sich nach außenhin als Erfolge des Palästina-Aufbaus markieren, auf den Galuth (das Judentum in Ausland) ausgehen und seine seelische Anteilnahme, seine finanzielle Zahlungsbereitschafl vergrößern, aber man bleibt sich bei alledem der großen Problematik dieses Aufbauwerks bewußt, rechnet mit Rückschlägen und läßt den Mißerfolg dieser oder jener Versuche und Methoden, ja sogar das Scheitern des ganzen großen Versuchs nicht außer Anschlag, ohne sich indes dadurch in der Notwendigkeit des Versuchs beirren zu lassen. Man verzeichnet Tatsachen und Entwicklungen wie die neue, stark strömende I m m i g r a t i o n , 'die nun nicht nur mehr Menschen als früher (es sind jetzt im Monat fast 2000), sondern auch Menschen mit Kapital ins Land führt, als einen Faktor, der sich mindestens so sehr aus der Anziehungskraft Palästinas, als aus der Abstoßungskraft gewisser europäischer Länder, besonders des in seiner Politik judenfeindlichen, in seiner Wirtschaft zur Kompression gezwungenen polnischen Staates erklärt. Man sieht nicht nur die Vorteile, die sich aus dieser hastigen und heute noch ziemlich unorganisierten Immigration zu ergeben vermögen, sondern man sieht auch die Nachteile, die sie für die soziologische und wirtschaftliche Struktur Palästinas im Gefolge haben kann. Man freut sich des nahezu amerikanischen Wachstumstempos der Stadt Tel- A w i w , die ehedem eine kleine Villenvorstadt des benachbarten Jaffa gewesen ist und heute mit ihrer in zwei Jahren fast verdoppelten Einwohnerzahl von mehr als 32 000 einem Gemisch von Goldgräbersladt und Seebad (auf dem Untergrund eines mystisierenden Ethos) gleicht, und mokiert sich doch aber ohne moralische Entrüstung und pharisäerhafte Kritik — über ihre baulichen Scheußlichkeiten, ihren Talmiglanz, ihre quellende Unorganik. (Und läßt zugleich gewissermaßen als Entschädigung für diese Stadt, deren Wachstum man noch nicht vorherzusehen und daher nicht zu beherrschen vermochte, durch den ideenreichen Städtebauer Richard Kaufmann ganz organische P 1 ä n e für eine andere Stadt — Afuleh entwerfen, die heute noch nicht da ist, die aber im Mittelpunkt des fruchtbarsten Siedlungsgebiets Emek Jisreel und im Schnittpunkt der zukünftigen großen Verkehrswege Nord-Süd und West-Ost voraussichtlich in den nächsten Jahren entstehen wird.) Man quittiert die Tatsache, daß nicht nur die rein jüdische Stadt Tel-Awiw von einer rein jüdischen Polizei bewacht wird, sondern daß auch die ganze Landespolizei stark, an manchen Orten beherrschend mit jüdischen Mannschaften durchsetzt ist, mit Genugtuung, ohne das Sicherheitsproblem für die jüdische Bevölkerung deswegen als endgültig gelöst zu betrachten. Man ist stolz auf die neue Universität in Jerusalem und verkennt doch in vielen, gerade in den geistigsten Kreisen des Landes nicht, daß das Problem der neujüdischen Kultur damit eine Spitze, und zwar besonders eine wenigstens zum Teil auf Außenwirkung berechnete Spitze erhalten hat, ohne daß der Unterbau dieser Kultur, besonders des Schul- und Bildungswesens, trotz redlicher Bemühungen und verheißungsvoller Anfänge, bereits breit genug verankert und tief genug entwickelt ist. Aber man hilft sich damit, daß man die schmalen Enlwicklungsmögliehkeiten, die der reinen Wissenschaft in diesem erst werdenden Lande vorläufig offenstehen, im Forscliungs- und Lehrplan der Universität ebenso wie in dem des einige Monate vorher eröffneten Technikums in Haifa so einrichtet, daß sie nicht nur mit den beschränkten finanziellen Hilfsquellen, sondern auch mit den nächsten praktischen Bedürfnissen der wirtschaftlichen Entwicklung im Einklang stehen. In der Universität sollen, abgesehen von den Geisteswissenschaften, die a g r i k u lf u r e 11 e Chemie und die chemische Biologie, im Technikum Bauw esen und Architektur vorerst den Hauptraum einnehmen. Als endgültig gelöst, und zwar nicht nur für die Gesichtspunkte der Außenwirkung, sondern innerlich und organisch, kann das Problem der hebräischen Sprache betrachtet werden. Sie lebt, ist von Entartung befreit und jeder Weiterentwicklung fähig. Ob der jüdische Bauer, den die Außenwelt dem „jüdischen Händler- und Schachergeist“ am schwersten glauben wollte, heute schon so hundertprozentig lebt und eingelebt ist, wie ihn eine auf Außenwirkungen angewiesene Propaganda dem Beschauer gern vorführen möchte, ist eine Frage, auf die es nicht so sehr ankomml. Wichtiger ist, daß das M a - lerial für diesen Bauern da ist, und daß die jetzige Generation, die heule nicht nur mit der Ungunst unerhört harter Verhältnisse, sondern auch mit sich selbst, mit Resten aus alten unbäuerlichen Berufen, Gewohnheiten, Denk- und Handlungsweisen zu ringen hat und dabei wahrhaftig ihren Mann steht, sich durch nichts, durch keinen falschen Ehrgeiz und keine falsche Sentimentalität und keine falschen Geistigkeiten in der Erziehung davon abhallen läßt, aus der neuen Generation, die jetzt heranwächst, hundertprozentige Bauern zu machen. Dieses kleine Palästina, ein Land nicht größer als eine mittlere deutsche Provinz, mit kargen Möglichkeiten, mit unerhörten Gegensätzen des Klimas,

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