Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 24 12. Juni 12. Jahrgang Das neue Palästina Das „Berliner T a g e b 1 a l1“ vom 3. Juni veröffentlicht an leitender Stelle nachstehenden Artikel aus der Feder seines Handelsredakleurs Dr. Felix Pinne r, dem weitere Artikel über „Innere Tatsachen“ folgen sollen. Im Hafen von Neapel — am Morgen unserer Ausreise nach Palästina — lag neben dein wackeren, wenn auch kleinen japanischen Steamer, der uns nach Port Said führen sollte, ein fast doppelt so großer Dampfer mit seinen 16 000 Tonnen, einer der größten, die im Milteimeer ihre Flagge zeigen. Es war der „Präsident Arthur“, von amerikanischen Juden für die Fahrt New York-Jaffa gechartert, um amerikanische Palästina-Immigranten und Palästina-Touristen in das jüdische Aufbauland zu bringen. Die erste Fahrt, die den Touristenslrom, darunter geistige und finanzielle Protagonisten der amerikanischen Palästinabewegung, zur Feier der Universitätseröffnung in das „heilige Land“ gebracht hatte, war beendet, und das Schiff auf seiner Rückreise. (Ein Teilnehmer der Fahrt hat uns nachher erzählt, wie alle amerikanische Kapitalmagnaten, Leute mit den verhängten Businessgesichtern und mit der sentimentalen Kammer in der untersten Herzenselage, sich beim ersten Anblick der Küste von Jaffa an den Händen gefaßt und in begeistertem Reigen gedreht hätten.) Nun war der „Präsident Arthur“ auf der ersten Rückreise. Weitere Reisen werden folgen, vielleicht weitere Schiffe, und dann wird eine richtige reguläre Linie New York-Jaffa ohne Umsteigen (der Name American-Palestine-Line und die nötigen Agenlurbiiros sind schon da) daraus werden. Es wird zur Zeit viel an weltlichen Unternehmungen projektiert in dem Winkel des morgenländischen Meeres, von dem aus einst die großen Religionen ihren Weg in die Welt genommen haben, es wird viel projektiert, und manches bleibt nicht nur Projekt, sondern wird — zum Teil unter Bedingungen, die in der sonstigen „rein ökonomisch“ rechnenden Welt als unmöglich, unter Schwierigkeiten, die in jedem anderen Land als unüberwindlich gelten würden — auch in Wirklichkeit umgesetzt. Und manches wächst auch von selbst, ohne große Projekte, im Schalten der zionistischen Ideologie und — der englischen Politik. Es wachsen in einem Tempo, das man als amerikanisch bezeichnen könnte, wenn es nicht immer wieder durch die absolute orientalische Mißachtung der Zeit als eines Wustbegriffes retardiert würde, der moderne Verkehr und die moderne Technik in das vor dem Kriege fast bahnlose, fast chausseelose, gänzlich eleklrizitälslose Land hinein. In das Land, das heute schon von Automobilen wimmelt und morgen von Rutenbergs elektrischen Drähten überspannt sein wird. (Und zwischen heule und morgen als erstes von allen Orienlländern ein hochmodernes Radio erhallen wird). Es wächst manches aus gesunder Kraft und kluger Berechnung, es wächst aber auch manches wild und hängt sich schlingpflanzenartig' an die noch schwachen Stämme der „Aufforstung“, denen es einen Teil ihrer zarten Säfte forlzuschmarolzen droht. Doch von diesen inneren Dingen soll später gesprochen werden. Der „Präsident Arthur“ zeigt zum ersten Male auf dem Weltmeer neben dem amerikanischen Sternenbanner die neue blauweiße jüdische Flagge mit dem uralten Davidstern. Das ist eine, jeden Juden (auch dem Nichlzionislen) unwillkürlich ans Herz greifende Tatsache von symbolischer Bedeutung und demonstrativer Außenwirkung. Es gibt noch mehrere solcher Tatsachen von starker Außenwirkung, die darauf hindeuten, daß das jüdische Aufbau- und Siedlungswerk in Palästina nach der Meinung der Aufbauenden wie nach der Meinung großer Teile der internationalen Judenheit, die an alledem nicht nur als Zuschauer, sondern als seelisch und finanziell Beteiligte mitwirken, über das Stadium der Utopie hinausgewachsen und in das Stadium des realpolitischen Experiments — man soll und will sich bescheiden ausdrücken — hineingewachsen ist. Der jüdische High Commissioner, Sir Herbert Samuel, der am 30. Juni nach fünfjähriger Wirksamkeit im Lande sein Amt verläßt und zurzeit seine Abschluß- und Abschiedsreise durch die Provinzen unternimmt, war ursprünglich als eine freundliche Geste seitens der englischen Mandalarmacht gedacht gewesen. Diese Geste hat sich zum mindesten gefühlsmäßig im Lande ausgewirkt, aber auch realpolitisch hat die Zeit des jüdischen Höchstkommandierenden ihre Früchte getragen. Wenngleich es manche jüdischen Politiker innerhalb und außerhalb des Landes gibt, die der Ansicht sind, daß gerade der jüdische Regent den Arabern gegenüber zu einem „Übermaß an Objektivität“ verpflichtet und geneigt gewesen wäre. Im übrigen fehlte es nicht an Krisen und Sch w ankungen, namentlich in den ersten Jahren der Mandatschaft, in denen die Erfüllungen hinter den hochgespannten politischen und wirtschaftlichen Hoffnungen weit zurückblieben, in denen die jüdische Einwanderung nur tropfte, statt zu fließen (ebenso wie die Geldmittel, die sie fundieren sollten), in denen die industriellen Projekte fast sämtlich aus Gründen, die nicht nur in den Verhältnissen des Landes selbst, in einem falschen Augenmaß bei der Projektierung und Kapitalisierung lagen, sondern auch in den deformierenden Folgen der Weltkrise mit ihrem ständigen Preisdruck von der Deflation der großen Weltwährungen her, scheiterten; in denen die landwirtschaftliche Neubesiedlung vor unerhört schwierige Aufgaben gestellt, ohne sicheren Erfolg nach Formen suchte, mit deren Hilfe die Kargheit der agrikultureilen Bedingungen, die Gefährlichkeit des Klimas, die Schwierigkeiten des Absatzes bezwungen werden konnten, in denen auch die alten Kulturen, besonders der Weinbau in Rischon-le-Zion, infolge des Ausfallens der beiden größten früheren Absatzländer (der Vereinigten Staaten infolge der Prohibition und Rußlands infolge der Sowjetbeschränkungen) stagnierten und ihren durch Kriegsschäden beeinträchtigten Stockungsstandard nicht wie-