Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- Seite 447 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 447 Das Jüdische Echo Die Wiener Studentenexzesse Neue schwere Mißhandlungen jüdischer Studenten in Wien — Universität und Hochschule geschlossen. — Drohender Schluß aller übrigen Hochschulen. Wien. (J.T.A.) Am 26. und 27. Mai kam es wieder zu großen Tumulten an den Wiener Hochschulen. Nationalistische Studenten überfielen jüdische und sozialdemokratische Studenten und mißhandelten sie schwer. Einige jüdische Studenten trugen blutige Wunden davon. Auch auf der Seite der Hakenkreuzler gab es einige Verletzte. Der Bundeskanzler Dr. R a m e k lud am 27. Mai die Rektoren aller Hochschulen zu sich und ersuchte sie dringend, für unbedingte Aufrechterhaltung der Ruhe zu sorgen. Die Rektoren versprachen es und vereinbarten die Einführung des Legitimationszwanges für den Eintritt in die Hochschulen. Auch wurde beschlossen, falls wieder an irgend einer Hochschule Unruhen entstehen sollten, sämtliche Wiener Hochschulen zu schließen und eventuell das Semester abzubrechen, was den Verlust des Semesters zur Folge hätte. Während der Beratung wurde bekannt, daß an der Hochschule für Welthandel neue Unruhen ausgebrochen waren, indem die nationalistischen Studenten die jüdischen Hörer gewaltsam aus der Aula und dem Gebäude hinausdrängten. Die Hochschule wurde bis nach Pfingsten gesperrt, auch die Universität wurde von neuem geschlossen. Den ganzen Tag über dauerten die schweren Unruhen an den Hochschulen und in den Straßen fort. Die Sozialdemokraten haben nunmehr beschlossen, in der nächsten Sitzung der Bundesversammlung eine scharfe Interpellation gegen die Vorgänge an der Wiener Technik, wo die jüdischen Studenten gewaltsam hinausgedrängt wurden, und gegen die Vorfälle an der Hochschule für Bodenkultur, wo die Studenten wegen Nichterfüllung der Numerus clausus-Forderung in den Streik traten, einzubringen. Am 23. Mai fand eine Beratung von Vertretern sämtlicher jüdischer Parteien Österreichs über ein gemeinsames Vorgehen gegen den in der Hochschule herrschenden Geist statt. Am 23. Mai mittags sprachen beim Rektor der Technik, Hofrat Salinger, die Vertreter der jüdischerkStudentenschaft vor. Sie verwahrten sich dagegen, daß durch das unverantwortliche Vorgehen einer Studentengruppe Zustände an der Hochschule geschaffen werden, die völlig außerhalb des Hochschulbereiches liegen. Die stillschweigende Duldung der Verbreitung von antisemitischen Pamphleten an der Hochschule ist mitschuldig an den letzten Vorfällen. Die jüdischen Vertreter verlangten wirksamen Schutz und Anwendung der Diziplinargewalt gegenüber den Angehörigen der randalierenden Gruppen. Die vom früheren Bundeskanzler Dr. Renner im Nationalrat eingebrachte Interpellation lautet u. a.: „1. Was ist gegen Hofrat Kobes, Professor an der Technischen Hochschule in Wien, veranlaßt worden, der sich erfrecht hat, seine Vorlesungen zur politischen Agitation zu mißbrauchen? 2. Was ist gegen Hofrat Salinger veranlaßt worden, der unter Mißbrauch der ihm anvertrauten Rektorswürde verbrecherische Exzesse einer mißleiteten Jugend nicht nur duldet, sondern durch sein parteiisches Verhalten geradezu fördert? 3. Was ist gegen jene Exzedenten an der Technischen Hochschule veranlaßt worden, die sich am 19. Mai so flagrant gegen das Strafgesetz und gegen den Erlaß des Rektors vom 29. April vergangen haben?“ Ein Mörder freigesprochen Antisemitische Huldigungen für den Mörder. Bukarest. (J.T.A.) In Turn-Severin wird gegenwärtig der zweite Prozeß gegen den Studenten Corneliu Codreanu durchgeführt, der vor einigen Monaten den Präfekten von Jassy, M a n c i u , niedergeschossen hat, weil dieser antisemitische Ausschreitungen der Studentenschaft mit Waffengewalt verhindert hat. Turn- Severin wurde als Gerichtsort gewählt, weil hier nur sehr wenige Juden wohnen und deshalb pogromartige Ausschreitungen wie in F o c s a n i, wo der erste Prozeß stattfand, weniger zu erwarten sind. In den Straßen patrouillieren Militär- und Gendarmerieposten. Zur Verhandlung sind Abordnungen der antisemitischen Studentenschaft aus Altrumänien, Siebenbürgen und der Bukowina erschienen. Den Vorsitz führt Gerichtspräsident Barbu B a r 1 a m. Nach Verlesung der Anklage beginnt das Verhör mit Codreanu, der einen historischen Überblick über die antisemitische Bewegung gibt und ausführt, er und seine Kollegen befanden sich als verfolgte Antisemiten gegenüber Manciu im Verteidigungszustand. Er konnte Manciu nicht zum Duell fordern, da Manciu disqualifiziert war. Als erster Zeuge wurde der Apostel des rumänischen Antisemitismus Professor C u z a vernommen. Er sagte, er betrachte Codreanu wie sein Kind, finde seine antisemitische Betätigung für berechtigt und. seinen Kampf für den Numerus clausus für begründet. Die antisemitische Studentenschaft in Jassy wurde durch Mancius Judenschutz so denerviert, daß ein Ausbruch der Verzweiflung nicht zu vermeiden war. Schuldig sind diejenigen, die den Auftrag gaben, die Studenten