Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Das Jüdische Echo 421 niederlegte und trotz allen Drängens durchaus nicht zu bewegen war, es wieder anzunehmen. * * * Bei der Etatsberatung der jüdischen Gemeinde Duisburg wurde der Antrag gestellt, den Beitrag für den Gentral-Verein zu streichen, weil dieser bei den Landesverbandswahlen im innerjüdischen Kampf einseitig Partei ergriffen und deshalb das Recht verwirkt habe, aus den von Angehörigen aller Richtungen aufgebrachten Steuern unterstützt zu werden. Der Central-Verein entging der Ablehnung des Beitrags bei Stimmengleichheit nur dadurch, daß zu seinen Gunsten der Vorsitzende den Ausschlag gab. Niemand verteidigte die Haltung des Central- Vereins; vielmehr wurde von Central-Vereinsseite die Wahlparole als bedauerlicher Fehlgriff bezeichnet. Einstein über das jüdische Problem Professor Albert Einstein, der, wie bekannt, in Argentinien eine Anzahl wissenschaftlicher Vorlesungen hielt, wurde überall, wo er erschien, von Gelehrten und Politikern geehrt. Der große Gelehrte benützte seine freie Zeit, das Leben in Argentinien sowohl in den Städten wie auch in den jüdischen Kolonien kennen zu lernen. Die jüdischen Organisationen und Genossenschaften ließen es sich nicht nehmen, Einstein als Gast zu begrüßen. Es wurden ihm zu Ehren verschiedene Empfänge veranstaltet, von denen der imposanteste der Abschiedsabend im Theater „Capital“ war, bei welchem Prof. Einstein als Gast der Association H e - b r a i c a einen Vortrag über das jüdische Problem hielt. Wir geben im Folgenden einen Auszug aus diesem interessanten Vortrag. Professor Einstein führte aus: Um das Wesen des jüdischen Problems begreifen zu können, muß man sich die Lage des Judentums vor hundert Jahren, als die Juden noch in geschlossenen Gemeinschaften, von der Umwelt gesellschaftlich und geistig abgesondert, gelebt haben, in Erinnerung zurückrufen. Von gewissen jüdischen Kreisen wird jene Zeit vielleicht als eine sehr traurige, unglückliche Epoche im Leben des jüdischen Volkes angesehen. Das ist jedoch eine irrige Auffassung. Als noch das alte Kehillahleben existierte, führten die Juden das Leben einer nationa- 1 e n Einheit. Ihr geistiges Leben bildete etwas vollkommen Ganzes, Einheitliches, weil sie ihr geistiges Leben und Wesen im Einklang mit ihrer Tradition erhalten, bezw. fortführen konnten. Das Studium des Talmud hatte auf die Juden jener Zeit eine außerordentlich wertvolle erzieherische Wirkung und förderte ihren Intellekt in hervorragender Weise. Während meiner Tätigkeit an der Universität, als ich mit der studierenden Jugend aus Osteuropa öfter in Berührung kam, habe ich den großen Wert des Studiums der traditionellen Literatur erst so recht begreifen und schätzen gelernt. Ich habe einen jungen Freund, der bis zu seinem 20. Lebensjahr ausschließlich talmudische Studien betrieb, dann an die Universität kam und nach kaum dreijähriger Universitätsarbeit ein ausgezeichnetes Werk über ein Gebiet der Mathematik schrieb. Es ändert sich in der neuen Zeit wohl die Materie des Studiums, aber die intellektuelle Übung des Talmudstudiums behält ihre Wirkung. Dank der Gleichberechtigung und der politischen Emanzipation hatte sich das alte jüdische Gemeindeleben und der innere Zusammenhang unter den Juden gelockert und aufgelöst. Die Emanzipation brachte uns zwei Probleme: das soziale und das. geistige. Die soziale Frage ist für das Individuum, die Einzelperson, das schwerste Problem. Es muß sich der fremden sozialen Umgebung und der fremden Lebensweise anpassen. Infolge der nationalen Eigentümlichkeit und des ausgesprochen nationalen Charakters des Judentums ist die vollständige Assimilation des jüdischen Individuums nicht möglich. Das Bestreben hingegen, sich um jeden Preis zu assimilieren, hat den ursprünglichen jüdischen Charakter verdorben. Besonders schlecht war die Wirkung des Erziehungssystems der westeuropäischen Juden auf die Jugend, die Bemühung, die eigene Abstammung zu verbergen und das eigene Volk geringzuschätzen. Sind nun als Folge dieses verfehlten Systems in unseren Reihen Fälle von Verrat und Taufen in Erscheinung getreten, so war das nicht eine Folge von Charakerlosigkeit, sondern eben das natürliche Ergebnis der assimilatorischen Erziehung. Uber die Fälle von Austritten aus dem Judentum einer Karriere zuliebe mag ich gar nicht reden. Zu welchem Schlüsse führen uns nun unsere Betrachtungen? An Stelle der alten Gemeindeeinheit, an Stelle des lose gewordenen ausschließlich religiösen Bundes muß eine neue Grundlage für unsere Gemeinschaft geschaffen werden. Und in dieser Beziehung hat der große Begründer des Zionismus, Theodor Herzei, eine große Wunderleistung vollbracht. Die nationale Erneuerung, die uns der Zionismus gebracht hat, ist für die Erhaltung des Judentums von allergrößter Bedeutung. Die neue Generation ist bereits emporgestiegen. Die neue jüdische Jugend hat bereits ihr eigenes Milieu. Sie ist nicht mehr darauf angewiesen, gesenkten Hauptes bettelnd vor fremden Türen zu stehen. Im weiteren Verlauf seiner Rede wies Professor Einstein auf die interessante Erfahrung hin, daß gerade die russischen Juden, die im Sinne der Tradition gelebt und die traditionelle Lebensweise am spätesten aufgegeben haben, sich auch auf den Gebieten der modernen Kultur ausgezeichnet haben und auch heute noch auszeichnen. „Ein mir befreundeter Direktor eines Berliner Hospitales bestätigte mir aus eigener Erfahrung, daß die russischen Juden größere geistige Fähigkeiten verraten als die übrigen. Die Tradition unserer alten Kultur war die notwendige Vorschule für unseren geistigen Fortschritt“. Die zionistische Zentralisierung unseres Volkes in Erez Israel wird die geistige Tradition erneuern. Wir stehen vorläufig noch am Anfang der Erneuerung des alten jüdischen Geistes. Die hebräische Universität ist der erste Schritt auf dem Weg, auf welchem wir fortschreiten müssen, um uns unserer großen Vergangenheit würdig zu zeigen. TEINACHER HIRSCHQUELLE rein natürliches Mineralwasser von Weltruf, ärztl. sehr empfohlen bei BLASEN-, NIEREN- und HALSLEIDEN Generaldepot: EDUARD KUHLES / MÜNCHEN LEDERERSTRASSE 12 TELEPHON 20542