Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 21 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- Seite 409 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Das Jüdische Echo 409 zu jener Zeit, da sein Körper deutlich verfiel, in der Dämmerstunde seines Geistes einer mit dem guten Rate zu ihm kam, man solle mit Hilfe der Judenileit dem Greise einen besondern „Winkel“ bauen, da fand dieser Kerl bei ihm ein aufmerksames Ohr. Aber die treuen Verehrer des Greises, die wahrhaft auf seinen Namen und seine Ehre bedacht waren, hörten die Worte des Traums und schwiegen still. Den alten Mann zu betrügen wagten sie nicht, doch seinem letzten Lieblingstraum ganz ein Ende zu machen, brachten sie auch nicht über sich — war es ja doch der letzte. 5. In jenen Tagen begann Mendele, die Nähe Gottes zu juchen. Der Religiosität neigte sein Herz seit jeher zu, und der Gott Israels, der Gott des Moses, der Propheten und der Aggacla war der Gott seines Lebens und der Hort seines Geistes zu jeder Zeit; aber jetzt stärkte er seinen Glauben und barg sein greises Haupt unter den schützenden Fittichen Gottes. Der Name Gottes war immer in seinem Munde und die heiligen Schriften waren seine wesentlichsten Quellen, denen er sich zuneigte, und in die er tief hinabtauchte. Nun wurde er noch sorgsamer in der Erfüllung der praktischen Pflichten, besonders derer, die sich auf Sabbath- und Festtage bezogen. Der Umschwung war, wie es scheint, Frucht eines inneren Entschlusses auf dem Krankenlager, eine Art Bußgedanke; vielleicht hatte er damals in den Worten über sein Gespräch mit Gott, die ich oben erwähnt habe, darauf hingedeutet. Jedenfalls war dieser Umschwung seit damals an ihm zu erkennen; nachher, da Gottes Hand schwer auf ihm lag, wurde seine Neigung zur Religiosität allmählich noch stärker. Er fing an, beim Beten sehr achtsam zu sein, ebenso beim Waschen der Hände und beim Segensspruch über das Mahl. Manchmal fand man ihn am Morgen auf seinem Stuhle sitzend, die Jarmulke auf dem Kopf und den Siddur in der Hand, und seine Lippen flüsterten Gebet und Segensspruch. Nur über ein Thema hütete sich der Greis in seinen letzten Jahren viel zu reden — über den Tod. Wenn dieses heikle Thema an ihn herantrat, entledigte er sich seiner mit zwei, drei Worten und sprang gleich auf ein anderes Gebiet über. Er wollte nicht lang in seiner Gemeinschaft verweilen. So tat er die Kunde von Perez’ Tode kurz ab und selbst die vom Tode Schalom Alechems. Wie es scheint, war das eine seiner Listen gegen das Alter. Einem Totengeleite, zu dem er gehen mußte — wenn etwa einer aus seinem Kreise starb — entzog er sich trotzdem nicht, aber auch da wendete er eine kleine List an: Er pflegte unter den Trauergästen mit aufgerichteler Gestalt und starken Geistes einherzugehen und sah aus wie ein völlig sorgloser Mann. Er tut seine Pflicht und nicht mehr, sonst hat er mit der Sache nichts zu tun. So geleitete er die Bahre Lilienblums und Lewinskys, Friede sei mit ihnen, und anderer. Gewöhnliche Menschen pflegen ja zwischen sechzig und siebzig zu sterben. Ist einer aus dem Kreise derer, die im Todesalter stehen, gestorben, so soll dieser ganze Kreis sich Sorgen machen. Aber die Mendeles, die achlzig- und neunzigjährigen, gehören nicht zu diesem Kreise. Haben sie ja doch schon die Schwelle übersprungen und sind dadurch von selbst der Verantwortung ledig. Trotzdem ist es gut, in einem Gespräch über dieses Thema kurz zu sein. Nur immer rings herum ... so ungefähr konnte man sich das Verhältnis Mendeles zu den aufeinanderfolgenden Nachrichten vom Tode einiger ihm lieber Menschen in den letzten Jahren erklären. Er seufzte kurz auf — und dachte nicht mehr daran. Nur in jenem Sommer nach der Vollendung des achtzigsten Lebensjahres hörte ich aus seinem Munde einen ganzen Gedankengang über den Tod. Es war eine dunkle Dämmerstunde in seiner Sommerfrische. Der Greis ging eine kleine Schar Gäste begleiten, die gekommen waren, um nach seinem Befinden zu sehen. Das allzulange Gehen fiel ihm noch schwer, aber seine Stimmung war gut, ruhig und sanft wie die Stimmung jener Dämmerstunde und jener süßen Finsternis, und darum war auch sein Gespräch in dieser Stunde so lieblich; er selbst gab sich ihm hin, nahm seine Kräfte zusammen und ließ sich mit der Rückkehr Zeit, Er sprach ruhig, fast lautlos und mit sehr viel innerem Vertrauen. Unter anderem brachte er auch folgenden Gedanken vor: Der Tod ist in Wahrheit nur eine neue Geburt, eine umgekehrte Geburt. In der Stunde, da der Mensch diese Welt verläßt, wird er in jener Welt geboren. Sicherlich gibt es dort einen, der auf Wache steht und mit freudigem Erschauern dem Augenblick der Geburt entgegenharrt. In dem Augenblick, da sich der Abgeschiedene ungefährdet durch die enge Pforte des Todes hindurchgezwängt hat, gibt es gewiß dort in jener Welt einen, der ihn empfängt und mit Jubelschall verkündet: Glück und Segen! Ein Kind ist uns geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt worden! Und die Freude in der Schar der Himmlischen ist groß. Daher sagt das Sprichwort: Ein Greis gleicht einem Kinde. Je älter der Mensch wird, desto mehr geht er allmählich nach rückwärts — seiner Geburt zu. Sein Verstand weigert sich, seine Einbildungskraft wird mächtiger, seine Fähigkeit zu sprechen schwächt sich ab, bis ihm im letzten Augenblick die Rede ganz schwindet und der Mensch wieder das wird, was er im ersten Augenblick gewesen ist. Sein Gehen ist ganz so wie sein Kommen. Er kommt durch Geburt und geht durch Geburt. So plauderte leise der Greis mit sehr tiefem inneren Vertrauen, und der Abendnebel hüllte ihn, seine Worte und den Kranz seines weißen Haares ein und strömte auf sie insgeheim Gnade und Erbarmen aus. Schweigend und gerührt gingen wir neben ihm und ahnten nicht, daß über eine Weile Gottes Hand dies kostbare alte Gefäß anfassen werde, so daß es zerbrechen und rettungslos dahin sein wird. Was wir im Sommer nicht geahnt hatten, geschah im Winter danach. Gottes Hand kam über Mendele und machte seinen halben Leib verdorren. Wohl gelang es den Ärzten, ihn aus dem Bett und auf die Füße zu bringen und sogar für zwei Sommer aufs Land hinauszuführen; doch der Engel des Alters hatte schon sein Werk vollendet? Das kostbare alte Gefäß zersprang und ward nicht mehr geheilt. Odessa, am 1. Tage Chanukka 5678, ein Jahr nach dem Tode Mendeles. C h a i m Nachman B i a 1 i k. TEIRACHER HIRSCHQUELLE rein natürliches Mineralwasser von Weltruf, ärztl. sehr empfohlen bei BLASEN-, NIEREN- und HALSLEIDEN Generaldepot: EDUARD KUHLES # MÜNCHEN LEDERERSTRASSE 12 TELEPHON 20542