Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 21 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- Seite 402 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Das Jüdische Echo Nr. 21 schiedenen Ländern verschiedenen Umgangssprachen der Juden sollte zeigen, daß die Sprache der Juden kein entscheidendes Merkmal ihrer nationalen Zugehörigkeit bilden kann. Hierauf ging der Redner zu einer Darstellung der parteipolitischen Gruppierung des Ostjudentums, besonders des polnischen Judentums über, das er aus eigener Anschauung ganz besonders gut während der Jahre der deutschen Okkupation kennen gelernt hat. Er bekennt sich unumwunden als ein Anhänger der nationalen Parteien des polnischen Judentums, indem er die dünne Assimilationsschicht und ihre politischen Machenschaften als „menschlich zum Teil nicht sehr sympathisch“ bezeichnet. Besonders nimmt er es der polnisch-jüdischen Assimilation übel, daß sie auf dem Wege über die chassidischen Rebbes auf die Massen in ihrem Sinne politisch einzuwirken versucht und mit der Orthodoxie aus rein opportunistischen Gründen paktiert. Den beiden nationalen Strömungen, dem Zionismus und V o 1 k i s m u s steht Professor Zwiedeneck-Südenhorst, der sich als ausgezeichneter Kenner der parteipolitischen Verhältnisse des polnischen Judentums zeigte, viel näher. Das Wertvolle im Zionismus erblickt der Redner in dessen Streben nach einer inneren Wandlung des jüdischen Menschen, einer Erneuerung seiner menschlichen Beziehungen, während der Volkismus als Versuch, die Juden in den Ländern ihres Wohnsitzes zu verwurzeln, ihm am aussichtsreichsten als praktische Lösung der osteuropäischen Judenfrage erscheint. Dabei betonte aber der Redner ausdrücklich, daß dieser Verwurzelungsversuch nicht in Assimilationsstreben einmünden dürfe, sondern er bezeichnete diejenige Lösung als die beste, die dem n a t i o - Bayerische Vereinsbank MÜNCHEN- NÜRNBERG Entgegennahme von Festgeldern zu günstigsten Bedingungen nalen Zugehörigkeitswillen der Juden zu ihrem Volke am besten Rechnung zu tragen versteht. Eine derartige Lösung sei auch zum Heile der nichtjüdischen Bevölkerung. Nach einem kurzen Überblick auch über die jüdisch-sozialistischen Parteien ging der Redner noch auf die volkswirtschaftliche Seite der Ostjudenfrage ein. Er entrollte ein Bild des sozialen Aufbaus der ostjüdischen Massen, zeigte ihre allmähliche, durch Maßnahmen der gegenwärtigen Regierungen noch vielfach beschleunigte Pauperisierung der jüdischen Massen, die, nach den Worten des Redners, infolge dieser Pauperisierung ein „bedenkliches Reservoir der Judenzuwanderung“ bilden. Das Ostjudentum bestehe heute zum größten Teil aus proletarischen Handelsexistenzen, die infolge eines wahnwitzigen Konkurrenzkampfes ein kümmerliches Leben fristen. Aus dieser Krampfhaftigkeit des Existenzkampfes sei auch die Zuspitzung des geschäftlichen Scharfsinnes der Juden zu erklären. Der Redner wies auf die geringe Beteiligung der Juden an der Fabrikarbeit hin. Es gebe kaum mehr als 50 000 reguläre Fabrikarbeiter, während die Zahl der von Geschäftsunternehmern und Konjunktur-Ausnützern exploitierten Heimarbeiter ungeheuer sei. Es sei eine weitverbreitete, aber irrige Meinung, zu glauben, daß die Juden die Träger des kapitalistischen Geistes seien. Wer das Wirtschaftsleben der Ostjuden kenne, müsse die Unrichtigkeit dieser Anschauung einsehen. Ebenso sei es eine ungerechte Beurteilung, wenn man die Ostjuden als Träger eines parasitären Handelstums bezeichne. Die Proletarisierung der Masse schreite immer weiter vorwärts. Mit der zunehmenden Pauperisierung habe die Auswanderung immer größere Dimensionen angenommen. Mit der Auswanderung habe sich aber auch eine Zerstreuung der kompakten Massen angebahnt (mit wenigen Ausnahmen wie New York usw.). Die jüdische Diaspora steht nach der Meinung des Referenten heute auf ihrem Höhepunkt. Das Wanderungsziel der Juden sei von kapitalistischen Gesichtspunkten beeinflußt. Daher sei auch die Einwanderung nach Palästina bis in die letzte Zeit eine sehr geringe gewesen. Das Massenelend hat auch zu einer mächtigen Binnenwanderung den Antrieb gegeben. Es ist übrigens, nach Ansicht des Redners, irrig, zu behaupten, wie das die sogenannten „Zerstreuungstheoretiker“ tun, daß sich bei den jüdischen Wanderungen eine Tendenz nach Zerstreuung bemerkbar mache. Das Gegenteil sei richtig. Wo es die ökonomischen Verhältnisse nur irgendwie zulassen, erkennt man deutlich den Willen zur Agglomeration in den großen Städten. Trotz starker sozialer Differenzierungen unter den Ostjuden hält der Redner die nationale Kohäsion im allgemeinen für stärker als die klassenbewußte Adhäsion, d. h. dem Juden wird im allgemeinen der konnationale Nicht- Genosse näher stehen als der andersnationale Genosse. Daher müsse bei einer Lösung des Ostjudenproiblems dieser starke Wille der Ostjuden zur eigenen Nationalität mit in Rechnung gestellt werden. Die sehr sachkundigen Ausführungen des Redners wurden von dem zahlreich erschienenen Publikum beifällig aufgenommen. In der anschließenden Diskussion sprach als erster der 1. Vorsitzende der Zionistischen Ortsgrunpe München, Herr Dr. Eli Straus, der zunächst die geringe