Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 21 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- Seite 400 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Das Jüdische Echo Nr. 21 Die demokratische Presse Berlins spricht ihre Verwunderung über das Urteil des Oberverwaltungsgerichts aus und erinnert an zahlreiche Fälle, wo tatsächlich jüdische Mitbürger auf Borkum durch Kurgäste, die die antisemitische Hymne brüllten, beschimpft, mißhandelt und zum Verlassen der Insel gewaltsam gezwungen worden sind. Schon im März 1908 waren die antisemitischen Ausschreitungen auf Borkum Gegenstand einer Debatte im Herrenhaus. Das „Berliner Tageblatt“ spricht von einem auffallenden Urteil“, welches ein rein formal-juristisches ist und auf die politischen Zusammenhänge nicht eingeht. Die „V o s s i s c li e Zeitun g“ nennt das Urteil eine „befremdliche Entscheidung“. Der „V orwärt s“ schreibt unter dem Titel „Das Pogromlied erlaubt!“: „Durch dieses salomonische Urteil, für das ein früherer preußischer Innenminister verantwortlich zeichnet, wird die systematische Aufforderung zu Judenpogromen gerichtlich gebilligt! . . . Die Entscheidung des Oberverwallungsgerichtes stellt sich also als eine stillschweigende Genehmigung zur gewaltsamen Verhinderung der Freizügigkeit jüdischer Mitbürger dar“. Reaktionäre Hetze gegen Professor Theodor Lessing Berlin (J.T.A.). Die völkische Presse führt seit einiger Zeit eine rücksichtslose Hetze gegen den Professor an der Technischen Hochschule zu Hannover, den über Deutschland hinaus bekannten Gelehrten Theodor L e s s i n g , weil er als Jude es gewagt habe, während des Wahlkampfes Artikel gegen die Person Hindenburgs zu veröffentlichen. Nunmehr meldet die „Deutsche Zeitung“ aus Hannover, 14. Mai: Eine ordentliche Studentenversammlung, die von Vertretern des Lehrkörpers, der Presse und der Studentenschaft besucht war, beschloß einstimmig, an Rektor und Senat sowie an den Kultusminister das Ersuchen zu richten, Prof. Lessing den Lehrauftrag an der Hochschule und die Lehrbefähigung an jeder deutschen Hochschule zu entziehen. Mit Beifall und Dank wurde die Mitteilung begrüßt, daß auch Rektor und Senat der Hochschule alles tun wollen, dies Ziel zu erreichen. In der Zeitung „M o n t a g Morgen“ charakterisiert der demokratische Politiker Carl v. Ossi e t z k y die Hetze gegen Professor Theodor Lessing, der seit zwanzig Jahren Dozent an der Technischen Hochschule zu Hannover ist, wie folgt: „Theodor Lessing hat am 25. April, also noch vor der Wahl, im „Prager Tagblatt“ einen Artikel über Hindenburg veröffentlicht. Keinen Wahlkampf-Artikel. Eine scharfe psychologische Studie, in menschlich liebenswürdiger Form, was durch einige ironisch flackernde Lichter nicht beeinträchtigt, eher verdeutlicht wird. Kein regulärer Zeitungsartikel. Eher die Abhandlung eines Philosophen, den an den Männern der politischen Bühne allgemein Menschliches in individueller Ausprägung weit mehr interessiert als ihr Programm. Im ganzen Wahlkampf ist kein höflicherer Artikel geschrieben worden. Vierzehn Tage nach der Wahl aber wird dieser Artikel zum Anlaß genommen, um die Entfernung Lessings von seinem Lehramt zu fordern. Rektor, Senat und Studentenschaft spielen sich gegenseitig in die Hände. Vom Kultusministerium wird die Absetzung Lessings verlangt. In einer Beratung hinter verschlossenen Türen erklärt der Vertreter des Rektors, wenh das Ministerium nicht handle, so handle er „von sich aus“. Soweit das akademische Hochgericht. Dann zeigen sich die ersten Folgen des Bannspruchs. Nächtliche Katzenmusik vor dem Hause des Verfemten. Familienmitglieder werden tätlich bedroht. „Das Bestiarium der nationalistischen Presse wird lebendig.“ Verbreitung der Bibel in der Welt in 572 Sprachen London (J.T.A.). Dieser Tage wurde in London unter dem Vorsitz von Lord Darynglon die 125. Jahresversammlung der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft abgehalten. Der Vorsitzende betonte einleitend, daß die Heilige Schrift das Lehen und Denken der Menschheit gewandelt hat. Hierauf hielt der Innenminister Sir William Johnson-Hicks eine Ansprache, in der er betonte, nie war die Bibel so stark unter der Menschheit verbreitet wie heute. Er erinnerte an die Worte A s q u i t h‘s, daß das Vorhandensein einer Bibel in jedem englischen Hause ein Symbol der Einigkeit des englischen Volkes ist. Der Sekretär der Bibelgesellschaft Rev. Dr. J. H. R i t s o n teilte mit, daß im vergangenen Jahre die Bibel in weitere sechs Sprachen übersetzt worden ist, so daß nunmehr die Bibel in 572 Sprachen existiert. In Rußland ist es gegenwärtig nicht erlaubt, Bibeln .vorn Ausland einzuführen. Rev. Dr. Z w e m e r führte aus, auch in den mohammedanischen Ländern, sowie in China bestehen verschiedentliche Bibelübersetzungen und die Bibel gilt dort als Literaturwerk ersten Ranges. In vielen Ländern bedeutet die erste Bibelübersetzung den Beginn einer Literatur überhaupt. Aus dem Jahresbericht der Gesellschaft geht hervor, daß sie im vergangenen Jahre 10 Millionen Bibelbände verbreitet hat. Das ist das dritte Mal seit ihrem Bestehen, daß die Gesellschaft eine solche Leistung in einem Jahre vollbringt. Ferner wurde mitgeteilt, daß in Jerusalem ein monumentales Bjbelhaus errichtet werden wird. Nestor Gianadis Cigaretten