Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 385 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 385 es wurde mitunter lästig. Ein guter Teil seines Zaubers war ihm genommen. Sein Mark war verdorrt und sein Saft gewichen. Es war keine Kraft darin. Die Worte fielen von selbst wie eine welke Frucht von den Lippen; kein Wachsein des Geistes gab sich in ihnen kund. Der Geist ruhte und schwieg. Auch jetzt sprach er viel und über alles. Doch nur durch die Macht der Gewohnheit, wie ohne Lust. Die Augen leuchteten dabei nicht auf und die Seele kam nicht in Glut. Das Lachen, jenes Lachen Mendeles, bald kindlich, bald mephistofelisch, hörte auf, in seiner Kehle zu zittern und zu glucksen. Seine Bewegungen wurden kraftlos und schwerfällig und die Linien seines Gesichtes, das immer lebendig und voller Bewegung gewesen war, waren gleichsam erstarrt. Auch die großen Geschehnisse machten ihn nicht entbrennen und erschütterten ihn nicht. Seine langen Spaziergänge, die Lust seiner Seele seit je, und sein größter Genuß — auch ihrer wurden wenig. Wenn ihn plötzlich der Geist packte und aus dem Haus trieb, sich zu ergehen, so kehrte er bald ganz müde und matt zurück. Mitunter kam auch die Vergeßlichkeit, die Tochter des Alters, ihn in die Irre zu führen und für einen Augenblick mitten im Gespräche den Faden seiner Gedanken abzureißen. Zwar war auch in den Tagen seines Wohlbefindens sein Gespräch nicht geradeaus gegangen und hatte nicht auf der „Reichsstraße“ einen Schritt vor den anderen gesetzt, sondern hatte sich immer krumme Wege und Abschweifungen gesucht und war mit Sprüngen, Abkürzungen und mit Hin- und Herwenden von Gegenstand zu Gegenstand und von Gleichnis zu Gleichnis gekommen; doch niemals hatte er sich im Labyrinth seines Selbst verstrickt. Sein gewaltiges Gedächtnis und sein scharfer Verstand hatten ihm immer geholfen, daß er heil der Verwirrung entkam. Nicht so jetzt. Mitten in der Rede verwirrte er sich zuweilen plötzlich und blieb stecken. Irgendein Kanal in seinem Hirn war verstopft. Da legte der Alte einen Finger an seine Stirn, die sich faltete, und sagte in seiner weisheitsvollen Sprache im Jargon: „Der Eisgang beginnt.“ Da er es sagte, erklärte er es auch schon nach seiner Art: „Habt ihr gesehn, wie das Eis im Strome schmilzt? Viele Eisstücke, große und kleine, schwimmen unaufhörlich in Massen heran, bis sie sich häufen, auf engem Raume im Fluß aneinanderstoßen und seine Mündung verstopfen. So — schließt der Greis — ist es in dieser Stunde mit dem Strom meiner Gedanken und Erinnerungen. Sie kommen von ferne über mich in großer Fülle, ein gar gewaltiges Heer, und stoßen eines das andere — und der Kanal wird verstopft!“ So spricht der Greis und seine Stirne faltet sich noch mehr, wie wenn er sich anstrengte, den Faden zu fassen. Der Zuhörer vernimmt das schöne Gleichnis und lächelt; aber auch das schöne Gleichnis nimmt seinem Herzen nicht den schmerzlichen Verdacht: Wahrlich, alt geworden ist Reb Mendele .... (Schluß folgt.) Chaim Nachman Bialik. Literarisches Echo „K i n d e r - F r e u n d e“. Das erste Heft der Schriften des internationalen Vereins „Kinder- Freunde“ von Prof. Dr. F. Schnee rson über „N eue Bahnen der sozialen Erziehung“ berichtet über die Entstehung dieses Vereins, seine Motive und Aufgaben. Er ist von Kinderfreunden geschaffen zur Pflege der Freundschaft und des geselligen Verkehrs unter der Jugend ungeachtet der Herkunft, der Klasse, des Alters und der Nation. Es handelt sich um einen Versuch, dessen Initiator Dr. J. L. T r e i t e 1 in Berlin ist, dort Kinder aus allen Kreisen und Stadtgegenden zu vereinigen, der die Beobachtung verankern soll, daß Kinder frei von allen Konventionen sich zu einandergesellen, daß sie die vielen gesellschaftlichen Grenzstriche von Natur aus nicht kennen, daß aber jede Jugend durch die gesonderten, in sich abgeschlossenen Institute naturgemäß einen engeren Verkehrsbereich und beschränkteren Erlebniskreis erhält als ihr eigentlich gemäß ist. „Die Erziehung aber soll die universalen Keime des kindlichen Gesellschaftslebens nicht ignorieren, geschweige denn sie unbewußt hemmen. Zur vollen Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes müssen wir die natürliche Entfaltung des Universalen in der kollektiven Natur der Kinder fördern und dieser rein menschlichen Gabe der Kindheit eine harmonische Entwicklung sichern.“ Es müssen darum außerhalb des Elternhauses und der Schule Einrichtungen geschaffen werden, die die Pflege des freien Verkehrs der Kinder unter vorsichtiger Beobachtung und nötigenfalls Führung von erwachsenen Kinderfreunden ermöglicht. Auf diese Weise ist der „Verein der Kinder-Freunde“ entstanden, dessen Mitglieder Kinder verschiedenen Alters, verschiedener Klassen, Konfessionen und Nationen, aus verschiedenen Erziehungsanstalten sind, sogar Kinder verschiedener Länder, mit denen korrespondiert wird. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Einrichtung lange Lebensdauer beschieden sein wird. M. E. werden gelegentliche internationale Zusammenkünfte von Kindern aus allen Bereichen, wie es die Sommerkolonie von Paul Münch im Jahre 1922 gewesen ist, an der 14 deutsche Kinder und 12 aus anderen Ländern teilnahmen, oder der Weg des zeitweiligen Austausches von Kindern dem Gedanken förderlich sein; während ein lokaler Verein allmählich durch die sich steigernde Diffenziertheit und Differenzierung der Jugend zur Auslese und Bildung von Kreisen besonderen Charakters führen dürfte, worin zweifellos ein nicht geringer Wert für die Selbsterziehung der Jugend zu erblicken ist. G. W. Kompositionsabend Heinrich Schalit in Nürnberg. Am 29. April gab Herr Heinrich Schalit, München, ein bis jetzt in Nürnberg unbekannter jüdischer Komponist, unter Mitwirkung von Herrn Kammersänger Ziegler, Berlin und Frau Else Buschhoff, München einen bis auf zwei Klavierkompositionen aus Liedern bestehenden Kompositionsabend. Das Nürnberger kunstliebende jüdische Publikum, das ja auch in den allgemeinen Konzerten einen großen Prozentsatz der Besucher stellt, war zahlreich erschienen und zeigte, daß die jüdischen Konzertbesucher allein schon imstande sind, einen Saal, wie den Saal des „Deutschen Hofes“ zu füllen, wenn es sich um die Werke eines ernsten, ausgesprochen jüdischen Musikers handelt. Inwiefern allerdings Schalits Musik selbst einen jüdischen Charakter trägt, ist schwer, fast unmöglich zu sagen, da wir ja nicht wissen, wie sich das jüdische Wesen in der Musik überhaupt ausspricht. Das werden wir erst erkennen, wenn sich ein eigenes Musikleben in Palästina und im allgemein jüdischen Leben entwickelt haben wird und wir die Wesenszüge jüdischer Musik erfühlen, so wie wir heute eine italienische Komposition als solche erkennen. Bis dahin müssen wir uns damit begnügen, festzustellen, ob ein jüdischer Korn-