Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 384 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Das Jüdische Echo Nr. 20 „Gott wird seinen Mendele nicht verlassen und nicht verstoßen. Er wird mich wieder auf stehen lassen und ich werde vor ihm leben. In den Tagen meiner Krankheit ist er mir selbst erschienen und ich habe von Mund zu Mund mit ihm gesprochen, wie ein Sohn mit seinem Vater. Ich habe ihm mein ganzes Herz offenbart und ich weiß, daß er mich erhören wird. Ich bin sicher, daß er mir seine Gnade nicht entziehen wird. Er kennt doch mein Herz.“ Weiter sagte er: „Die Krankheit der Seele und des Geistes kommt früher als die Krankheit des Leibes. Jene ist die Ursache und diese die Folge. Kein Glied am Leihe wird krank, wenn nicht zuvor die ihm entsprechende Stelle der Seele krank geworden ist. Ist die Seele geheilt, so ist sofort der Körper heil.“ Ferner sprach er: „Was sind alle Apotheken der Welt gegen die kleine und einzigartige Apotheke, die ich in meinem Haus und auf meinem Tische habe. In ihr sind Arzneien für alle Krankheiten der Welt und alle Wunden der Menschen. Wißt ihr nicht, was es ist? Das Buch der Psalmen! Dieses kleine Buch des Königs David! In diese kleine Apotheke bin ich eingetrelen und gesund und heil wieder hinausgegangen. Wie gewaltig ist ihre Wirkung!“ Man erwähnte vor ihm seinen nahen Geburtstag, das Jubiläum der „Kraft“, den Tag, da er achtzig Jahre alt werden würde. Einer fügte den zuversichtlichen Wunsch hinzu, daß es uns sicher vergönnt sein werde, ihn bei diesem Feste wie sonst gesund und heil beim Festmahle im Kreise seiner Freunde und Enkel sitzen zu sehen. Das Antlitz des Greises leuchtete hell auf und indem er wohlgefällig und zustimmend nickte, erwiderte er auf diesen Wunsch mit all seiner Kraft: „Amen, Amen. So möge Gott es fügen. Sicher wird er es so fügen. So Gott will! Pessinju, (der Name seiner alten Frau), rüste ein großes Mahl!“ l'nd Gott hat es so gefügt. Wenige Tage vor seinem Geburtstag verließ Mendele das Bett. Die Nacht des Geburtstages wurde diesmal in besonderer Freude gefeiert. Es versammelten sich alle „Enkel“ und unter ihnen erschienen auch neue Gesichter: Schriftsteller, die dem Kriege entronnen waren — Frischmann, Spektor und andere. Auch der Doktor Bychowski, Militärarzt im Lager, kam zufällig dorthin im Schmucke seiner Uniform, den Säbel umgürtet. Die Freude in der Wohnung des Alten war groß. Ist denn das etwas Kleines? Wäre nicht Krieg gewesen, so hätte man diesen Tag an allen Orten gefeiert, wo Juden wohnen. Auch die Zurüstung in der Wohnung des Alten war prächtig. Die große Rechenmeisterin, die Alte — sie soll leben — öffnete in jener Nacht all ihre Vorratskammern und setzte ihren Gästen einen Tisch bedeckt mit Leckerbissen vor — von dem, was die Gäste dem Geburtstagskind als Geschenk gebracht hatten. Auch zwei Pasteten hatten sie milgebracht! Wer? Natürlich Spektor! Zwei ganze Pasteten! Die Überraschung machte Eindruck und die Stimmung der Gesellschaft hob sich außerordentlich. Man aß, TeNtilhandelsgesellschaft zum „Weberhaus"R.G. München / Frankfurt^'. / Leipzig Zentrale München, Hesstrasse 74/76 Hauptgeschäft Dachauerstr. 9. Illustr. Katalog gratis u.franko man trank und, die Hauptsache, man hielt Gratulationsreden. Jeder einzelne legte mit freigebiger Hand eine Zugabe von Jahren in das Lebensbündel des Greises. Der Greis empfing natürlich die Wünsche für neue Lebensjahre mit großer Befriedigung und strahlenden Angesichts; doch seine Geistesstärke und seine innere Beweglichkeit hatten ihn in jener Nacht verlassen. Auch sein Jubel war nicht vollkommen. Im Gegenteil, man erkannte an ihm Zeichen der Müdigkeit und großer geistiger Erschlaffung und seihst die besondere Anstrengung, die er machte, sie zu verbergen, blieb ohne Erfolg. Seine Erwiderung war allzu lang und seine Worte hatten keinen Zusammenhang. Mitten darin verstrickte er sich in ein Gleichnis über den Betrug des Aramäers Laban, der bekanntlich in der Nacht unserem Stammvater Jakob eine häßliche, reife Jungfrau brachte, die mit den Augen zwinkerte, statt eines jungen, lieblichen Mädchens mit schönen Augen. Auf wen er anspielte, war einigen der Anwesenden, den „Eingeweihten“, sofort verständlich und natürlich auch jenem selbst, dem die Anspielung galt; es war dies ein angesehener Schriftsteller, einer der Tischgenossen, dessen Ehre durch die Worte des Greises schwer verletzt wurde. Doch die übrigen Gäste verstanden von der Anspielung nichts und ließen sichs am Hören und an der Freude am Wortsinn genug sein. Der Zwischenfall nahm zwar mit wechselseitigen Küssen des Gleichnisredners und seines Opfers ein friedliches Ende, aber es blieb ein peinlicher Eindruck zurück. Die Stimmung der Anwesenden sank plötzlich tief; viele von ihnen machten sich unbemerkt auf und davon und ließen die Ohren hängen. Hat wirklich der Niedergang begonnen? fragte das Herz in ängstlichem Beben. 3. Wahrlich, der Niedergang hatte begonnen. Mendele verließ das Bett, doch seine frühere Gesundheit erhielt er nicht wieder. Auch sein kraftvolles Aussehen und seine Geistesstärke kamen ihm nicht zurück. Das Alter siegte, und Mendele gab sich fast geschlagen. Die Hände des Greises waren zu schwer, um noch zu ringen, und er welkte dahin. Nicht mit einem Male wars, sondern nach und nach, doch der Alte welkte und blühte nicht wieder auf. Dem äußeren Anschein nach war er Mendele — und doch nicht er. Nur ein fremdes Auge schied nicht zwischen dem, der gewesen war und dem, der jetzt war. Der Unterschied war groß. Nicht geringer als der zwischen einer getrockneten und einer saftigen Feige oder zwischen dem Ethrog der Festtage und dem nach dem Feste. Er war wie eine Nadel ohne Spitze; die Schärfe seines Geistes hatte sich verloren. Die Windsbraut suchte ihn nicht heim; sein Herz kam nicht mehr ins Sieden; still wurde sein Blut und schweigend seine Seele. Von all seinen Köstlichkeiten blieb ihm nur noch sein weißer Silberkranz und die wunderbare Reinheit seines Leibes; diese beiden weckten den Eindruck eines Alters von einzigartiger Lauterkeit. Doch die Pracht der Gestalt war ihm genommen, der Greis schrumpfte ein und wurde kleiner. Als ich an einem Sabbath mit einem Freunde ihn besuchen kam, machte dieser mich darauf aufmerksam: „Hast du dir Mendele angeschaut? Er ist niedriger geworden!“ Er hatte wirklich recht. Mendele war niedriger geworden. Es war, als ob seine Gestalt plötzlich kleiner und seine Höhe geringer geworden wäre. Sein aufgerichteter und schlanker Körper bückte sich auch jetzt noch nicht, doch er sah niedriger aus, als oh er um eine Handbreit kürzer geworden wäre. Auch sein Gespräch war nicht mehr angenehm, ja