Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 379 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Das Jüdische Echo 379 keit aus diesem herrlichen Leben in ein immerhin problematisches Jenseits hinüber zu jonglieren, der wird streng bestraft werden, sagen die Rabbiner. Aber wie macht man es, einen Menschen zu bestrafen, der sich für alle seine Sünden schon bereits selbst das höchste Strafausmaß zudiktiert, das die weltliche Gerichtsbarkeit in ihrer Unzulänglichkeit herauszufinden imstande ist? Das graue Elend kriecht längs der Häuser mit den zerbröckelnden Fronten durch die Straßen der Juden stadt. Ganz gewiß, der Jammer brütet über ganz Polen, aus dem sein hartnäckiger Finanzminister G r a b s k i den letzten Pfennig herauspreßt, um die durchlöcherten Staatskassen damit stopfen zu können. Aber am schlimmsten ist der Handel getroffen. Und der Handel liegt zu neun Zehnteln in den Händen der Juden. Nun schließt aus Not ein Laden nach dem anderen auf der Nalewki und sein christlicher Konkurrent auf der anderen Seite der Straße, wie die Summen, die er hergeben muß, um vieles die seines Konkurrenten übersteigen. Denn „der Jude unterschlägt ja sein Einkommen“. Beschwerden? Die Behörden sind starr vor Gerechtigkeit und es soll einmal jemand kommen und ihnen nachweisen, daß sie den Juden schlechter behandeln, ja, daß sie ihn sogar verfolgen. Gibt es etwa einen numerus clausus auf polnischen Hochschulen? Es soll jemand wagen, Polen zu verleumden! Das Gesetz verbietet sogar ausdrücklich den numerus clausus. Man hat es mit einem ehrenwerten und gerechten Staate zu tun. Und wenn die große Mehrzahl der Juden von den Studienräumen fern gehalten wird — nun, so trägt daran die einfache Tatsache die Schuld, daß kein Platz vorhanden ist und zwar zufällig immer in den Augenblicken, in denen ein Jude sich meldet. Und mf,»*»**♦* '*Äf> Bucht von Haifa der Francziskancka, wo sich die jüdischen Textil- und Lederhändler, Haus für Haus, angesiedelt haben. Der eine Händler läuft zum anderen und bettelt flehentlich um einige Dutzend Zloty, und keiner besitzt sie. Ein tiefes Grausen herrscht in den Wohnungen, in die, festen und unbeirrbaren Schrittes der Abgesandte des Herrn Grabski tritt und für Vermögensabgabe, Einkommensteuer, Grundsteuer und alle möglichen Abgaben in einem Monat mehr verlangt, als der Verdienst in einem Vierteljahr beträgt. „Der Jude unterschlägt sein Einkommen,“ so heißt die amtliche Losung, wenn es sich darum handelt, die Steuerziffern in schönen, phantastischen Zahlen festzustellen. Gewiß mag dies in vielen Fällen richtig sein. Aber hat man vielleicht gehört, daß christliche Händler sich beeilen, die Summe ihrer Verdienste in den Büchern zu überschätzen? Böse, ungreifbare F eindschaft lauert überall gegen den Juden in Polen. Es gibt keine Pogroms mehr unter polnischer Herrschaft und wenn man die Gesetzesparagraphen durchblättert, so findet man manches, mit dem man im Ausland paradieren kann. Wenn sie nur immer zur Wahrheit würden, diese Gesetze von der Gleichberechtigung! Der jüdische Leinenhändler, der seinen Laden an der einen Ecke der Straße hat, muß sehen, wie er rüder und quälender von den Steuerbehörden angepackt wird als wenn ein prüfender Professor einen jüdischen Studierenden ganz besonders scharf hernimmt, dem christlichen Kameraden dagegen leise über die Schwierigkeiten hinweghilft — so ist das eben eine gewisse Stimmungssache und der Teufel soll den Beweis liefern, daß die Juden im Nachteil sind. Ich hatte den Besuch von einem jungen Mann, der seit drei Monaten in Paris die Rechte studiert. Zuvor war er in Warschau. „Wissen Sie,“ sagte er mit strahlendem Entdeckergesicht, „in Paris machen die Professoren nicht den geringsten Unterschied zwischen einem Juden und einem anderen Studierenden. Sie behandeln alle gleichmäßig „wie Menschen“, sagte er, und er ist immer noch starr vor Verwunderung. Nichts hat mir die Tragik der Juden in Polen greller beleuchtet, als dieses erstaunte Wort, daß der Jude ein Mensch sei! Am schönsten Park von Warschau, dem Lazienki, steht eine warnende Inschrift. Sie verbietet das Betreten in „außereuropäischer Tracht“. Der Kaftan und die kleine schwarze Mütze sollen aus dem Freudenreich der Bäume und Blumen verbannt werden. Sicherlich, die in Schwarz einhergehende, gebückte Trauer paßt schlecht in die von Pracht funkelnde Natur des Frühlings. Das dunkle Kostüm der gequälten Seele wird in seine zerfallenden Gassen verbannt und eingeschlossen, und dort erdrückt die innere und äußere Not die Herzen. In