Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Das Jüdische Echo Nr. 20 wistisclie reichenden politischen Ideen.“ Nun mutet diese Bolschewistenangst den Kenner der palästinensischen Verhältnisse sehr merkwürdig an. Es ist, als oh hier der Begriff der k o m m unenLc he n sweise unserer palästinensischen Landarbeiter mit Kommunismus im Moskauer Sinne verwechselt worden ist. Hätte unser Verfasser Gelegenheit gehabt, diese jüdischen Arbeiter und ihre Anschauungen von der Nähe kennen zu lernen, so wäre er jedenfalls mit einem anderen Urteil zurückgekommen. Abgesehen von einem ganz kleinen Häuflein radikaler Sozialisten ist die gesamte jüdische Arbeiterschaft Palästinas völlig dem Bolschewismus fernstehend und mancher europäische Großstaat könnte sich eine Arbeiterschaft wünschen, die, bei konsequent sozialistischen Forderungen, ihr nationa- 1 e s Ideal sich so rein und selbstverständlich bewahrt hat, wie gerade diese jüdischen Arbeiterpioniere. Ihr leidenschaftlicher Kampf für die hebräische Sprache, ihr warmes Interesse für die nationale Kultur ihres Volkes, ihr zum Teil geradezu proklamierter Antiklassenkampf Standpunkt verdienen es in der Tat nicht, mit schematischer Handbewegung abgetan zu werden. Aber es entspricht wiederum ganz dem Geist der Zeitung, in der der Bericht erscheint, wenn das politische Schlagwort vom „jüdischen Bolschewismus“, mit dem die rechten Par teien Deutschlands heute so glänzende Parteigeschäfte machen, irgendwie gewaltsam mit hereingezerrt wird. Daß Salzmann mit manchem, was er in Palästina gesehen hat, nicht sehr einverstanden ist, ist an sich begreiflich. Auch der begeistertste Zionist wird in kolonisatorischen Einzelheiten da und dort etwas auszusetzen, ja zu tadeln haben. Ob Salzmann z. B. mit seinem Einwand gegen Anwendung von Entwässerung durch Eukalyptuspflanzung auf nach seiner Meinung zum Ackerbau geeignetem Boden Recht hat, können wir nicht entscheiden, umso mehr als er nicht angibt, welche Böden er dabei im Auge hat. Wenn er aber dann ironisch hinzufügt: „Sehr viel schwieriger erweist es sich schon, alle zum Milchbetrieb notwendigen Gefäße dauernd so sauber zu halten, daß der Abnehmer nicht merkwürdige Dinge in seiner Milch findet“ und aus dieser unbedeutenden Beobachtung den Schluß zieht, daß es eben ein bedenkliches Experiment sei, „den stadtgewohnten, handelsinteressierten Juden in die im allgemeinen enttäuschende Landwirtschaft hineinzuzwingen“, so heißt das, mit kleinlicher Schikane eine große humanitäre Menschheitsfrage abtun. Aber da diese Menschheitsfragc Erhatic & Wille Herren- und Damenschneiderei MÜNCHEN Marienplatz 18/1 Telephon 23829 Jude n betrifft, so braucht man eben, besonders in den „Neuesten“, nicht viel Federlesens machen, sondern trifft den Geschmack am besten, wenn man in Bausch und Bogen verdammt. Diese Unlust, zu einer positiveren Stellungnahme zu gelangen, zeigt sich in dem Artikel allenthalben, und wir können mit voller Objektivität fragen: Wenn jemand mit so schweren Vorurteilen an unser Palästinawerk herangeht, wie dies Herr Salzmann tut, ist es da ein Wunder, daß in seinen Augen alles schlecht und gefahrvoll ist? Wie ungerecht das Urteil dieses deutsch-nationalen Touristen ist, zeigt sich am deutlichsten an der Wärme, dem Optimismus und der freudigen Bejahung, mit der er die Kolonien der Württemberger Templer in Palästina im gleichen Aufsatz betrachtet. Es ist eine tieftraurige Erscheinung des deutschen Geisteslebens der Gegenwart, daß nichts, rein nichts losgelöst vom parteipolitischen Standpunkt des betreffenden Beurteilers betrachtet wird. Lob jüdischer Leistung ist in einem Organ mit der politischen Einstellung der „Neuesten“ geradezu ausgeschlossen. Gäbe es etwas zu loben, würde es bestimmt nicht veröffentlicht. Handelt es sich hingegen um Ungünstiges — wie etwa die Barmal- Affäre —, so wird es mit der ganzen Breite feindseliger Schadenfreude aufgerollt. So ist es kein Wunder, daß in Deutschland heute in den breitesten Kreisen die Meinung vorherrscht, daß alles Jüdische und mit Juden Zusammenhängende, eben weil es jüdisch ist, von vornherein schlecht und der Verachtung würdig ist. Leider scheint uns auch der Verfasser dieser weitverbreiteten Meinung ganz bedenklich verfallen zu sein. M. M. „Jüdische Frechheit“ Die „Wiener Morgenzeitung“ (Nr. 2232 vom 8. 5. 25) gibt einen ausführlichen Bericht über eine Gerichtsverhandlung vor dem Wiener Schwurgericht gegen Oberbaurat Robert Stricker und den verantwortlichen Redakteur der „Wiener Morgenzeitung“, Jacob K r a u s z wegen der Kritik eines Gerichtsurteils. Der Anklage lag folgender Tatbestand zugrunde: Vor einiger Zeit wurde eine Wiener Fabrikantensgattin von einem jüdischen Zahnarzt auf der Straße in aufdringlicher Weise belästigt. Die Dame schleuderte ihm das Wort „jüdische Frechheit“ ins Gesicht, worauf der Zahnarzt Gerichtsklage erhol). Vor Gericht wurde die Frau des Fabrikbesitzers freigesprochen und in der Urteilsbegründung erklärt: Das Beiwort „jüdisch“ enthalte für sich* allein überhaupt keine Beleidigung. Selbst wenn man das Wort „jüdische Frechheit“ als Einheit auffassen würde, könnte die Dame nicht etwa von einer spezifischen jüdischen Frechheit sprechen, sondern nur in ihrer begreiflichen Erregung durch irgend ein beliebiges Beiwort den Ausdruck Frechheit unterstreichen, ohne daran zu denken, daß durch das Beiwort die Judenschaft beleidigt werden könnte. Dieses Urteil wurde in der „Wiener Morgenzeilung“ als der „unverschämteste antisemitische Bubenstreich, der seit langem in einem Gerichtssaal begangen worden sei“, genannt, ferner „ein brutales Attentat gegen die Ehre und Sicherheit der österreichischen Judenschaft“. Dr. S tricker erklärte vor Gericht, daß er sich nicht schuldig bekenne und führte ungefähr folgendes aus: „Bezirksrichter Neudeck stellt sich auf den Standpunkt, daß „jüdische Frechheit“ ein einheitlicher Begriff ist. Er erklärt, daß die Fi’au in ihrer