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Das jüdische Echo · 1925-05-08 · 19 (8.5.1925) · p. Seite 362 [360]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
19 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
Seite 362 [360] (sequence 23)
Language
German
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362 Das Jüdische Echo Nr. 19 einziger Sohn“ wohl sein zu lassen und jeglichem. Mann und Frau, für den Glückwunsch zu danken. Als ihm einer der Geladenen beim Becher den herkömmlichen Wunsch sagte: „Lechajim, Großvater, Gott möge dich bis zu hundertundzwanzig Jahren leben lassen . . .“ da unterbrach der Greis den Wünschenden mit einer schnellen Handbewegung und mit einem leichten und anmutigen Aufbegehren, in dem auch viel Ernst lag: „Das ist alles? Oho! So viel Jahre ist der liebe Gott verpflichtet mir zu geben, rechtlich verpflichtet. Ich habe einen Schuldschein gegen ihn. Ich werde auf keinen einzigen Augenblick verzichten. Über das Übrige werde ich noch mit ihm verhandeln. Er wird mich anhören. Dessen bin ich sicher!“ Wir sahen klar, daß dies in seinem Munde kein leeres Gerede war. Er war wirklich seiner Sache sicher und wir mit ihm. Kann ein Mensch wie er altern? Im Winter freilich sahen wir ihn ein wenig verfallen und seinen Geist erschlaffen. Doch im Sommer, da er Erdgeruch spürte, lebte er wieder auf und wurde kräftig und frisch wie zuvor. Ganze Stunden lang erging er sich in den Feldern der Vorstadt am Meeresstrande dort, wo seine Sommerfrische war, gerade' aufgerichtet, mit gesenktem Haupte, ehrfurchtgebietend wie einer der Fürsten Judas, in der Hand seinen dicken. Stock, seinen ständigen Begleiter. Wenn du dem Greis fremd bist, so gehe ihm in dieser Stunde entgegen und laß dir von seinen Herrlichkeiten nichts entgehen. Wenn du ihm aber nahestehst und sein vertrauter Freund bist, so schließe dich ihm an und gehe zu seiner Rechten, wie er es gern hat, — sein linkes Ohr ist ein wenig schwerhörig — und folge ihm. Diese Stunde ist für ihn eine Stunde der Gnade und des Erbarmens, eine Stunde, in der die Fülle des Geistes sich auf ihn niederläßt. Sein Herz ist das Herz eines Kindes, weich und schuldlos, voll Liebe und Sanftmut. Es ist jetzt nach allen Seiten geöffnet wie das Haus unseres Vaters Abraham — und ganz Gnade. Der Mund des Greises spricht von selbst, sein Gespräch fließt sanft, naiv und still dahin und ist ganz. Aufrichtigkeit des Geistes und Leuchten der Seele. Worüber spricht der Greis in solchen Stunden? Über den Baum, die Ähre und die Wolfsmilch, über den Finken und die Mücke, über den Kieselstein und das Sandkorn, über seine Kindheit und die wunderbaren Verkettungen seines Geschicks, über wunderliche Geschöpfe und böse Geister unter den Menschen, über Dorf und Stadt, über Litauen und Wolhynien, über die Menschen der Vorzeit und die der Gegenwart — auf all diesem ruht sein Geist seit je, das alles ist Quelle des Lebens für sein Gespräch. Seine Worte sind wahrhafte Worte, aufrichtig und einfach, alle erfüllt vom Safte des Lebens, von Greiseneinsicht und Menschenweisheit. Plötzlich ist auch „scharfer Pfeffer“ da, ein wunderbares Gleichnis oder eine plastische Grimasse.' Das Gespräch bekommt vor deinen Augen Realität. Man kann es mit Händen greifen! Du, der du ihm zur Seite gehst, nimm dich in acht, daß nicht e i n Wort zu Boden falle. Mache dein Ohr einem Trichter gleich und lausche. In diesen Tagen der gehobenen Stimmung entschloß sich der Greis auch, seine Jugendsünden gulzumachen. Er legte wieder Hand an viele seiner ersten Gebilde, um sie gründlich auszubessern. So bearbeitete er „Väter und Söhne“ *) von An- *) Diese Erzählung ist in ihrer erneuerten Form im dritten Bande seiner „Sämtlichen Werke“, Ausgabe des Jubiläumskomitees, abgedruckt, fang bis zu Ende und ebenso wollte er es auch mit seinen übrigen Schriften machen, die in Zeitschriften und Büchern verstreut waren und bis heute noch nicht in einen Band der Ausgabe seiner Schriften aufgenommen sind. Er war nahe daran, auch sein großes Buch „Naturgeschichte“ umzuändern und wie neu zu gestalten. Von diesem Plane war er sehr, sehr eingenommen; er ist auch schon an die Ausführung herangetreten und hat die Einleitung des Buches auf der Grundlage der Mischnasprache in neuer Form und neuem Stil geschrieben, einem Stil, wunderbar in seiner Konzentration und seiner Klarheit, der ohne Zweifel ein Wunder bleiben und all denen als Muster dienen wird, die nach ihm kommen werden, über Wissenschaft und Weisheit für das Volk hebräisch zu schreiben. Daneben verachtete er auch Kleineres nicht und zog zwei andere zur Übersetzung der „Sippure hamikra“ in die jüdische Sprache heran*). So vergingen ihm die ersten Jahre nach seinem Jubiläum. Der Greis kämpfte mit dem Engel des Alters, und wir sahen mit eigenen Augen, daß er gegen ihn aufkam . . . C h a i m Nachman B i a 1 i k. (Fortsetzung folgt.) *) Vun’m Chumesch, durch *‘l//iO (Abkürzung für Bialik, Abramowitsch, Rawnitzky) Verlag Moriah, Odessa, 5673. IfUSMI-TEE Feinste echt russische Teemarke Gon.-Vertret.: Dr. ETTINGER, MÜNCHEN Aanesstpass« 47. T«*l**fon 31 7 92 ffixxnrven^/chrveidetsei 3ßsE£QrL-JchnjeicLeeoi

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