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Das jüdische Echo · 1925-05-08 · 19 (8.5.1925) · p. Seite 361 [359]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
19 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
Seite 361 [359] (sequence 22)
Language
German
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 361 1111 1 11 1IIII . 1 111 | Feuilleton 11| iliiiiiii i um i llll i ii Jil Und Mendele ist alt geworden ... Neue Züge und Linien. Mit Genehmigung des „J ii d i s c li e n V e r- 1 a g e s“ bringen wir aus der demnächst im Verlag erscheinenden Sammlung „E s s p y s“ nachstehenden Aufsatz zum Vorabdruck. Deutschen Lesern wird durch dieses neue Buch zum erstenmal Gelegenheit geboten, den größten hebräischen Dichter Ch. N. B i a 1 i k als geistvollen Essayisten kennen zu lernen. Die in den „Essays“ vereinigten Aufsätze sind von Viktor Kellner zum erstenmal ins Deutsche übertragen. Beim großen Jubiläumsbankett zur Feier seines fünfundsiebzigsten Geburtstages sagte der Greis in einem seiner Gespräche etwa folgendes: „Das Jubelfest ist das Fest des Abschlusses; ihr wißt doch, daß man zu Simchath Thora, am Tage des Abschlusses der Thora auf das Vollenden das Beginnen folgen läßt: Man schließt mit ,Vor den Augen ganz Israels' und beginnt sofort mit ,Im Anfang schuf. Das Ende ist im Anfang verankert und sofort auf den ,Chatan Thora' folgt der ,Chathan Bereschith' *).“ Und er fügte hinzu: „Ihr setztet mir ein Jubeljahr fest und erkläret, daß ihr mir Freiheit kündet **) — ihr irrtet euch! Ich werde nicht frei gehen; unter den Toten ist man frei, sagt die Schrift, und ich will noch leben. Wünschet mir langes Leben. Noch viel habe ich zu arbeiten. Heute rieft ihr mich als ,Chathan Thora' auf und morgen werde ich als ,Ghathan Bereschith' aufgerufen. Ich muß von Bereschith, vom Anfang beginnen.“ Und so geschah es: kaum ist der Lärm der Feier vorüber, ist der Alte wieder an seinen Arbeitstisch gefesselt. Sein Haupt, bekränzt mit blauschimmerndem Silberhaar, ist wiederum über den Quartbogen gebeugt. Die kleinen scharfen Augen kneifen sich nach ihrer Gewohnheit unter der Brille in Nachdenken und innerem Schauen zusammen, bis sie wie die beiden Fühlhörner einer Heuschrecke aussehen, und die Hände reihen nach ihrer Art feine, reine Buchstaben aneinander, schwarze Perlen. Viele Pläne leben im Herzen des Alten. Er hat vor, eine ganze Reihe von kleinen Schilderungen aus dem Familienleben der Juden zu schreiben. Zuerst Schilderungen der Feier- und Festtage und dann sonstige Kleinigkeiten. Gegenwärtig ist als erstes eine entzückende kleine Skizze zum Sabbath erschienen und an ihrem Anfang steht der Buchstabe Alef, das heißt erste Skizze; nach ihr kommt, so Gott will, auch die zweite über Pessach, die dritte über Schabuoth und so über alle jüdischen Feier- und Festtage. Die übrigen Schilderungen sind zwar noch nicht geschrieben, aber statt dessen hat er seinem großen Buche, dessen Vollendung wir bis heute nicht *) Zu „Simchath Thora“ wird die Vorlesung aus der Thora abgeschlossen und unmittelbar darauf vom Anfang wieder begonnen; der zum letzten Abschnitt Aufgerufene heißt „Chatlian Thora“, der gleich nachher zum ersten Abschnitt Aufgerufene „Chathan Bereschith“. (Anm. d. Übers.) **) Das Wort bedeutet im Hebräischen sowohl Jubiläum als auch Jubeljahr. In diesem Jahre erlangten die Sklaven die Freiheit. (Anm. d. Übers.) erlebt haben, seinem Buche „In jenen Tagen“ *) einige wunderbare Abschnitte beigefügt. Inzwischen hat er aus seiner Hand auch noch zwei neue literarische Perlen hervorgehen lassen unter dem Sammelnamen „Aus dem Buche der Erinnerungen“, zwei Kinder seines Alters, die durch ihre frische Farbe, ihre künstlerische Konzentration, ihre innere Kraft und vor allem durch die neue Melodie, die in ihnen lebt, viele der Schöpfungen übertreffen, die er vor seinem Jubiläum geschaffen hat. Eine Art Schöpferfreude, fast Jugendkraft, quillt aus jeder einzelnen Zeile. Es ist, als ob der alte Adler plötzlich wieder jung geworden wäre und ein neuer Geist, ein Geist der Kraft und Jugendstärke über ihn gekommen wäre; dieser Geist hat mit seiner Heiterkeit und seinem Jubel auch diese Gebilde seiner Hände bedacht. Wir lasen, wir sahen das Wunder und erstaunten. Ein solcher Mann, sprachen wir, kennt kein Alter und kein Erlahmen der Kraft bis zum letzten Tage. Ein solcher Mann blüht noch als Greis viele Jahre. Wahrlich, das Alter ist fast noch nicht Herr geworden über ihn. Der ihm eigene Reiz hat sich noch nicht verloren und die Schönheit seines Anblicks sich noch nicht gewandelt. Da ist seine Gestalt, gleich einer Palme aus getriebenem Metall, sein Haupt hoch erhoben wie immer; sein Geist freudig, sein Blick klar und sein Mund wie seine Feder immer Perlen streuend. Die wenigen ihm nahen Freunde, die an Sabbathen und Festtagen sein Haus besuchen, haben es auch jetzt noch nicht satt bekommen, den scharfsinnigen Gesprächen Mendeles zu lauschen, die mit Worten der Lehre und Weisheit gewürzt sind. Ein Gespräch mit Mendele am Sabbath ist ein reiner Genuß. Es gibt in den Vorgängen der Welt und in den Interessen der jüdischen Gemeinschaft sowie in den literarischen Angelegenheiten unserer beiden Sprachen nichts, was seinem scharfen Auge entgangen wäre, nichts, worüber er nicht anerkennend oder verwerfend sein Urteil geäußert hätte. Sein Kopf und sein Herz sind auch jetzt noch der Sitz von Gedanken, Träumen, Phantasien und von sehr weiten Arbeitsplänen für die Zukunft, als ob die achtzig Jahre nicht hinter ihm, sondern vor ihm lägen. Und wenn er zu Zeiten vor jene, die ihm nahe sind, die vielen Entwürfe für die Zukunft hmstehl, da spricht manchmal still verwundert einer zum andern: Träumt denn wirklich und wahrhaftig der alte Mann das, was er träumt, oder will er den Engel des Alters überlisten? An den verschiedenen kleinen Jubiläen, die wir in seinem Hause an seinem Geburtstage Jahr für Jahr nach seinem großen Jubiläum feierten, sahen wir ihn wieder in der einzigartigen Gehohenheit seines Geistes und in der besonderen Freude, wie sie ihn in solchen Stunden überkamen und mit neuem Licht übergossen. Schön in Haltung und Kleidung, ganz Festesstimmung, voll Eifer und Jubel, ganz Liebe und Anmut, pflegte er im Kreise seiner vielen Enkel und Verehrer zu stehen und herumzugehen, die sich in Liebe an ihn schmiegten, er erschien wie der Löwe in der Gesellschaft und zugleich wie der Jüngste in ihr. Seine Bewegungen waren leicht, sein Gespräch siebenfach geschärft und sein Geist wie ein reißender Bach. Flink war er dabei zu hören und zu antworten, zu scherzen und zu plaudern, jedem neuen Gast ein heiteres Gesicht zu machen, dem schönen Geschlecht Schmeicheleien und Galanterien ins Ohr zu sagen, sichs hei ihm wie „ein *) Identisch mit dem Buche „Das Leben Schlomos“. (Anm. d. Übers.)

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