Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- Seite 312 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Das Jüdische Echo Nr. 17 Sie stand unter dem Bild eines recht jüdisch aussehenden Mannes und lautete: „Das ist das Unglück der Könige, dal.t sie die Wahrheit nicht hören wollen.“ (Johann Jacobi, ein Königsberger Jude, war im Revolutionsjahr 1848 der Führer einer Abordnung oslpreußischer Demokraten beim König Friedrich Wilhelm IV. und sprach hei dieser Gelegenheit die oben zitierten Worte zum König.) T o n u n d Verkehr im e 1 t e r 1 i e h e n H a u s e Der Ton, der in unserem Hause herrschte, war, ohne geziert zu sein, doch durchaus der gebildeter Leute. Ich entsinne mich nicht, jemals aus dem Munde meines Vaters ein rohes Wort gehört zu haben. und auf Seiten meiner Mutter konnte von dergleichen überhaupt keine Rede sein. Beide Eltern sprachen ein reines Deutsch, in das sich hei meinem Vater nur gelegentlich, hei meiner Mutter nur ganz selten ein jüdischer Ausdruck mischte — dann zumeist nur zu jenen gehörig, wie sie in Berlin auch bei Nichtjuden sich eingenistet haben. Dieser Reinhaltung der Sprache lag aber nichts von einem Bestreben zugrunde die jüdische Abstammung zu verleugnen. Sie war einfach die Wirkung eines ästhetischen Sprachgefühls. Aus ihrer Abstammung machten meine Eltern nie ein Hehl, auch schätzten sie bei aller Achtung vor der Bergpredigt die jüdische Ethik der Reformgemeinde höher ein als die christliche. Aber das Judentum als etwas vom Deutschtum national Unterschiedenes zu begreifen, lag ihnen meilenfern. Mein Vater empfand durchaus deutschpatriotisch. So sang er uns Kindern gern die patriotischen Lieder aus den Befreiungskriegen vor, darunter solche, die heute ziemlich verschollen sind ... Er teilte über diese Kriege Preußens durchaus die landläufige Meinung, fühlte sich politisch ganz und gar als Preuße und Deutscher. Und in dem gleichen Empfinden wuchsen wir Kinder auf. Daß wir Juden waren, erfuhr mein ältester Bruder erst, als ihm ein Junge auf der Straße ,,Jude“ zugerufen hatte. Da habe ich gerufen: „selber Jude“. Er erzählte es meiner Mutter und war sehr unglücklich, als diese ihm auseinandersetzte, daß wir wirklich Juden seien. Wir Spätergekommenen wuchsen naturgemäß schon mit dieser Kenntnis auf und nahmen die Sache daher philosophischer. Von der urwüchsigen Judengegnerschaf l im Volke erfuhren wir nur durch Spottrufe, die uns halbwüchsige Burschen zuriefen. Von erwachsenen Bewohnern aus unserem Hause haben wir nie ein böses Wort gegen die Juden als Juden gehört. Der Beruf meines Vaters und der Umstand, daß wir den Sonntag feierten und uns über die jüdischen Speisegesetze hinwegsetzten, brachte uns ihnen seelisch nahe. Ebenso aber auch umgekehrt. Von einer Eingenommenheit gegen die Christen als Christen war da nicht die Rede. Wo wir auf Judenhaß stießen, betrachteten wir ihn als etwas Individuelles und schoben ihn auf Unbildung. Ich erzählte schon von der innigen Freundschaft meiner Schwester Klara mit der Tochter eines Gepäckträgers. Niemals hat der Umstand, daß diese eine Christin war, eine Störung in dem Verhältnis und in dem Verkehr mit den beiderseitigen Familien verursacht. Ebenso mit meinen Freunden, wobei ich zu bemerken habe, daß ich zufälligerweise mein ganzes Lehen lang immer nur Söhne aus christlichen Familien zu intimen Freunden gehabt habe. Von einer bestimmten Absicht, etwa einer Auswahl unter diesem Gesichtspunkt, konnte meinerseits da nicht die Rede sein, mir waren als Knaben jüdische Knaben grundsätzlich ebenso lieh gewesen wie meine christlichen Freunde und einem gleichaltrigen Vetter von mir war ich in der Tal von Herzen zugetan. Aber wir wohnten zu weit voneinander entfernt, als daß sich ein richtiges Freundschaftsverhältnis zwischen uns entwickeln konnte, und in der Stadtgegend, wo wir wohnten, waren die Juden so dünn gesät, daß schon ein besonderes Vorurteil dazu gehört hätte, mich zu veranlassen, aus diesen Kreisen mir einen Freund zu suchen. Ein solches war aber, wie bei meinen Geschwistern, so auch bei mir nicht vorhanden. Wir hatten alle nur christlichen Umgang. Der Jude kommt!“ Die freundlichen Empfindungen, die die benachbarte Frau Gerngroß mir gegenüber an den Tag legte, hinderte sie nicht, ihrem Sohne und meinem Kameraden Alex, wenn er ungehorsam war, die Drohung entgegenzuhalten: „Der Jude kommt!“ Das ging nun freilich nicht auf mich, sondern auf einen jüdischen Hausierer, der zuweilen in unser Haus kam und, mit schwarzem Bart und dem Sack über dem Rücken, allerdings den Eindruck des typischen Schacherjuden machte, aber es berührte mich unangenehm. Die Drohung hatte indes weder mit Konfessionsnoch mit Rassenfeindschaft etwas zu tun. Der Hausierer war einer der nicht ungern gesehenen Besucher. Er wurde, wenn er kam, aufgefordert, im Zimmer Platz zu nehmen, dort wurde ihm ein Gläschen Schnaps vorgesetzt und dann mit ihm über den Preis zu veräußernder Altsachen verhandelt. Schließlich wurden die Jungen ins Zimmer gerufen und ward in ihrer Gegenwart, während sie mit seitwärts abgewandtem Gesicht bewegungslos dastanden, ihm Bericht gegeben, wie sie sich seit seinem letzten Besuch aufgeführt hatten. Natürlich fiel dieser immer so aus, daß er Gnade für Recht ergehen lassen und sie mit einer sanften Ermahnung verabschieden konnte. Mit abgewandtem Gesicht gaben sie ihm die Hand und liefen dann spornstreichs hinaus. Der Vorgang hat sich in der Zeit meiner Freundschaft mit Alex ein paarmal wiederholt, und wenn ich mir auch sagen durfte, daß ihm keine Gehässigkeit gegen Juden zugrunde lag, konnte ich doch das Gefühl nie los werden, daß bei ihm etwas nicht in Ordnung war. Nur konnte ich dieses Etwas nicht genau bestimmen. Erst sehr viel später kam ich auf den Gedanken, daß, indem man Kindern von frühester Jugend an mit dem Juden als eine Art Bösem droht, man damit eine Gefühlsassociation erzeugt, die sich noch lange an das Wort Jude knüpft und, ohne daß es dem Betreffenden bewußt wird, jedesmal, wenn er es hört, sein Urteil ungünstig präjudiziert. Aus dem gleichen Gefühl heraus habe ich ein peinliches Empfinden nicht los werden können, wenn Frau Gerngroß und andere Hausgenossen, in der Absicht, mir etwas Angenehmes zu sagen, mir erklärten, ach, Ihr Bernsteins, Ihr seid ja gar keine richtigen Juden. Ich nahm das Wort, für was es gemeint war, es hat mich aber stets mehr gedrückt als erhoben. Indem ich das niederschreibe, fällt mir eine Episode ein, die meiner Mutter mit dem erwähnten Hausierer passiert ist. Er kam natürlich auch öfter zu uns, war aber ihr meist kein angenehmer Gast, da sie, die jedes Stück Kleidung bis zum Äußersten nutzbar im Hause zu verwenden suchte, gewöhnlich nur wenig Lohnendes zu verkaufen hatte. Einmal hatte sie indes doch in der Geldnot ein Kleidungsstück verkauft, hinterher aber gemerkt, daß sie sich in diesem vergriffen halte, und war nun, nachdem sie bei Nachbarn seine Adresse ermittelt hatte, in seine Wohnung geeilt, um das verkaufte Stück,