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Das jüdische Echo · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · p. Seite 311

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
Seite 311 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 17 Das Jüdische Echo 311 111111! lii i ill üll 1 | Feuilleton 1 i üllllllill 111 1 llllllllllll »1111 1» Meine Kindheit Vor einigen Woehen beging Eduard Bernslein seinen 75. Geburtstag. Das war eine Angelegenheit, die nicht allein für die Sozialdemokratie Bedeutung hatte. Denn Eduard Bernstein gehört zu den Erscheinungen, die über die Partei und Klasse in das allgemein Menschliche hinausragen. Nicht zuletzt aber hatte das Judentum Anlaß, sich bei dieser Gelegenheit eines seiner großen Söhne zu erinnern. Eduard Bernstein, der in assimilierter Sphäre Aufgewachsene und Gereifte, stand während seiner bisherigen Lebens- und Kämpferjahre dem jüdischen Volk im allgemeinen fern. Erst vor etwa einem Jahre trat er, ein Vierundsiebzigjähriger, zum ersten Male in einer jüdischen Versammlung hervor, die die Parole hatte: „Für das arbeitende Palästina“. Mit jugendlichem Feuer rief er zum Aufbau Palästinas durch jüdische arbeitende Kräfte auf u. sagte, dieser Aufbau sei ein Symbol für den Fortschritt der Menschheit und müsse vor einem Mißlingen bewahrt werden. Seither sprach er in mehreren jüdischen Versammlungen und zuletzt auch in Berlin auf der Dritten Jahreskonferenz der ostjüdischen Sludenlenvereine in Deutschland und in einer Versammlung für das arbeitende Erez Israel in Gesellschaft des Reichstagspräsidenten Löhe, der Frau Toni Senders u. a. Aus allen diesen Reden klang ein Bekenntnis zum jüdischen Volke hervor und ein Glaube an die Fähigkeit dieses Volkes, der Menschheit neue Wege zu weisen. Vor kurzem besuchte ein jüdischer Journalist Eduard Bernstein in seiner Berliner Behausung. Bernstein sprach von seiner Kindheit. Das von schneeweißem Haar und Bart umrahmte Gesicht des Greises entflammte sich bei der Erinnerung. Plastisch und greifbar entstanden die Gestalten. Es ergab sich, daß er schon als kleiner, fern jedem jüdischen Milieu lebender Junge um sein Judesein gerungen hatte. Wir geben nun Eduard Bernstein selbst das Wort:*) „L i e b e r G o t t, w e n n D u b i s I , h i 1 f d o c h meiner Cousine!“ Meine Eltern, beide jüdischer Abstammung, gehörten der jüdischen Reformgemeinde an, einer Gemeinschaft, die in Deutschland für das Judentum etwa dasselbe ist, was in der evangelischen Christenheit der Protestantenverein, hei den Katholiken der Reformkatholizismus ist. Ihre Angehörigen feiern den Sonntag als wöchentlichen Ruhetag und binden sich nicht an die jüdischen Speisegesetze. Der Kultus entspricht den Tendenzen des aufgeklärten liberalen Bürgertums der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, die Religion war den Gottgläubigen zu sehr Verstandessache geworden, ließ aber den kritischen Verstand unbefriedigt. Das letztere ist auch bei mir eingetreten, als ich jenes Alter erreicht hatte, wo heran wachsende Knaben anfangen, sich skeptischen Betrachtungen hinzugeben. Gefühl und Skepsis lagen lange bei mir im Streit. Aus dieser Zeit ist mir ein Gebet erinnerlich, das ich, schon nahezu *) Eduard Bernstein ist jetzt mit der Abfassung seiner Erinnerungen beschäftigt, die unter dem TUM „Der kleine schwächliche Junge“ in einiger Zeit im Verlag Erich Reiß-Berlin erscheinen werden. Die mitgeteilten Abschnitte bilden einen Teil des in der Abfassung begriffenen Memoirenwerkes. Iß Jahre alt, einmal in inniger Erregung vor mich hinsprach, als ich vom Krankenbett einer mit dem Tode ringenden Verwandten auf dem Omnibus nach Hause fuhr: „Lieber Gott, w e n n I) u bist, hilf doch meiner Cousine!“ Die Sterbende war eine Tochter Aron Bernsteins, des älteren Bruders meines Vaters, an dem dieser mit schwärmerischer Liebe und Verehrung hing und zu dem auch wir Kinder ehrfurchtsvoll aufblickten. Als Begründer und langjähriger Leifartikelschreiber der seinerzeit viel gelesenen„Berliner Volkszeitung“ und Verfasser der von Alexander von Humboldt und anderen bedeutenden Forschern sehr hoch eingeschätzten und in viele Sprachen übersetzten Naturwissenschaftlichen Volksbücher auch weiteren Kreisen bekannt geworden, hat Aron Bernstein nahezu vier Jahrzehnte im vollen Sinne des Wortes das Leben eines Gelehrten geführt. Er war Mitbegründer der jüdischen Reformgemeinde gewesen, hat einige ihrer poetischsten Gesänge gedichtet und ihr in der ersten Zeit mehrere Jahre als Prediger gedient. Von bibelkritischen Arbeiten, die er veröffentlicht hatte, ist besonders zu nennen eine Abhandlung über den Ursprung der Sagen Abrahams, Isaaks und Jakobs, den er auf die Entstehung^ und die Konkurrenz von religiösen Zentren bezw. Kultusstätten zurückführt. Obwohl ich als Jude am Religionsunterricht der Schule, die ich besuchte, nicht leilzunehmcn brauchte, hatte ich ihm doch oft als Zuhörer beigewohnt, und ich muß schon sagen, daß mich das Neue Testament und seine Persönlichkeiten viel stärker interessiert haben als die des Alten Testaments, die mich viel fremdartiger anmuteten. Auch lief ich, da die Synagoge der Reformgemeinde von unserer Wohnung sehr weit entfernt war, um überhaupt an einem Gottesdienst teilnehmen zu können, zeitweilig des Sonntags in die unweit unserer Wohnung gelegene Lukaskirche der evangelischen Gemeinde. Von meinen Eltern wurde gegen diese Besuche kein Einspruch erhoben. Beide waren von jeder konfessionellen Engherzigkeit frei, meine Mutter aus einem tiefreligiösen Empfinden heraus, mein Vater aus Indifferenz gegen jeden Konfessionalismus. Mit dieser Indifferenz tötete er unter anderem einen heroischen Entschluß, den ich nach dem oben geführten Gespräch mit dem Lehrer gefaßt halte. Da ich nun einmal Jude sei, hatte ich mir überlegt, wolle ich es wenigstens ordentlich sein und als erstes dem Genuß des Schweinefleisches entsagen. Gedacht, getan. „Ich esse von jetzt ah kein Schweinefleisch mehr“, erklärte ich hei Tisch.“ Wir sind Juden, den Juden ist das Schweinefleisch verboten und darum werde ich kein Schweinefleisch mehr essen.“ Und was antwortete darauf mein Vater? Mit Seelenruhe gab er zuück: „Schön, iß Du kein Schweinefleisch.“ Eine Toleranz, die dem Opfer, das ich unserer Religion zu bringen vorhatte, sehr bald tödlich geworden ist. Mit umso größerer Sehnsucht ergriff ich dann die Gedanken des Liberalismus. Eines Tages staubte meine Mutter eingerahmte Lithographien ab, die bis dahin in einem Bodenraum gelegen hatten. Es waren die Bilder von Kämpfern der Demokratie aus den Jahren 1848—50, jedes davon mit einem Ausspruch der betreffenden Persönlichkeit als Inschrift. Ich studierte sie alle, empfing aber nur von einer einen tieferen Eindruck.

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