Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Das Jüdische Echo Nr. 17 der Ehrgeiz, der Well zu zeigen, was sie leisten können: lauter produktive Einfuhr, beherrschen diese Pioniere. Denn das sind sie mehr als in Kalifornien und Afrika. Wie arm ist dieser Boden! Welche Steinwüsten sieht man vor Jerusalem in zähen Händen sich verwandeln. Welche Steppe ist ein großer Teil dieses Landes, wie' dürr und grau scheint jenes Emektal, in dem sich Dörfer zu sammeln beginnen, ln solches Land zu ziehen bedeutet große Entsagung, und wenn die fruchtreiche Meeresküste freundlicher leuchtet, so kann sie doch nicht alle aufnehmen oder gar ernähren. Denn das ist das erstaunliche: Dieses Händlervolk, von dem man glaubte, jeder würde nur mit Erzeugnissen der „anderen“ Handel treiben; dieses Gehirnvolk, in dem jeder Deputierter doch möglichsl Präsident werden wollte, wie die Gegner prophezeiten: ja, es ist wahr, es wird ein Bauernvolk, wie damals, als Moses diesen Hirten und Pflügern das Gesetz vorschrieb. Dies alles aber wird möglich nur, indem es sich als ein Volk auf seiner eigenen Stätte empfindet; ohne das Pathos dieses Gefühls würde keiner zum Spaten greifen und lieber mit andrer Leute alten Kleidern handeln als andrer Leute Acker bestellen. Denn da hier nur ein Teil als russischer Bauer herüberkommt, so ist erwiesen, wie die Mehrzahl sich aus Intellektuellen in Bauern, aus schreibenden, handelnden, disputierenden in schwer mit Axt und Schaufel arbeitende Männer und Frauen verwandelt. Zum Zeichen, daß sie eines Volkes sind, fordern sie die gleiche Sprache; nicht der Glaube, das Erste ist das Hebräische in diesem Lande. Das ist das Band des alten neuen Volkes. Emil Lud w i g. Äufgaben des „Hechaluz“ in Deutschland Mil den Fragen des Augenblicks, vor die sich die Aufbauarbeit jeden Tag stellt, ist die zionistische Welt so beschäftigt, daß für Probleme mit einer weiteren Perspektive keine Zeit übrig bleibt. So kommt es, daß man sich immer und immer wieder ratlos Situationen gegenüber sieht, die bei einiger Voraussicht lange vorher hätten erkannt sein und zu deren Lösung man geignete Vorbereitungen hätte treffen müssen. Keine Sache bedarf so sehr der weiten Voraussicht, wie die Frage der Leitung und Vorbereitung der nach Palästina wandernden Menschen und ihrer Einsetzung im Lande. Will man dort nur ein Asyl für die entrechteten Verfolgten und im gegenwärtigen Augenblick maßlos gefährdeten Juden, so wird die Schaffung eines solchen lediglich die Angelegenheit eines guten technischen Apparates sein, der die Immigration zu regeln hat. Will man jedoch, wie die Zionisten, eine n a l i o n a 1 e Heimstätte in Erez Israel schaffen, so muß in jeder Hinsicht nach einem einheitlichen Plan gehandelt werden. Die beiden Hauptgesichtspunkte dieses Planes aber sollen sein: Aufrichtung einer nationalen Wirtschaft und nationale Erziehung der Menschen, die das Land hauen werden und den Kerntrupp der Bevölkerung unserer Heimstätte darstellen sollen. Hier liegen auch die besonderen Aufgaben des Zionismus, der zionistischen Organisation innerhalb der Jewish Agency. Die Zionisten haben sich ein klares Bild zu machen von dem Aussehen und der inneren Struktur des aufgebauten Erez Israel und auch von seinen Menschen. Dieses Bild wird bei den verschiedenen Parteien innerhalb des Zionismus verschieden aussehen, aber alle Bilder werden doch in einem — dem entscheidenden Punkte — gleich sein, sie werden alle ein Palästina auf nationaler Grundlage gebaut darstellen. Vor allem aber unterscheiden sich die Zionisten in ihrer Gesamtheit von den übrigen Agency-Milgliedern dadurch, daß jene überhaupt Vorstellungen von der zukünftigen, nationalen, sozialen und kulturellen Struktur Erez Israels haben, während diese als Ziel ihrer Bemühungen nur die Schaffung des Asyls schlechthin kennen. Aufgabe der Zionisten wircl es also sein, 1. in Palästina alle Kräfte für die Verwirklichung ihres Bildes von Erez Israel einzusetzen und 2. demselben Ziele dienend im Galuth die Menschen in ihrem Sinne für den Aufbau brauchbar zu machen. Es soll auf diese 2. Aufgabe an dieser Stelle eingegangen werden. Wir haben uns zu fragen: wird genügend getan, um sie zu erfüllen, können wir den wachsenden Ansprüchen Palästinas entsprechend, genügend geeignete Menschen stellen? Hieß unsere Losung in den vergangenen Jahren stets Wecken und Mobilisieren der Kräfte unseres Volkes in Palästina, so muß sie heute bei einer völlig veränderten Situation heißen: Vorbereitung und Einsetzung dieser Kräfte für den nationalen Aufbau (womit nicht gesagt sein soll, daß Propaganda in tieferem Sinne heute nicht mehr zu unserem Aufgabenbereich gehört). Von den vielen Gründen, die zu dieser veränderten Situation geführt haben, sollen hier nur kurz angeführt werden: das durch übermenschliche zionistische Pionierarbeit aufblühende Palästina, das sich die Anerkennung der gesamten jüdischen und nichljüdischen Welt errungen hat und ferner nicht zum mindesten die Verschließung Amerikas als jüdisches Immigralionsland zu einer Zeit schwerer ökonomischer Notlage des größten Teiles unseres Volkes. Aus diesen und vielen anderen Gründen also sehen wir heule große Massen plötzlich vor den Toren Palästinas; das ganze östliche Judentum durch seine wirtschaftliche Katastrophe getrieben, bricht, auf. Und während bisher, sei es aus politischen, sei es aus wirtschaftlichen Gründen, Palästina einer größeren Einwanderung verschlossen bleiben mußte, hören wir heute von dort den Ruf nach Menschen. Bewahrenwir uns in diesem bedeutsamen, aber gefahrvollen Augenblick nicht den Weitblick, haben wir nicht dauernd unser zionistisches Aufbauziel vor Augen, so könnten wir leicht den Fehler derjenigen Leute mitmachen, die freie Einwanderung und schrankenlose Privatinitiative lärmend fordern: Wir dürfen die Zügel nicht schießen lassen und den Aufbau einer durch keine zentrale Leitung gelenkten Zufallsentwicklung überantworten. Wir müssen zupacken und mit starker Hand die Menschen erfassen, die nach Palästina drängen, sie im Galuth in unserem Sinne vorbereilen, um sie dann, den Bedürfnissen des Landes entsprechend, dort einzuordnen. Wir haben im Augenblick nur einen und zwar einen völlig unzureichenden Regler für die von Monat zu Monat wachsende Alijah in der Hand: das Zertifikatssystem, gegen das wir überdies noch zu kämpfen gezwungen sind. Waren und sind die Jugendbünde in allen Ländern und besonders in Deutschland Instrumente*, berufen, Zionismus zu wecken, zum Zionismus zu erziehen, so ist es die Aufgabe des „Hechaluz“, die durch die Jugendbünde oder sonst irgendwie anders geweckten Kräfte für das Land und den Aufbau selbst vorzubereiten und zu lenken. Der Ausbau dieser Organisation, die bestimmt ist, die Menschen, die nach Palästina drängen, sowohl in natio-