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Das jüdische Echo · 1925-04-24 · 17 (24.4.1925) · p. Seite 299

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
17 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 17_24. April 12. Jahrgang Im erwachenden Palästina Die Berliner „National - Zeitung“ vom 7. April veröffentlicht folgenden Reisebrief aus Haifa von dem bekannten Dichter u. Schriftsteller Emil Lud \v i g. Haifa, Ende März. Reisende, die von Tiberias und Nazareth sich westwärts zum Meere wenden, sehen von der Höhe in ein breites, sacht geschwungenes, einsames Tal. Alles scheint öde, unbebaut, verlassen; nur aus ein paar Ecken und Flecken leuchtet das Rot der Ziegel, fordert das Gleichmaß gerader Linien im Felde den Blick auf, zu verweilen, und wenn der Zionist mit Fingern hinweisl, um Namen, die man rasch vergißt, dort festzupflanzen, wo Menschenhand sich müht, dann bleibt nur einer im Gedächtnis, der Name eines sauberen, neuen Dorfes, oder ist es schon ein Städtchen? Balfouria. Vielleicht ist die Reise dieses vornehmsten Engländers, der eben jetzt zum erstenmal Palästina betritt, der stärkste Augenblick in seinem hochgewölbten Leben. Denn welcher Europäer — Masaryk etwa ausgenommen — kann sich rühmen, eine neue Volksgemeinschaft geschaffen zu haben! Mit welcher Demut und mit welchem Stolz betritt der Lord einen Boden, den er dem ältesten Volke erstritt, ohne dazu zu gehören! Als anno 1916 und 1917 unser Außenamt den Vorschlag bedeutender Juden: Gründung eines jüdischen Landes unter deutschem Patronat noch belächelte, als im Vormarsch der Mittelmächte nach Palästina kein Kopf das Mitte] erkannte, diesen Faktor Europas zu gewinnen: damals, als wir in Stambul nur den amtlichen Antisemitismus erlebten, da gelang es im feindlichen London ein paar jüdischen Köpfen, vor allem dem Chemiker Weizmann (dem englischen Habor), den Staatslenkern die Chance darzulegen, die mit solchem Protektorat verbunden war. Da war es Lord Balfour als Außenminister, den jene englische Mischung von praktischem Idealismus zum Versprechen bewog: wenn die Entente das Heilige Land erobert haben sollte, dann will England den Juden dort eine Heimstätte überlassen, von wo sie vor zwei Jahrtausenden ausgezogen waren. Ein Brief an Rothschild, das war alles, was das Weltreich band; drei oder vier Jahre später übergab man den Zionisten ihren „Charter“. Ganz müßig ist die Frage, ob dieser Entschluß schlau war oder schön, ob pathetisch oder politisch, denn er war beides, und wie alle klugen Staatsschritte war er zugleich zwei Parteien nützlich. Dies Versprechen hat England in Paris die Durchsetzung des Palästinamandates gegenüber Frankreich erleichtert und seinen Wunsch, auf beiden Ffern des Suezkanals zu wachen, auch dem moralischen Wilson verständlicher gemacht; zugleich hat England sich die Freundschaft des jüdischen Kapitals gesichert, das vom kaiserlichen Deutschland nur mit Verachtung mißbraucht wurde. Heute ist Balfour der Schutzengel und wer den beinahe 80jährigen Edelmann kennt, weiß, wie lief er zugleich das Pathos seiner Entschlüsse erfaßt. Denn wenn ich mich frage, was mich in dem erneuerten Palästina am nächsten anging, so war es nicht der frische Anblick, den jede junge Kolonie gewährt, den ich in Ostafrika bei drei Nationen fand; dies ist das allgemeine. Es war das heimliche Pathos, das dort alle Menschen und Dinge belebt; kein lautes, wie denn überhaupt hier draußen gewisse, mit Recht gescholtene Fehler des europäischen Juden verschwinden. Nirgends habe ich früher den Juden so ruhig, so anspruchslos, so schweigend gefunden. Wo sind sie nun, die Karikaturen alle, mit denen man seit Herzls Zeiten den „Judenstaat“ als einen ewigen Debattierklub, eine spitzfindige Talmudschule ad absurdum zu führen meinte? Was ich überall sehe, ist Arbeit; was diese Arbeit erzeugt, das ist das immanente Pathos. Kein religiöses! Nichts ist in dem unbefangenen Reisenden hier erstaunlicher, als das Fehlen jeder religiösen Fülle und Gemeinschaft in einem Volk, das sich doch gerade auf religiöser Gleichheit aufbauen will. Diese Menschen, heute sind schon gegen 130 000 Ansiedler im Lande (nicht die alten, nur die Zionisten der letzten 30 Jahre), scheinen dem Glauben der Väter im allgemeinen nicht näher zu leben als die Mehrzahl der deutschen Juden; die meisten gehen einmal im Jahre oder dreimal in ihren Tempel, einige jeden Sabbath, sehr wenige sind fromm. Was also hält die Seelen zusammen? Das Volksgefühl. Kommt man als entschiedener Europäer dorthin, wie unsereiner, den der große Bann der eigenen Volksgemeinschaft unsichtbar umgrolll, den man fremdstämmig schimpft, und um so leichter zur freien Wahl der besten deutschen Dinge, dabei aber zur vollen Ablehnung jedes chauvinistischen Hochgefühles treibt, kommt unsereiner in dieses jüdische Land, so erschrickt er zuerst vor der Wiederkehr all jener Nationalismen, die man überall seit Jahr und Tag bekämpft. Soll sich, fragt man mit Zagen, hier bloß wiederholen, was Europa seit einem Jahrhundert gefährdet und seit einem Jahrzehnt so unerträglich macht: der Hochmut jedes Volkes, der enge, dumpfe Stolz, das beste, stärkste, kinderreichste, klügste, zukünftigste Volk, das „Führervolk“ zu sein, wie solcher Ruf durch alte und junge Nationen schallt: warum dann nicht auch hier den Rücken wenden! Da, ich gestehe, beginnt die große Ausnahme. Denn die hier sich zusammenlun, Verfolgte überall, um ein Asyl zu finden; diese Flüchtlinge äußeren oder inneren Motives finden ihr eigenes Land, das einst verlassene, mit dem Gefühl wieder, nun endlich einmal mit erhobenem Haupt nicht mehr Menschen zweiter Klasse, endlich unter den ihrigen zu wandeln, — und nirgends fand ich dieses Grundgefühl verdorben, durch Illusionen eines auserwählten Volkes. Demut, die alte Erde, die ihnen heilige, wiederzubehauen, deren sich nur so wenige Christen angenommen (ihre alten Kolonien umfassen noch nicht ein Drittel dessen, was die jungen Zionisten heule schon bebauen), Demut und Dank, zugleich aber

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