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Das jüdische Echo · 1925-04-17 · 16 (17.4.1925) · p. Seite 286

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
16 (17.4.1925)
Date
1925-04-17
Page
Seite 286 (sequence 14)
Language
German
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286 Das Jüdische Echo Nr. 16 Volkstums als Voraussetzung der Völkergemeinschaft und die Erfüllung der sozialen Forderungen als ethische Grundlage menschlichen Zusammenlebens. Die sozial-ethische Einstellung, die den bürgerlichen Befreiungsströmungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre besondere Note aufdrückte, die schrankenlosem Selbstbehauptungsverlangen des einzelnen in persönlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht entgegentrat, hat durch den Judenabkömmling Karl Marx und durch Friedrich Engels ihre stärkste geistige Gestaltung erfahren. Seite an Seite mit ihnen kämpfte zunächst auch unser Moses Heß, in dem selbst in Zeiten stärkster Erfaßtheit durch die Ideengänge des Kommunismus sein schlummerndes jüdisches Empfinden ein echt menschliches Gefühl, das Mit-Leiden mit den Armen und Unterdrückten, wachgerufen hatte. Gerade diese Auffassung, die ihn uns menschlich so nahe bringt, hat ihn bei dem rein spekulativ die Dinge wägenden Gestalten der sozialistischen Lehre in Mißgunst gebracht. Dennoch hat Moses Heß, der wie Marx an Hegels Dialektik geschult war, auch gedanklich in Zeitschriften und Zeitungen dem Ausbau der vielfach nur verschwommen als Menscheitsbeglückung auftretenden Auffassung unschätzbare Dienste geleistet. In den Jahren nach 1848, als Heß infolge seiner tätigen Mitwirkung am Hecker-Aufstand aus Deutschland fliehen mußte, und wegen der Angriffe seitens Marx sich mehr auf sich selbst zurückgezogen hatte, bildeten die naturwissenschaftlichen Studien, uie er eifrig betrieb, den Übergang zu einer vertiefteren Welt- und Lebensanschauung. Fußend auf das in früher Jugend durch den lehrenden Einfluß des Großvaters erworbene Wissen auf jüdischem Gebiet, ergab sich ihm aun eine fruchtbare Verschmelzung alt-traditioneller Auffassung und der neuesten Ergebnisse der Naturforschung: die Lehre Spinozas, nicht als Abfall vom Judentum betrachtet, sondern als Fortentwicklung des stets lebendigen, auf Einheit des Weltganzen abgestellten urjüdischen Gedankens. Diese Erkenntnis zusammen mit der aus der zeitgenössischen Rassenforschung gewonnenen Bestätigung des jüdischen Volksbegriffs ließ ihn die fruchtbringende Idee von der „Mission Israels“ konzipieren. Diese Aufgabe — sehr im Gegensatz zu dem, was man im assimilatorischen Sinne unter der „jüdischen Mission“ verstand oder versteht — sah Heß im erneuten Zusammenschluß der Juden im Lande ihrer Väter, wo unter den „mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen“ ein völlig normales, sich auf alle Wirtschaftszweige erstreckendes Volksleben, auch eine völlig selbständige Geistesentwicklung gewährleistet werden könne. Mit dieser Selbstbefreiung, als deren Vorbereitung ihm die gleichzeitig erfolgten Anregungen Reb Hirsch K a 1 i s c h e r s zur Förderung van JColonien in Palästina wie auch die Alliance Israelite Universelle mit ihrem Wahlspruch nn rn erschienen, war ihm die Gewißheit IfUSMI-TEE ■ m Feinste echt russische Teemarke Gen—Vertret: Dr, ETTINGER, MÜNCHEN _Aon«>s8*ra88* 47, T*»l«»fon 31 792 verbunden, daß auf eigenem Boden die Schöpferkraft des jüdischen Volkes wieder weitere, den Leistungen unserer Antike zumindest ebenbürtige Auswirkungen eigenster Art erstehen lassen würde. Daraus erhoffte er eine Bereicherung der Menschheit um die einzig und allein vom Judentum vertretbare Note der Heiligung des Diesseits, die Ersetzung der auf ein Jenseits gerichteten Strebungen durch den Dienst an der menschlichen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft konnte er gemäß der in seiner Person vollzogenen Synthese von jüdischer Lehre und moderner Anschauungsweise wohl in der ganzen Menschheit sehen, aber nicht als gestaltlose Idee, sondern in Fleisch und Blut gebildet durch die Völker. Der feste Boden der jüdischen Weltbetrachtung, die daraus hergeleitete Überzeugung, daß das Volk, das den Natursabbath geschaffen, in erster Linie dazu berufen sei, der Welt den Geschichtssabbath zu schenken, vermochten in Moses Heß ein festes Zukunftsbild zu formen. In dieser weiteren Stufe der Menschheitsentwicklung wird, nach der kosmischen und organischen Lebenssphäre, die soziale Ausgestaltung zur Reife gelangen. Der neue Aufbau unseres Landes, den wir heute in seinen Anfängen erleben, vollzieht sich unter selbstverständlicher Voraussetzung sozialistischer Gedankengänge. Wie hierin Moses Heß aus seiner umfassenden Beurteilung der Entwicklungsstufe des europäischen Kulturkreises zu seinen Schlußfolgerungen gelangte und damit dem Judentum die Wege wies, die es heute mehr aus Empirie als aus Theorie heraus betritt, so hat er in einem Punkte noch eine voranweisende Bedeutung für uns Heutigen: die Forderung unbedingter Hingabe an unsere Aufgabe, was immer nur einer kleinen Anzahl gelingen kann, sie durchflutet all seine Schriften. Sie gibt aber seiner Auffassung nicht den Charakter abweisender Ausschließlichkeit oder Sektenbildung. Vielmehr weist er in klarer Erkenntnis der realen Verhältnisse sowohl dem rückkehrenden Teil des jüdischen Volkes wie auch den im Galuth Verbleibenden bestimmte Aufgaben zu und gelangt damit zu der seit Achad Haam allgemein verbreiteten Auffassung vom „geistigen Mittelpunkt“, den das neue jüdische Gebilde im alten Lande darstellen wird. Mit diesen Ideen, die Heß nie müde wurde in seinen Aufsätzen zu wiederholen und die er in klarer und flüssiger Form in seinem „Rom und Jerusalem“ der Öffentlichkeit übergab, hat er die Wiedergeburt unseres Volkes eingeleitet. Wenn auch seine jüdischen Zeitgenossen ihn und sein Wirken ablehnten oder überhaupt nicht beachteten, so sind heute nach 50 Jahren seine Gedanken doch schon Gemeingut geworden und die von ihm angebahnte Verschmelzung alt-jüdischen Kulturgutes mit den Denkresultaten der allgemeinen Forschung wird zu den Früchten führen, die er erhoffte: des lebendigen Werdens stets neue Gewandung, dem jüdischen Volke Rückkehr zu sich selbst und der Menschheit Herbeiführung einer sozial erneuten Zeit. In Heß begegneten sich alter Propheten-Geist und die Einsicht, daß in einem nicht mystischen Sinne die Geschicke Europas zu einer Erneuerung unseres Volkes aufforderten. Wir aber mußten durch Weltkrieg und Judennot zu seinen Anschauungen geführt werden. Theo Harburger.

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