Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 16 (17.4.1925)
- Date
- 1925-04-17
- Page
- Seite 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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284 Das Jüdische Echo Nr. 16 Das Ende der jüdisch. Äufonomie in Litauen Kowno (J.T.A.). Der litauische Sejm hat soeben den Gesetzentwurf betreffend die jüdischen Gemeinden in Litauen, den die judenfeindliche christlich-demokratische Partei eingebracht hatte, in 3. Lesung angenommen. Auf diese Weise ist der letzte Rest der Autonomierechte der Juden in Litauen vernichtet worden. Das angenommene Gesetz beraubt die jüdischen Gemeinden des Rechtes; zwangsweise Steuern zu erheben. Auch erlaubt das Gesetz die Existenz mehrerer Gemeinden in einer Stadt; niemand kann gezwungen werden, einer Gemeinde anzugehören, Der Unterhalt für die Gemeindeverwaltung und die Institutionen kann nur durch freiwillige Spenden bestritten werden. Auf diese Weise sinkt die Gemeinde auf die Stufe einer freiwilligen Gruppe herab. Die jüdischen Deputierten sprachen in schärfster Form gegen dieses Attentat auf die jüdischen Rechte in Litauen und verteidigten das im Jahre 1919 sorgfältig ausgearbeitete Gesetz über die jüdische Autonomie. Sie schilderten, wie die christlich-demokratische Mehrheit zuerst das jüdische Ministerium, dann den jüdischen Nationalrat aus der Welt schaffte und ersuchten, doch wenigstens die autonome jüdische Gemeinde bestehen zu lassen. Diese Einwendungen blieben erfolglos. In der gleichen Sitzung lehnte der Sejm den von den jüdischen, polnischen und deutschen Deputierten eingebrachten Gesetzentwurf über die Errichtung nationaler Räte der Minoritäten ab. Zum Protest verließen die Deputierten aller nationalen Minderheiten den Sitzungssaal. Ruin des jüdischen Lebens in Posen Posen. (J.T.A.) Die Auflösung des jüdischen Lebens in der an Polen gefallenen Provinz Posen schreitet unaufhaltsam vorwärts. Früher war es der unerhörte Terror der Pogrombande Sekr etartschik und der Liga für Nation und Glauben, jetzt ist es der unerträgliche Steuerdruck, der die Juden zwingt, ihrer alten Heimat den Rücken zu kehren. Vor einiger Zeit hat wieder eine starke Abwanderung angesehener jüdischer Familien aus allen Teilen der Provinz Posen nach Deutschland eingesetzt. Viele sind zu dieser Abwanderung rechtlich gezwungen, da sie seinerzeit für Deutschland optiert haben; für andere wieder sind wirtschaftliche und psychologische Gründe maßgebend. Zahlreiche jüdische Familien in den von der jüdischen Bevölkerung verlassenen kleinen Städten wandern aus, weil sie das einsame Leben in feindlicher Umgebung nicht weiter ertragen können. So kommt es vor, daß alte jüdische Gemeinden zu existieren aufhören; aus mehreren kleinen Städten sind jüngst die allerletzten jüdischen Familien ausgewandert. Die jüdische Gemeinde Posen nimmt nicht selten die herrenlos gewordenen jüdischen Synagogen und Schulen in Gewahrsam und bestellt für sie christliche Wächter; meist aber werden die Gebäude und die Einrichtungen von den Stadtbehörden beschlagnahmt und anderen Zwecken zugeführt. Die Judgjischaft des Städtchens K o s t s z y n hat vor ihrer Auswanderung die Synagoge dem Magistrat zwecks Einrichtung einer Volksküche übergeben. Der Magistrat verwandelte aber die Synagoge in einen christlichen Gesellenklub. An die Stelle der Thoralade wurde ein riesiges Kreuz hingestellt, darunter prangt die Aufschrift; „Juden dürfen hier nicht weilen.“ Als Illustration für den Ruin des jüdischen Lebens in Posen diene die folgende Tatsache: Von den mehr als 130 jüdischen Gemeinden, die vor dem Kriege in der Provinz Posen existierten, können heute nur noch 5 einen Rabbiner erhalten: nämlich Posen, Bidgosztsz (Bromberg), Gäniesna (Gnesen), Inowrozlaw (Hohensalza) und Kempno (Kempen). Städte aber wie Grodziondce, die vor dem Kriege 700 jüdische Seelen, Krotoschin (früher 400 jüdische Seelen), Läschno (früher 800 jüd. Seelen), Ostrowo (früher 700 jüd. Seelen), Thorn (früher mehr als 1000 jüd. Seelen) sind heute nicht mehr in der Lage Rabbiner oder Lehrer zu erhalten. Zum Andenken an die aufgelösten jüdischen Gemeinden in Posen hat die Posener jüdische Gemeinde beschlossen, viermal im Jahre in der Großen Synagoge Posens eine Art „Seelena n d a c h t“ abzuhalten. Es wurde hierzu ein spezielles eigenartiges Gebet verfaßt, in welchem von dem Ruin des jüdischen Lebens in Posen, von der Not und der erlittenen Schmach der ausgewanderten jüdischen Familien die Rede ist. Die erste Andacht hat am 8. Pessach-Tage stattgefunden. * Warschau. (J.T.A.) . Wie alljährlich in Polen wird auch dieses Jahr vor den Passah-Tagen die übliche Ritualmordpropaganda betrieben. Die jüdische Tageszeitung „Moment“ ist in den Besitz einer Zinkplatte gelangt, die von einer Warschauer Gießerei hergestellt wurde und das Folgende darstellt: Auf einem Tische liegt ein christliches Kind, erkennbar an dem Kreuz am Halse; vier Rabbiner zapfen aus dem Kindeskörper Blut in eine Flasche. Die Überschrift lautet: „Mazzot- Fabrikation. Ferner enthält die Platte mystische Zeichen. Es ist nachgewiesen, daß viele Abzüge dieser Platte verbreitet worden sind. Der berüchtigte Pogromagitator „Professor“ Jascha Chamiec, der vor kurzem wegen Unterschlagung größerer Beträge aus der antisemitischen Organisation „Rozwoj“ ausgeschlossen worden ist, wurde wegen Beschimpfung polnischer Gutsbesitzer zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Trotzdem setzt er seine antijüdische Hetzpropaganda in den Städten und Städtchen fort und verteilt massenhaft Pamphlete, in denen zu Angriffen gegen die Juden aufgefordert wird. 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