Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-04-17 · 16 (17.4.1925) · p. Seite 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
16 (17.4.1925)
Date
1925-04-17
Page
Seite 277 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9153805--06649-9079364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 Das Jüdische Echo 277 der einen Teil des jüdischen Volkes zweifellos ergriffen hat. Aber er vertraut doch zu sehr auf die Wahrheit und auf die Kraft der Thora, als daß er darauf verzichten könnte, sie mitten unter den Brüdern immer und immer wieder zu künden. Und er erkennt, wie gerade Rabbi Kook das immer wieder ausgesprochen hat, selbst noch in den „atheistischen“ Pionieren des Aufbaus die Werkzeuge des Gottes Israels. Wie dessen Befehl an sein jüdisches Volk es immer wieder dazu zwingt, das göttliche Gesetz nicht in der fruchtlosen Abstraktion der literarischen Polemik, sondern in der harten und fruchtbaren Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens zu bewahren, so mühen sich auch diese Pioniere um die volle Wirklichkeit eines menschenwürdigen Daseins. Auch wenn sie es nicht wissen, mühen sie sich darum — wie Martin Buber einmal in anderem Zusammenhang die jüdische Aufgabe treffend formuliert hat — „Gottes Antlitz aus dem Block der Welt herauszumeißeln“. Daß bei diesem gewaltigen Unterfangen viel zackiges und rohes Gestein stehen bleibt, das wird nur den wundern, der nie bewegt und fromm vor einer Statue des Meisters R o d i n gestanden hat, die frei und klar mitten aus dem gestaltenden und hemmenden Material ins Licht wächst. Berufsumschichtung der Juden Jede Gemeinschaft bedarf einer steten Entwicklung ihres geistigen und ökonomischen Fundus. Nur im Kampf um neue Ziele werden die sittlichen Kräfte zur Entwicklung gelangen und das Beharren in alten Positionen läßt keinen Aufstieg zu neuen Höhen der Kultur und der Zivilisation zu. Auch die jüdische Wirtschaft übt ihren Einfluß auf die intellektuelle und moralische Sphäre des Judentums aus. Wir wissen aus Untersuchungen, wie stark das Verbrechen an ungesunde Wirtschaftserscheinungen gebunden ist. Der Mädchenhandel konnte nur in den verarmten Quartieren des Ostens Vorkommen, Schwindel und Betrug, Taschendiebstahl unter den Luftmenschen, die ohne Fachkenntnisse aufgewachsen zur Arbeit nicht erzogen waren. Und die Dörfer der Ostmark, Hessen-Nassaus und Unterfrankens, die mit Händlern, z. B. Viehhändlern übersättigt waren, brachten dementsprechend auch unliebsame Erscheinungen mit sich, die zum größeren Teil der ungesunden wirtschaftlichen Lage angekreidet werden müssen. Die Überschwemmung des Westens in der Kriegszeit mit Elementen, die zu Hause keinen Platz mehr hatten, mit Menschen, die ohne Fachkenntnisse, ohne systematische Erziehung zu lebenswichtigen Berufen krampfhaft jedes Geschäft, jede Konjunktur ausnutzen wollten, zeigt die Bedeutung, die die ökonomische Frage der Juden des Ostens auch für den Westen besitzt. Moralische Entrüstung allein vermag „die Verhältnisse nicht zu bessern, sondern nur das ernsthafte Bestreben, den Menschen in die Lage zu bringen, mittels Kenntnissen und mittels Erziehung sein Brot zu verdienen. Diese großzügige soziale Arbeit, die an den Juden zu leisten ist, löste die alte Form der jüdischen Wohltätigkeit ab. Es paßt nicht mehr in unsere Zeit hinein, Almosen zu verteilen an Menschen, die in der Gesellschaft noch Arbeit leisten können. Um die Jahrhundertwende ging man der Wanderbettelei energisch zu Leibe, in dieselbe Zeit fallen die ersten größeren Versuche im Osten, Arbeit für die Massen zu schaffen, Industrien zu gründen und die Jugend nicht nur im Wissen, sondern auch in rein technischen Dingen auszubilden. Vielleicht nicht ganz zufällig ist auch in diesen Jahren der Bodenkulturverein gegründet worden. Leider bestand damals weder Interesse noch Verständnis für die Bedeutung einer derartigen Bewegung. Die deutsche Judenheit tendierte nur nach den Großstädten, wo sie in den freien Berufen und im Handel vorwärts zu kommen suchten. In volkswirtschaftlichen Untersuchungen habe ich den Einfluß des großstädtischen Milieus, des Berufes usw. auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft seit 15 Jahren nachgewiesen. Es kann heute wohl kaum bestritten werden, daß die einseitige Berufswahl und der Aufenthalt in den Zentren des Handels und Verkehrs schwere Schäden für einen gesunden und natürlichen Bestand mit sich bringt. Es würde zu weit führen, dies hier eingehend zu belegen. Wir können uns darauf beschränken, das Wichtigste festzuhalten. Die aufreibende Tätigkeit in den freien Berufen und den kapitalistischen Formen des Wirtschaftslebens bringen eine Schädigung der Volksgesundheit, der gesunden Familienbildung mit sich, sie setzt die Massen allen möglichen wirtschaftlichen Erschütterungen aus, die zwar meist überwunden werden, aber doch schwere Beeinträchtigungen mit sich bringen, stete seelische und physische Konflikte bedingen. Eine Gemeinschaft, die sich ke.ine Ziele steckt, die nicht ihre Kraft an immer neuen, fast unüberwindlichen Hindernissen stählt, verliert das Interesse ihrer Mitglieder. Nur in einem tatenfrohen arbeitssamen Ganzen kann sich der Idealismus des einzelnen entfalten. Und es ist das beste Zeichen, daß ein Teil der Jugend der deutschen Judenheit eine gesunde Berufsumschichtung anstrebt. In unserer stark kapitalistischen Zeit hat vor allem die Zahl der angestellten Kaufleute zugenommen. Ein großer Prozentsatz der jungen Leute, der dem Handel zuströmt, kommt niemals mehr in die Lage, selbständig zu werden, und die Posten, die sie bekleiden, bleiben meist hinter den einst erträumten Stellungen zurück. Teilweise gelingt es ihnen, aus Ermangelung von Kapital eine Zwischenschicht zu stellen, das Heer der Vermittler, Agenten, Zwischenhändler, Vertreter, die ohne eigene Betriebsmittel trotzdem am Absatz selbst partizipieren. Die Genossenschaftsbildung der Produzenten und die Kapitalisierung des Vertriebes, die in den Warenhäusern einen Typus gefunden hat, kann erst auf wenige Jahrzehnte ihrer Existenz zurückblicken. Damit ist die Entwicklung noch nicht am Ende. Wie weit die Vertrustung noch gehen wird, läßt sich nicht Vorhersagen. Wohl aber ist es Tatsache, daß die Anstellung in den überpersönlichen Betrieben für Juden immer schwerer wird. Mit Mühe dringen die Juden in neue Handelsgebiete ein und versuchen in dem aufblühenden Pelzgewerbe, in der Automobilindustrie, im Film, im Radio festen Fuß zu fassen. Wie schwer es jüdischen Firmen gemacht wird, mit dem Staat und den Kommunen, mit den großen Gesellschaften zu arbeiten, braucht nicht gesagt zu werden. Es gelingt vielfach nur durch falsche Firmierung der Firma, die einen christlichen oder unpersönlichen Namen trägt, durch Vorschickung besonders dazu engagierter einflußreicher christlicher Persönlichkeiten, zum Wettkampf zugelassen zu werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.