Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 15 (8.4.1915)
- Date
- 1915-04-08
- Page
- Seite 256 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Das Jüdische Echo Nr. 15 sen. Es wird darum noch einige Zeit vergehen müssen, bis die Jewish Agency in die Lage kommen wird, gemäß den konstitutionellen Linien zu funktionieren. Inzwischen soll die Arbeit im Zusammenhang mit der gesteigerten jüdischen Einwanderung, der Befestigung der jüdischen Position im Lande, der Wahrung der geistigen Schätze der wachsenden Gemeinschaft, der Förderung des hebräischen Kultur-Standards getan werden. Bezüglich einer Übereinstimmung mit der orthodoxen Weltorganisation Agudas Jisroel und der Möglichkeit ihrer Teilnahme an der Jewish Agency erklärte Dr. Weizmann, er habe in Wien Gelegenheit gehabt, mit dem Präsidenten der Agudah Dr. P. Cohn zu konferieren. In Verfolg dieser Unterredung beschloß die Zionistische Executive, zunächst ein Komitee zu bestimmen, welches mit Vertretern der Agudah über die Schaffung eines Einverständnisses zwischen der Zionistischen Organisation und der Agudah betreffend die palästinensische Gemeindeordnung verhandeln soll. Es hat den Anschein, daß über diesen Punkt, der so viel Agitationsstoff geliefert hat, eine Übereinstimmung erzielt werden wird. Dr. Weizmann glaubt, daß die Agudah gleich allen anderen jüdischen Organisationen sich an der Jewish Agency auf der Basis der konstruktiven Mitarbeit an dem Aufbauwerk beteiligen wird. Die Verhandlungen mit den Führern der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika, sagte Dr. Weizmann, haben die Sicherheit erbracht, daß diese sich an der Palästina-Arbeit beteiligen werden, sobald es feststeht, daß der praktische Aufbau Palästinas helfen wird, das Problem der jüdischen Emigration zu lösen. Pogrom in Focsanl Bukarest (J.T.A.) Am Tage des Prozeßbeginnes gegen den Mörder Codreanu vor dem Schwurgericht in Focsani fand in dieser Stadt ein regelrechter Judenpogrom statt. Jüdische Läden und Wohnungen wurden geplündert und zerstört, die große Synagoge und einige jüdische Bethäuser schwer devastiert. Der Höhepunkt der nationalistischen Demonstrationen wurde erreicht, als der Antisemitenapostel Prof. C u z a als der Hauptverteidiger Codreanus in der Stadt eintraf. Am Bahnhof wurde Cuza von hunderten Studenten und Damen im Nationalkostüm mit lebhaften Ovationen begrüßt. Als er sich in den Wagen setzte, wurden ihm die Pferde ausgespannt und Cuza unter brausenden Rufen zum Gerichtshaus geleitet. Während der Gerichtshof über den Antrag Cuzas auf Freilassung Zelea Codreanus beriet, begannen draußen wie auf ein Signal die antijüdischen Exzesse. Mehrere Gruppen von Studenten und Faszisten stürmten in die jüdischen Stadtviertel und schlugen die Scheiben der jüdischen Geschäftsläden und Wohnungen ein. Mehrere große jüdische Geschäftsläden wurden vollständig demoliert und die Waren auf die Gasse geworfen, wo sie Plünderern in die Hände fielen. Bei allen Synagogen und jüdischen Schulen wurden die Fensterscheiben zertrümmert und die Inneneinrichtung zum Teil demoliert. Die Gendarmerie erschien erst, nachdem alle Verwüstungen vollbracht waren. Der jüdischen Bevölkerung bemächtigte sich große Unruhe und Aufregung. Der materielle Schaden ist enorm. Die Israelitische Kultusgemeinde von Focsani richtete an den König und den Ministerpräsidenten Telegramme, in welchen diese Vorgänge geschildert wurden; es wurde um rasche Hilfe gebeten. Als Antwort auf diese Beschwerden erhielten die Behörden von Focsani den Auftrag, in strengster Weise gegen die Ruhestörer vorzugehen und unter keinen Umständen weitere Exzesse zu dulden. Die Zeitung „Dimineatza“ meldet, daß sich unter den Damen, die die antisemitischen Flugblätter verteilten und zu Exzessen gegen diie jüdische Bevölkerung aufforderten, auch die drei Töchter des Arbeitsministers Chirculescu, Marianna, Elena und Amalia befanden, Das Blatt fragt, ob angesichts der Teilnahme von Kindern eines aktiven Ministers an diesen Exzessen überhaupt an eine Ahndung solcher Taten gedacht werden kann. Der antisemitische „Universul“ behauptet, daß die ersten Zerstörungen in Focsani von jüdischen Organisationen seihst vorgenommen wurden, um die Studentenschal t zu kompromittieren. Die öffentliche Meinung in Focsani sei durch die Meldung in Aufregung versetzt, daß Mitglieder der Jüdischen Gemeinde rumänische Nationalkostüme anlegen wollten, um christliche Häuser zu beschädigen. Am Tage nach dem Pogrom von Focsani veranstalteten Guzisten in dem benachbarten Städtchen Odobesti einen Judenpogrom. In der gesamten Umgebung von Focsani wurden in den Eisenbahnen die jüdischen Passagiere schwer terrorisiert und zum Teil aus den Eisenbahnzügen hinausgeworfen. Weiter wird gemeldet: Bukarest (J.T.A.) Hier traf eine Abordnung der Judenschaft Focsanis ein, die in Abwesenheit des Innenministers Tatarescu vom Unterstaatssekretär Chirculescu empfangen wurde, der erklärte, die Regierung werde diejenigen Beamten, die ihre Pflicht nicht erfüllt haben, strenge bestrafen. Die jüdische Abordnung erklärte, die Meldungen des „Universul“, daß die Juden die Ruhe und Ordnung gestört hätten, seien erlogen. Die Mitglieder der Abordnung berichteten, daß die Cuzisten das Zentrum der Stadl verwüstet und der jüdischen Kaufmannschaft ungeheueren Schaden zugefügt haben. Sie überreichten ein Verzeichnis derjenigen Geschäftsinhaber, deren Läden vollkommen verwüstet und geplündert wurden. Sie erzählten, daß auch in Marasesti und Odobesti jüdische Wohnungen und Läden demoliert wurden. Der Terror ist unbeschreiblich. Die jüdische Kultusgemeinde von Focsani hat ein Büro eröffnet, durch welches die durch den Pogrom der Cuzisten Geschädigten ihre Schadenersatzansprüche gegen den Staat gellend machen werden. Die jüdische Bevölkerung hat beschlossen, eine sechsmonatliche Trauer wegen der verwiistetenTempel undSynagogen abzuhalten. Während dieser Zeit wird keine Vergnügungsveranstaltung stattfinden dürfen. Es wurde beschlossen, die zerstörten Geschäftsläden erst dann zu reparieren, wenn die Schäden gutgemacht sein werden. Am Dienstag, den 24. März traf Minister Chirculescu in Focsani ein. An diesem Tage waren zum Zeichen des Protestes auch die wenigen verschont gebliebenen Geschäfte geschlossen. Die Ankunft des Präsidenten der Union rumänischer Juden wird hier erwartet. Wien (J.T.A.) Aus Bukarest ist hier die Meldung eingetroffen, daß am 23. März in Focsani 22 Juden verhaftet wurden unter der Beschuldigung, am Tage des jüdischen Pogroms eine Selbstwchrorganisation gebildet zu haben.