Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 14 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- Seite 238 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9153801--06610-9079323- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 Das Jüdische Echo Nr. 14 lllili li li 1 Hl! 11111 111 Feuilleton 111 LI1 Iflll ü, III 11» 1 lllili 1 llll 1 »1 Die Auferstehung eines Schekels Der Dinar, die alte jüdische Münzeinheit, die in der jüdischen nachbiblischen Literatur so häufig erwähnt wird, wird1 auch die Münzeinheit des neuen Palästina werden. Der Dinar wird einem englischen Pfunde gleichwertig sein. Eine Münze, die ein Zenntel-Dinar darstellen wird, wird Schekel heißen, ein Tausendstel eines Dinars den Namen Peruta tragen. (Zeitungsnachricht vom Ende Januar 1925.) In der berühmten Münzsammlung des historischen Museums in Paris kamen und gingen den ganzen Tag hindurch Menschen aller Art, graubärtige und kahle Professoren, Künstler und die bloß Neugierigen — die letzteren meist Juden — russische Juden, französische, selbst amerikanische. Und alle drängten an einen Tisch, auf welchem in einer schmalen Glasschachtel mehrere neue Münzen lagen, frisch geprägt, neu und glänzend, jung und reinlich wie Neugeborene, ohne Flecken oder Makel. Mehrere Münzen von verschiedener Größe und verschiedener Farbe. Und alle trugen orientalische Inschrift. Hebräische auf der einen Seite, arabische auf der anderen; doch konnte die arabische Seite nicht gesehen werden, weil die den Beschauern zugekehrte Stirnseite die hebräischen Inschriften trug. Die Besucher standen und staunten. Der Direktor, ein alter Mann mit tiefliegenden glänzenden Augen, übersetzte für sie die Worte, die auf den Münzen eingegraben waren, erklärte ihre historischen Beziehungen und die Geschichte ihrer Entwicklung — eine wundervolle Geschichte von Tausenden von Jahren. Er sprach vom Schekel, von dem alten persischen Adrachmon, von der syrischen Perute, vom römischen Dinar. Alle waren für diesen Augenblick wieder . auferstanden. Und er malte in Worten eines Dichters das bemerkenswerte Schicksal der Münzen, das Schicksal eines Volkes. Nach dem Vortrag des Professors verlief sich die Menge. Die Türen des Museums wurden geschlossen. Es ward still. Nur der Professor blieb, ganz allein in der stummen großen Halle, einsam wie nur die Kunst oder der Geist sein mag. Er näherte sich wieder den jungen Münzen, betrachtete sie mit Liebe und Staunen und hob dann das Kästchen sacht auf. Mit einer Berührung so zart wie die einer Mutter, um ein Neugeborenes zu tragen, brachte er sie in einer andere Ecke der Halle zu einem anderen Tisch, wo auch unter Glas Münzen lagen: — verwittert, grün vor Alter, ungestalt, verstümmelt, mit kaum unterscheidbaren Zeichen und Buchstaben. Er erhob den Glasdeckel und legte die neuen Münzen auf Samtkissen; verschloß den Kasten wieder und sah hinein. Er sah, als ob er plötzlich das Zusammenstößen von Zeitaltern erblickte, — des alten und des neuen, eisgrauen Alters und grüner Jugend. Ob es die Wirkung der Stille war, oder nur die seiner nervösen Spannung — der Professor hörte bald deutliche Laute wie von leicht berührtem Metall, ein Klingen, aber kaum hörbar, rhythmische Schwingungen eher als ein voller Ton. Die Klänge wurden lauter und ängstlich. „Neuankömmlinge?“ fragte eine alte, fast gestaltlose Münze. „Wer sind sie? Wurden sie unter irgend einem Erdwall ausgegraben, aus einem Keller? Wurden sie mit Ziegeln und Bruchstücken von Töpfen gefunden? Woher kommt ihr und wer seid ihr?“ — „Wir kommen aus Jerusalem,“ antwortete die Stimme eines Kindes, klar und musikalisch wie eine Glocke. „Aus Jerusalem? Dann sind wir Landsleute. Ihr seid wahrscheinlich aus der alten Davidstadt. Wo wurdet ihr gefunden?“ „Gefunden?“ sprach die Kinderstimme wieder und lachte, und andere junge Stimmen lachten mit. „Gefunden? Niemand fand uns. Wir sind gerade gemacht worde.n. Wir sind eben aus den rotglühenden Öfen gekommen, wo man uns schmolz, und aus der Presse, wo man uns münzte.“ „Eben gekommen!“ antwortete die rostige Stimme nun fast ärgerlich. „Was meint ihr, was haben Neulinge mit Jerusalem zu tun? Ich weiß nicht, wer ihr seid, aber ihr scheint mir bloße Kinder, und soweit ich mich erinnern kann, war man immer alt in Jerusalem. Wer seid1 ihr denn nun wirklich?“ Und die jungen Stimmen brachen in einen freudigen Gesang aus. „Ich bin der Schekel.“ „Und ich bin der halbe Schekel.“ „Und ich ein Adrachmon.“ „Und ich ein Dinar.“ „Und ich eine Peruta.“ Für einen Augenblick war es im Kasten still, die schwere Stille unterdrückten Stöhnens, der Erinnerung. „Sooo, sooo,“ flüsterte die alte Stimme wieder. „Ihr seid ein Schekel und ein Adrachmon und eine Peruta, und so jung, und neu gekommen? Nun, Kinder, so will ich euch auch sagen, wer ich bin, wer wir sind. Ich bin auch ein Schekel, und diese hier, die neben mir liegen, sind auch ein Adrachmon, Perutas und Dinare. Ich bin der Großvater und sie sind die Kinder und Enkelkinder. Und ihr seid also meine Urenkel. Ich kann euch nicht gut sehen; mein Blick ist trübe geworden, zu lange lag ich in der Dunkelheit, zu lange war ich still. Und meine Sprache ist heiser. Könnt ihr mich sehen, Kinder, könnt ihr mich hören?“ „Ja, ja, Großvater, wir sehen dich, wir hören dich. Erzähl uns, Großvater, warum du so alt aussiehst, so zerbrochen; erzähl uns, wie du gewesen bist und warum die anderen so still sind!“ „Alt, zerbrochen, die Jahre, die Jahre! Wißt ihr, was ich durchlebt habe? Wißt ihr, welche Leiden ich erduldet habe? Ich erinnere mich — wer weiß wie lange es her ist? Ich erinnere mich, wie ich das erstemal zerbrochen wurde. Seht, Kinder, ich bin unsäglich alt, und ich erinnere mich der Jahre meiner Jugend nicht. Ich sehe sie wie durch Schatten — irgendwo in einem sonnigen Lande, am Ufer eines Stromes, von weinenden Weiden Überhängen — und dort sind Männer mit langen, gelockten, geflochtenen Bärten und hohen Hüten. Rund um sie eine Schar von Leuten mit stumpfen Nasen und hohen Backenknochen, wie die Tartaren, gelbhäutig, und noch andere, hoch, stämmig, mit schwarzen Haaren und geflochtenen Bärten. Sie sprachen alle Sprachen, sie kauften und verkauften; Wohlgerüche, gelb gefärbten Safran, Perlen, Seide und Elfenbein, Fremde betrachteten die Waren und die Männer und Frauen Babylons handelten mit ihnen. Sie hielten Stücke \Silbers in ihren Händen und wogen sie und maßen sie. Wenn ein Stück gemessen und gewogen war, schlug eine Axt es breit. Und mit einer glühenden Nadel wurden auf das zugehauene Stück die Buchstaben eingeritzt: Schekel. Wie das damals