Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 13 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 215 tere Ausbau der Organisation geht fort. Die Eingänge an Mitgliedsbeiträgen für das Jahr 1924 betrugen rund Mk. 63 000.—. Das ist gegenüber der Vorkriegszeit keine imponierende Ziffer, allein sie zeigt einen Fortschritt nach oben an. Mit einer beträchtlichen Erhöhung der Mitgliederbeilräge ist im Jahre 1925 zu rechnen. Die Jewish C o Ionisation Association (J.G.A.) in Paris hat wiederum einen Beitrag für notleidende jüdische Studierende aus Osteuropa und andere Zwecke von insgesamt Mk. 55 000.— geleistet. Für die ukrainischen Waisenkinder flössen dem Hilfsverein rund Mk. 15 000.— zu. Einer beträchtlichen Anzahl von Einzelpersonen wie Familien ist die Möglichkeit zur Auswanderung nach Übersee gegeben worden. Außer den Bahnhofsdiensten in Hamburg und Bremen bestehen Auswandererfürsorgestellen in Memel, Königsberg i. Pr., Eydtkuhnen, Lyck (Ostpr.), Ratibor, Oderberg, Breslau. Das Emigrantenausbeutungswesen wird scharf bekämpft. Den nach der Einwanderungseinschränkung in den Vereinigten Staaten in Hamburg und Bremen liegen gebliebenen russischen Emigranten wird Hilfe geleistet. In Hamburg weilten Ende 1924 139, in Bremen 172 solcher Emigranten. Im Jahre 1924 konnten nach den Vereinigten Staaten 91, nach Südamerika 22, nach Mexiko 14 Personen fahren; nach Rußland kehrten 30 zurück. Es wird für Unterricht und Berufsausbildung der Emigrantenkinder, die sich durchweg als begabt erweisen, gesorgt. Ein Korrespondenz-Blatt für jüdische Auswanderungsangelegenheiten wird herausgegeben und findet großen Anklang. Nach Rußland vermittelte der Hilfsverein Überweisungen von Schiffskarten und Geld seitens auswärtiger Verwandter. Es sind in etwa 1500 Einzelüberweisungen ca. 55 000 Dollar abgeführt worden. Die Erziehung und Ausbildung von 25 ukrainischen Waisenkindern, die der Hilfsverein im Jahre 1922 nach Deutschland übernommen hat, nimmt ihren guten Fortgang. Es erfolgt ihre Ausbildung zu Lebensberufen. Ausgegeben wurden: Für Auswandererfürsorge Mk. 60 000.—; für Waisenkinder Mk. 19 000.—; für notleidende jüdische Studierende in Osteuropa Mk. 32 000.—; für Organisation und anderes Mk. 25 000.—■. Auf Antrag des Stadtrates Gimkewitsch wurde dem Vorstand durch Erheben von den Sitzen einstimmig das Vertrauen und der Dank ausgedrückt.. Der alte Vorstand ist durch Zuruf wiedergewählt worden; er setzt sich wie fölgt zusammen: Vorsitzender Dr. James Simon, stellvertr. Vorsitzender Dr. Paul Nathan, zweiter stellvertr. Vorsitzender Generalkonsul Eugen Landau, Schatzmeister Dir. Kurt Sobernheim, stellvertr. Schatzmeister Dir. J o a c h i m s o h n, Schriftführer Prof. Schaefer und Frau Henriette M a v. Generalsekretär ist der Schriftsteller Herr Dr. M. Wischnitzer. In der Versammlung hielt Herr Dr. Paul N a - tlian einen Vortrag über „Das jüdische Problem“. Er führte ungefähr aus: Indem wir nach jahrelanger Pause nun wieder an eine geordnete Arbeit schreiten, müssen wir wieder ein Programm haben und für dasselbe werben. Da ersteht ein gewaltiges Problem vor uns: Von den 15 Millionen der Welt leben etwa 7,5 Millionen zusammengepfercht in den ehemals russischen Randstaaten (Polen, Litauen, Lettland), in Westrußland und in Rumänien. Die Bürgerrechtsverhältnisse für Juden in diesen Staaten sind prekär, die Hoffnungen der Juden auf nationale Autonomie haben sich als trügerisch erwiesen. In Rußland selbst, wo sie formell Gleichberechtigung genießen, geht es ihnen nicht besser. Der Judenhaß nimmt überall gefährliche Dimensionen an. Die einzige Sicherheit für diese Juden ist der Druck der westeuropäischen Mächte und Amerikas auf die betreffenden Regierungen. Man stelle sich vor, daß etwa infolge neuer Machtverschiebungen der Druck der Westmächte aufhört. Die Juden werden dann schutzlos der Wut und der Raublust ihrer Umgebung preisgegeben sein. Ihre Vernichtung wäre die Folge. Wenn sich dann der Emigrantenstrom nach Westen ergießt, wird Hilfe nicht möglich sein;. Die Aufgabe ist nun, daß wir deutschen Juden, die wir mit den Verhältnissen vertraut sind, die Weltjudenheit aufklären und zu rechtzeitiger Fürsorge anspornen. Man muß darauf wirken, daß der Druck der Westmächte und der Vereinigten Staaten nicht aufhört. Andererseits müssen alle Kräfte angespornt werden, um die Juden aus den Provinzen, in denen sie zusammengepfercht und im Elend leben, herausgeholt werden. In Westeuropa und Amerika sind alle Tore gesperrt. Der einzige Ausweg ist eine allmähliche Überführung nach den Ostteilen Rußlands, wo sie in die Landwirtschaft eingeordnet werden können. Das Werk muß nicht in Form von Philanthropie, sondern als Aufbauhilfe vor sich gehen. Es sollen die Leistungsfähigen zuerst gehen, dann nach ihrer Einordnung ihre Verwandten zu sich nehmen. Das Problem ist ein gewaltiges, aber es muß an dessen Lösung geschritten werden. Es sei notwendig, eine Abordnung an die Moskauer Regierung zwecks Verhandlungen zu entsenden. Laut privaten Informationen wäre man in Moskau bereit, das Problem zu diskutieren. An die Ausführungen Dr. Nathans knüpfte sich eine kurze Diskussion. Herr Dr. James Simon bemerkte, man müsse sehr behutsam an ein solches Problem, welches sehr kompliziert ist, herangehen. Man weiß, daß die ICA nach jahrzehntelangen Anstrengungen kaum 30 000 Kolonisten in Argentinien ansiedelte. Man muß fragen, wie die ostrussische Bevölkerung die jüdischen Siedler aufnehmen wird. Jedenfalls erfordere die Durchführung viele, sehr viele Jahrzehnte. Ein anderer Redner schlug vor, mit der spanischen Regierung wegen jüdischer Einwanderung in Verbindung zu treten. Aus der Mitte der Zuhörer ertönten Rufe: „W a - rum kein Wort von Palästina?“ Es wurde entgegnet, daß der Hilfsverein in zahlreichen Fällen auch für Palästinawanderer eingesprungen ist und mit dem Palästinaamt einen ständigen Kontakt unterhalte. Die Diskussion wurde für einen späteren Zeitpunkt verlegt. Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden Wir bringen im Folgenden den offiziellen vorläufigen Bericht über den Verlauf dieser Tagung und behalten uns vor, nach Veröffentlichung des ausf. Berichts zu dieser Tagung und den von ihr behandelten Fragen noch besonders Stellung zu nehmen. D. Red. Vom 15. bis zum 17. März 1925 fand bei starker Beteiligung aus allen Teilen Bayerns eine Tagung der Körperschaften des Verbandes Bayerischer Israelischer Gemeinden, der öffentlich-rechtlichen Vertretung der Kultusgemeinden des Landes, in W ii r z b u r g statt.