Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 13 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Das Jüdische Echo Nr. 13 besser?“ fragt der Redner. ..Kehre jeder vor seiner Türe!“ Judenschicksal ist Wanderschicksal und den zur Auswanderung getriebenen Juden müsse die jüdische Gemeinde weit die Arme ö f f - n e n. Gerade die Münchener Juden hätten allen Grund eihgedenk zu sein, daß das, was heute Schicksal des in den slawischen Ländern wohnenden Juden sei, morgen zum Schicksal westeuropäischer Juden werden könne. Die Aufgaben der jüdischen Gemeinden sind überall die gleichen: Erhaltung jüdischer Art und Sitte sei die Grundsäule. Der Redner behandelt dann einige der wichtigsten jüdischen Gemeindeprobleme. Zunächst die Frage der jüdischen Schule. Er erklärt sich als ein unbedingter Anhänger der jüdischen Schule. Auch vom Standpunkt eines rein religiösen Judentums aus müßte für Vertiefung religiöser Jugendeindrücke gesorgt werden. Es gebe eine jüdische Weltanschauung, die in nicht jüdischen Schulen nicht gepflegt werden könne. Der Redner gibt einige charakteristische Beispiele aus dem Unterricht der Geschichte, die zeigen, wie ein nach jüdischen Gesichtspunkten erteilter Unterricht der Weltgeschichte nottue. Der Redner charakterisiert den zweistündigen jüdischen Religionsunterricht durchaus ungenügend. Er fordert die Pflege der hebräischen Sprache, das einigende Band der Gesamtjudenheit und polemisiert scharf gegen die das Hebräische aus dem Gottesdienst mehr und mehr ausschaltenden R e - f o r in g e, m e i n d e n. Zugleich verlangt er bei der Erlernung der hebräischen Sprache in Schule und Haus eine menschliche Methode. Die unsagbar primitive Methode, die heute noch vielerorts angewandt werde, schrecke die lernende Jugend ab. Der Redner verlangt moderne Methoden und zugleich Übung im Hebräisch- Sprechen. Auch in der Sozialpolitik und Wohlfahrtsarbeit müsse immer mehr der Grundgedanke der alljüdischen Solidarität Geltung bekommen. Gerade der letzte Krieg und seine Folgen habe gezeigt, daß auch Teile des jüdischen Volkes, wie etwa die deutschen Juden, die bisher nicht die Hilfe des ausländischen Judentums in Anspruch genommen hatten, diese Hilfe zur Erhala». Nestor Gianaclis Cigaretten tung ihrer wissenschaftlichen, pädagogischen und philanthropischen Institute bitter benötigten. Wer aber sind die amerikanischen Juden, die solche Hilfe geleistet haben? Wer steht hinter den Geldern des „Joint“? Diese amerikanischen Juden sind zum. allergrößten Teil ehemalige „Ostjuden“! Das ist auch ein Beitrag zum Problem der Ostjudenfrage in Deutschland! Das deutsche Judentum hat sich diese Hilfe seiner ostjüdischen Brüder Amerikas sehr dankbar gefallen lassen. Engherzigkeit und Ängstlichkeit sind die größten Hindernisse einer wirksamen Zusammenfassung aller Kräfte. Eines der wichtigsten Wohlfahrtsprobleme sei die Frage der jüdischen Wände r u n g. Diesem Gebiet müsse die Gemeinde ihre größte Aufmerksamkeit schenken. Die jüdische Wanderungsfrage sei durch die Lage der Juden im heutigen Sowjet-Rußland wieder besonders aktuell geworden. Ein Zusammenschluß aller Wohlfahrtsorganisationen zu einer großzügigen Volkssozialpolitik sei unbedingt notwendig. Die aktive Teilnahme an dem in Gründung befindlichen a11w e111 ic h e n Verband für soziale Hilfe sei Pflicht jeder Gemeinde. Wenn auch die Wohlfahrtsarbeit der Münchener Gemeinde vorbildlich genannt werden könne, so sollte der Zusammenhang mit den gleichen Bestrebungen des allweltlichen Judentums noch stärker gepflegt werden. München habe schon einmal eine historische Chance, die Möglichkeit der Abhaltung des ersten Zionislenkongresses in München, vorübergehen lassen. Es möge nicht wiederum eine neue Chance in bezug auf den Anschluß an den allweltlichen Verband für soziale Hilfe versäumen. Zum Schluß ging der Redner noch auf die Pflicht der jüdischen Gemeinde ein, am Palästina- Aufbau wirksam mitzuhelfen. Die Pforten der Vereinigten Staaten sind geschlossen. In den südamerikanischen Staaten stößt die Einwanderung bereits auf die größten Schwierigkeiten. Die Bedeutung Palästinas als Einwanderungsland sei dadurch stark gestiegen. Allmonatlich wandern jetzt mehr als zweitausend Seelen ein. Mit Palästina müsse die Judenheit der gesamten Welt den Begriff des Teuersten und Heiligsten verbinden. Das Anhänglichkeitsgefühl zu diesem Lande müsse mit allen Mitteln gestärkt und gefestigt werden. Nicht jeder könne nach Palästina übersiedeln, aber jeden müßte seine nächste große Reise dorthin führen. Die Beteiligung am Keren-Hajessod müßte Ehrenpflicht jeder jüdischen Gemeinde sein. Jeder jüdische Vater müßte es als seinen größten Stolz erachten, seinen studierenden Sohn auf wenigstens e i n Jahr in die neu eröffnete hebräische Universität auf dem Skopusberg zu schicken, um so die jüdische Jugend in ihren besten Jahren mit dem jüdischen Lande und der hebräischen Sprache zu verknüpfen. Das Galuth-Judentum leidet an geistiger Unfruchtbarkeit, es fehlt die schöpferische Genialität. Nur Palästina wird den jüdischen Genius wiederbeleben und aus einem Volk von Krämern wieder ein freies, großes und edles Volk erstehen lassen. Minutenlanger, nicht enden wollender Beifall dankte dem Redner für seine herzerhebende Ansprache. Man sah es auf den Gesichtern der Zuhörer, daß alle von den Worten des Redners tief ergriffen waren. Ein kurzes Schlußwort des Vorsitzenden, das dem Redner den innigsten Dank und zugleich die Hoffnung aussprach, daß seine W’orte auf fruchtbaren Boden gefallen sein mögen, schloß die Versammlung, die die seit langem wirksamste zionistische Veranstaltung Münchens war.