Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 12 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- Seite 206 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Das Jüdische Echo Nr. 12 Wenn das, was. ich sage, wahr ist — und ich glaube es und bin überzeugt, daß die Juden Frankreichs es immer klarer fühlen —, so ist wahrhaftig für sie der Augenblick da, den Platz und die Rolle im zionistischen Aufbauwerk einzunehmen, der ihnen geziemt. Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich ist gewiß nicht sehr zahlreich, aber sie ist alteingesessen, sie ist mächtig durch individuellen oder sozialen Wert vieler von den Männern, aus denen sie sich zusammensetzt. Sie könnte in diesem Werk eine Rolle spielen, nicht nur eine nützliche, sondern sogar wesentliche. Diejenigen, die das zionistische Werk leiten, wissen, wie sehr manchmal die Abwesenheit der französischen Juden oder die ungenügende Art ihrer Mitarbeit ihre Aufgabe beeinträchtigt und gefährdet hat. An sie richte ich meinen Appell. Ich habe keine große Berechtigung es zu tun, das weiß ich; ich habe nur jene Berechtigung, daß ich ein Jude bin, der geradezu nie — ich erkläre es offen — in seinem Leben, welche Erschwerungen er auch immer auszuhalten hatte, den Antisemitismus an sich gespürt hat, der ihn aber nicht zu fühlen bekam, weil es ihm nie auch noch so flüchtig in den Sinn gekommen ist, darauf Rücksicht zu nehmen, daß es Antisemitismus gibt, weil er niemals begriffen hat, daß man, wenn man Jude ist, etwas anderes sein könne, als ein Jude, der sich freimütig und mit lauter Stimme zu seiner Rasse, seiner Familienabstammung und seiner Religion bekennt. Wenn solche Gefühle, wie ich hoffe, die Juden Frankreichs anfeuern, so werden wir dem zionistischen Werk die Mitwirkung bringen, deren es bedarf. Das wird den Zionisten, glaube ich, ein Kraftzuwachs und eine Aussicht mehr auf Erfolg sein; und für uns wird es eine Ehre sein, wie es eine Pflicht ist. Lektion für Juden Aus einer Rede von Andre 'Spire. Andre Spire, einer der markantesten und berühmtesten jüdischen Schriftsteller dieser Generation wendet sich an die französischen Juden mit Argumenten, die wir getrost auf gewisse Kreise deutscher Judenheit übertragen können. Wir veröffentlichen aus einem in der Halbmonatsschrift „L’A u - rore“ erschienenen Aufsatz den folgenden Passus: Wenn man von diesen selben französischen Juden, die nicht zögern, für ein vergebliches Werk viele und große Almosen zu geben, verlangt, daß sie zu einem begrenzten, aber ganz gewiß wirksamen Werke, um die besten Elemente, die tapfersten und tätigsten Juden Osteuropas zu retten, beitragen, wenn man von ihnen einen Beitrag zu jenem Keren Kajemeth verlangt, der dazu bestimmt ist, den verwüsteten Boden Palästinas zurückzukaufen, und stolzen, energischen und mutigen Juden zu erlauben, ihn zu sanieren und mit Wäldern, Ernten und Herden zu bedecken, zögern sie, sträuben sie sich, ziehen sie sich zurück. Sie fürchten, daß ihre Mitarbeit am Wiederaufbau eines jüdischen Heimatlandes für die Gruppen der verfolgten Juden ihre Lage als französische Juden erschüttern werde und daß, sobald es in einem Winkel der Welt ein jüdisches Land geben f Gedenket der hunoernden Vögel f wird, ihre französischen Mitbürger ihnen sagen werden: „Euer Vaterland ist nicht hier, sondern dort unten in Jerusalem“. Sie mögen sich beruhigen. Ihre Antwort ist leicht. Einmal angenommen, daß durch ein sonderbares Mißverständnis über das, was sie dem französischen Vaterlande schuldig sind, welches ihnen als erstes Freiheit und Gleichheit gegeben hat, die französischen Juden daran denken sollten, in Palästina einzuwandern, könnte Palästina sie ebensowenig aufnehmen, wie es die Juden jener großen Länder aufnehmen könnte, die, wie Amerika und England, ihnen nach französischem Beispiel Bürgers rechte gegeben haben. Es gibt 14 Millionen Juden in der Welt und Palästina kann selbst in den Perioden, wo die Arbeitsbedingungen die günstigsten sind, nicht mehr als 2500 Juden im Monat aufnehmen, also 30 000 im Jahre, und wenn die jüdische Arbeit Palästina wieder aufgebaut haben wird, ist es unwahrscheinlich, abgesehen von einem Wunder, wie etwa der Entdeckung von Goldfeldern, Petroleumquellen, Eisenerzen oder von Steinkohle, daß mehr als 5 Millionen Menschen darin leben können. Damit ist also ein allzu leicht wiegender polemischer Einwurf abgewendet und übrigens wird die Tatsache, daß es an einer Stelle der Welt ein von Juden auf gebautes Land gibt, sicherlich nicht verfehlen, die Begriffe zu verändern, die die Durchschnittsmeinung sich immer noch von Juden macht. Wenn man dem Ghetto- Juden, der schwächlich, degeneriert, ängstlich und in Geschäften allzu geschickt ist, die Gestalt des ackerbauenden Juden wird gegenüberstellen können, der groß, schön und fähig sein wird, seine Rechte nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit der Kraft seiner Fäuste wahrzunehmen, wird man dem Antisemitismus mehr als ein Argument entziehen. Die französischen Juden können also von nun an nicht mehr zögern, sich jener großen zionistischen Bewegung anzuschließen, die von ihnen verlangt, nicht etwa Bürger Palästinas zu werden, sondern ihre Hilfe zur Regeneration jenes alten historischen Landes zu leihen, wo ihre Ahnen dasselbe große Ideal von Gerechtigkeit und menschlicher Verbesserung des Schicksals der Bedrückten verkündet haben, welches das moralische Erbteil des Frankreichs der Revolution geworden ist. Nestor Gianadis Cigaretten