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Das jüdische Echo · 1925-03-20 · 12 (20.3.1925) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
12 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 12_ 20. März 12 Jahrgang Die Juden und der Zionismus Aus einer Rede von Leon B 1 u in. Leon Blum ist eine der stärksten Persönlichkeiten des französischen Sozialismus, einer der führenden Männer der französischen Demokratie. Um zu zeigen, in welch unerschrockenem Ton dieser an sichtbarer Stelle stehende Jude zu seinen jüdischen Mitbürgern spricht, geben wir aus seiner letzten großen Rede einen Auszug, den unsere deutschen Leser sehr leicht auf deutsche Verhältnisse übertragen können. Zugleich werden sie sehen, wie stark das Erwachen des jüdischen Selbstgefühls in Frankreich wirkt. Ein besonderer Vorzug unserer Rasse ist der Sinn für die Realität. Der Jude erkennt im allgemeinen vollendete Tatsachen und findet sich mit ihnen ab; er betrachtet sie als notwendige Bedingungen für sein Denken und Tun. Heute haben wir uns nicht mehr zu fragen, ob man recht hatte oder nicht, Zionist zu sein, heute wo Zion existiert. Wir haben uns nicht mehr zu fragen, ob es recht oder unrecht wTar, eine solche Bewegung zu verbreiten und zu ermutigen, da diese Bewegung ein lebendiges Werk, eine wahrhafte Schöpfung zustände gebracht hat, und da es nicht von uns abhängt, ob sie besteht oder nicht, nicht einmal von Juden, die sie herabsetzen möchten. Sie ist — und da sie nun ist, wollt ihr, daß sie dauere? Glaubt ihr, daß es zu eurem Vorteil als Juden wäre, daß sie verschwinde und glaubt ihr, ihr Juden Frankreichs, daß es zu eurem Nutzen wäre, wenn Frankreich bei diesem Werk abseits stünde — und es wird dabei fehlen, wenn die französischen Juden dabei fehlen. Was für ein Interesse, ein eigentliches, ein egoistisches Interesse hat nun die französische Nation an all diesem? Das Interesse, an diesem Werk mitzuwirken, auf daß in die Gestaltung dieses Werkes der französische Geist, der französische Einfluß richtunggebend mit hineinspiele. In einigen Wochen wird eine Universität in Jerusalem eröffnet werden. Ist es für Frankreich von Vorteil, w enn auf dieser Universität, in der jüdischen Kultur, bei dem Staate Zion der französische Gedanke, die französische Wissenschaft, die französische Kunst abwesend ist? Ich glaube nicht. Ich glaube, daß das Interesse Frankreichs, dessen Vertreter in diesem Falle die französischen Juden sind, bei all diesen Werken den Platz einzunehmen verlangt, der ihm gebührt und der, wie ihr wißt, nicht der letzte ist. Kein Mensch kann sagen, daß es bei dem allen Gegensätzlichkeiten zwischen den nationalen und den jüdischen Interessen geben wird. Sie gehen zusammen, sie stimmen vollkommen überein, genau so vollkommen, wie in unserem eigenen Bewußtsein die Liebe zum Vaterlande und die Treue zum jüdischen Gedanken beieinander herrschen können. Und da ich mit Ihnen in freiem familiären Ton spreche, dem einzigen, den wir untereinander anwenden können, möchte ich noch etwas hinzufügen. Das Gefühl, das soviel französische Juden daran hindert, sich dem Zionismus zu gesellen — zu dem, ich bin dessen sicher, wenn sie sich einfach gehen ließen, ein natürlicher Instinkt sie bringen würde — denn es ist einem Juden natürlich, sich zu einem jüdischen Werk hingezogen zu fühlen — dies ängstliche egoistische Gefühl, das sie daran hindert, diese Furcht, dem Antisemitismus in Frankreich Nahrung zu geben, dies Gefühl ist nicht richtig. Dieses Argument ist nicht wahr. So bekämpft man den Antisemitismus nicht. Ich will ihnen darüber frei meine Meinung sagen: Durch den Gang der Ereignisse weiß ich ein wenig, was der Antisemitismus in Frankreich ist. Ich bin nicht mehr jung, ich habe wahrhaft fürchterliche antisemitische Krisen gesehen, dem Maßstab entsprechend, hach welchem sie in diesem Lande Vorkommen. Ich habe hier während der Zeit des „Französischen Vaterlandes“ gelebt, während der schlimmsten Zeiten des Nationalismus. Der Antisemitismus in Frankreich ist nicht, wie in anderen Ländern, entstanden, wo die jüdische Bevölkerung unendlich dichter ist, ist nicht — das ist meine Überzeugung — aus sozialen Ursachen, aus ökonomischen Gründen heraus entstanden. Er ist aus Gründen ganz anderer Ordnung entstanden. Er ist aus Gründen geboren, die ich, so leichthin der Ausdruck klingen möge, mondäne Gründe nennen möchte. Der Antisemitismus ist entstanden aus gewissen Bestrebungen derjenigen Juden, die seit alters her in Frankreich angesiedelt sind, der reichen und alteingesessenen Juden, in gewisser Hinsicht in den höheren Schichten der Gesellschaft — er bildete sich aus ihrem Drange, in nichtjüdische Kreise der Gesellschaft und der vornehmen Well einzudringen, er ist, um abzuschließen, aus den manchmal taktlosen und eitlen Bemühungen geboren, die sie dabei zeigten. Er ist aus ihrer Art, ihr Vermögen auszustellen oder ihre Herkunft zu verbergen, entstanden. Er ist aus Gründen wie diese entstanden, die bei einem empfindlichen Volke, das einen feinen Sinn für Nüancen, tiefes Taktgefühl und einen ausgesprochenen Sinn für Anstand hat, Ärgernis erregen mußten. Und so kam man dazu, der Rasse zuzuschreiben und als Grundfehler und Allgemeinlaster der Rasse anzusehen, was nur Lästigkeiten und zwar manchmal etwas stark aufgetragene, von gewissen Einzelnen war. Ich glaube, daß das die wahre Wurzel des Antisemitismus dieses Landes gewesen ist. Der Antisemitismus in Frankreich ist entstanden, nicht weil man zu sehr zeigte, daß man Jude war, sondern weil man es manchmal zu sehr vertuschen wollte. Was mich betrifft, so habe ich niemals feststellen können — ganz im Gegenteil —, daß man Antisemitismus verursachte, weil man sich zu seiner Religion und seiner Rasse frei bekannte, wie man es immer tun sollte und wüe wür Juden das Recht haben zu tun, nämlich mit Stolz. Vielmehr hal man weit eher durch den Mangel an Stolz und manchmal an Würde den Antisemitismus in Frankreich geschaffen, als im Gegenteil durch eine zu mutige, offene und freimütige Art, das zu bejahen, was man wrar und offen Anteil sowohl an den Ge danken als an den Werken zu nehmen, zu denen uns dieses jüdische Gefühl anfeuert.

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