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Das jüdische Echo · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · p. Seite 176

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
Seite 176 (sequence 12)
Language
German
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176 Das Jüdische Echo Nr. 11 wohl deshalb nicht den Mut, mich Brewers kaltem gleichgültigen Lächeln auszusetzen. Ich schrieb ihm einen Brief — einen Brief, dessen tiefer Ernst und leidenschaftliche Wahrheitsliebe seinem wohlgeordneten und fein ausgeklügelten System einen harten Schlag hätten versetzen müssen. Ich sprach ernst iber ernste Dinge, nicht scherzhaft, wie man es muß, wenn man ein Neu-England-Gentleman sein will. Ich sprach von Not und Streben und Gerechtigkeit. Seine Antwort liegt vor mir und ich wiederhole wörtlich den Inhalt dieses so kalt und glatt abgefaßten Dokumentes: „Es ist sehr verständig von Ihnen, daß Sie sich gerade jetzt so sorgfältig mit den Plänen für Ihre Zukunft beschäftigen, aber ich glaube durchaus nicht an die Weisheit Ihres Schemas. Eine noch frische Erfahrung beweist mir, wie unbeschreiblich schwierig es für einen Mann jüdischer Abstammung ist, eine Unversitätsstellung zu erhalten. — Ich vermutete schon immer, daß man dieser Tatsache etwa Rechnung tragen müsse, wußte aber nicht, welch ausschlaggebende Rolle sie spielt. Wir würden gerne alles für Sie tun, was wir tun können, aber ich muß Ihnen doch sagen, daß die Aussichten für Sie keine günstigen sind.“ Ich saß in meiner armseligen Stube und blickte gedankenlos auf den Brief. Alle Empfindung war in mir erloschen. Ein Sonnenstrahl fiel auf das Bild meiner Eltern, das auf dem Kaminsims stand. Ich sah, daß es sehr staubig war, stand auf und wischte sorgfältig den Staub ab. Allmählich überkam mich ein Gefühl von Angst, Verlorenheit. Ich nahm meinen Hut, verließ das Haus, ging die Amsterdam Avenue hinauf, immer weiter und weiter bis nach High Bridge. Und dann stand ich auf der Brücke und beobachtete die kleinen flinken Tandems tief unten auf der Fahrstraße und die Ruderboote, die auf dem Harlem River dahinglitten. Meine Seele war erstarrt. Regungslos beobachtete ich das Leben, das traumhaft an mir vorüberflutete... Ich aß nichts; erst abends suchte ich ein Speisehaus auf und als ich zufällig in einen Spiegel blickte, sah ich in stumpfer Sachlichkeit mein dunkles Haar, meine schwermütigen Augen, meine unverkennbar semitische Nase ... Ein Ausgestoßener... Ein Wort, das ich bis heute nicht wieder vergessen und stets wieder angewandt habe, fiel mir in diesem Augenblick ein: Solange es Rassenunterschiede gibt, solange gibt es Verbannte. Und zum ersten Male in meinem Leben gedachte ich ganz erfüllt von Trauer und' Mitleid meiner Brüder, die über den Erdball zerstreut in der Verbannung leben. Die ältesten jüdischen Geographen Der schwedische Forschungsreisende und gelehrte Geograph Sven Hedin, dessen 60. Geburtstag die ganze wissenschaftliche Welt feiert, zitiert in seinem Werke „Jerusale m“ mehrfach einen berühmten jüdischen Vorgänger Benjamin von T u d e 1 a , den bekanntesten jüdischen Geographen des Mittelalters. Benjamin von Tudela ist der erste Vertreter der geographischen Wissenschaft im Judentum. Er wurde durch seine Reise nach Palästina, Mesopotamien, Persien und Ägypten be< rühmt, auf Grund deren er die Geographie um zahlreiche nicht oder nicht mehr gekannte Tatsachen bereicherte. Seine Reise trat er im Jahre 1160 von Saragossa aus an, durchwanderte das südliche Frankreich, Italien, Griechenland, Cypern, Cilicien, Palästina, Mesopotamien, das Kalifat und Persien. Hier trat er über das Indisch-Arabische Meer und die Küstenstädte von Yemen die Rückreise nach Ägypten an, von wo er über Sizilien in die Heimat zurückkehrte. Dies geschah 1173, in welchem Jahre er auch gestorben sein soll. Wir müssen die Energie, die Ausdauer und den Unternehmungsgeist dieses Mannes bewundern, zu einer Zeit, wo das Reisen in so weite Ländergebiete besonders für einen Juden mit großen Beschwerden und Hindernissen verbunden war. Das beweist auch, daß Benjamin vieler Sprachen kundig gewesen sein muß. Der Zweck seiner Reisen mag ein zweifacher gewesen sein, teils Handelsverbindungen anzuknüpfen, teils aber, und das wird wohl der Hauptgrund seiner Bemühungen gewesen sein, die Lage seiner entfernten Glaubensbrüder genauer kennen zu lernen. Seine Erlebnisse beschrieb er in einem Reisewerk (Massaoth schel R. Benjamin), das, wenn auch nicht frei von Fabeln, sehr geschätzt und in mehreren Sprachen übersetzt wurde. Unzweifelhaft ist dieses Werk ein schätzenswerter Beitrag zur Länderkunde jener Zeit, für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden und die Kenntnis der Verhältnisse zahlreicher jüdischer Gemeinden des südlichen Europa und des Orients ist es von großer Wichtigkeit. Der zweite Geograph des jüdischen Mittelalters ist der auch im 12. Jahrhundert lebende P e - thachja aus Regenshurg, ein Freund des R. Jehuda Hechassid (1150), der eigentlich aus Prag stammte und von Regenshurg aus (daher sein Name) zwischen 1175 und 1185 eine weite Wanderung durch Osteuropa und Vorderasien unternahm und über Griechenland nach Böhmen zurückkehrte. In Regensburg wurden seine Reisenotizen von dem genannten „Juda dem Frommen“ aufgezeichnet. Die Beschreibung seiner Reise ist, wenn man manches im Stile damaliger Reisenden geschriebene Abenteuerliche abzieht, gleichfalls wie die des R. Benjamin für die Kenntnis der Geschichte der Juden in Arabien und Persien von größter Bedeutung. In den Bildern aus der jüdischen Vergangenheit von Prof. Dr. A. Sulzbach (Frankfurt a. M.) ist ein Teil der Reisenotizen zum Abdrucke gebracht. („Wiener Morgenzeitung“.) Ein neuer jüdischer Roman Felix A. Theilhaber: Dein Reich komme! *) Felix A. Theilhaber ist uns nach seinem Buche „Der Untergang der deutschen Juden“ kein Fremder mehr. Um so interessanter ist die Tatsache, daß er nach einer Reihe von volkswirtschaftlichen und apologethischen Schriften zum ersten Male mit einem historischen — er selbst nennt ihn chiliastischen —■ Roman hervortritt. Nach den ersten Zeilendie man in diesem Buche liest, hat man bereits den wohltuenden Eindruck, daß man es mit einem gewissenhaften Geschichtskenner zu tun hat, der überdies die Gabe besitzt, den oft harten, nur schwer zu formenden Stoff, mit großer Gewandtheit zu gestalten, ihn umzukneten und — im belletristischen Sinne — genießbar zu machen. Das ist Theilhaber gelungen. Beweis: Eine wunderbare Spannung, mit der man die bunten Geschehnisse dieses Buches verfolgt. Die Handlung versetzt uns in das zu Ausgang des Mittelalters aufblühende und lebendige Amsterdam. Wie von einer Warte aus führt Theilhaber den Leser in die europäische Situation jener Zeit ein. Mit großer Kunst schildert er jenen Zwitterzustand, der zwischen der mehr *) Verlag G. A. Schwetschke u. Sohn, Berlin.

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