Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- Seite 175 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das Jüdische Echo 175 Feuilleton Erstes jüdisches Erlebnis Aus einem der besten Bücher, die in der letzten Zeit von Juden geschrieben worden sind, nämlich aus Ludwig Lewis o h n’s amerikanischer Chronik „Gegen den Strom“ bringen wir eine charakteristische Stelle, die den amerikanischen Antisemitismus, den typischen Antisemitismus innerhalb einer Demokratie, auf meisterhafte Weise zur Anschauung bringt. Die verschiedenen Erlebnisse, die ich hier kurz wiedergegeben habe, erstrecken sich über einen Zeitraum von über zwei Jahren. Am Schlüsse des ersten Jahres bestand ich vorschriftsmäßig mein Examen und nun bewarb ich mich um ein „Fellowship“. Meine Kommilitonen nahmen meine Wahl als selbstverständlich an, nachdem Ellard seine Studien für den Doktorgrad beendet hatte und nun dadurch eine Vakanz eintrat. Mein Gott, ich erwähne das nicht aus Eitelkeit, sondern weil dies Geschehnis auch ein Licht auf die Ereignisse wirft. Die Fakultät wählte meinen Freund G. Mit schwerem Herzen ging ich zu Professor Brewer, nicht etwa um irgend welche Ansprüche geltend zu machen, sondern weil ich mit meinem Latein zu Ende war. Der Gedanke, noch ein weiteres Jahr wie bisher unterrichten und von der Hand in den Mund leben zu müssen, ohne anständige Kleidung, ohne Bücher, jagte mir Entsetzen ein. Brewer lehnte sich, die Pfeife in der Hand, mit einem kühlen freundlichen Lächeln in seinen 'Stuhl zurück. „Wir Kamen zu der Ansicht, daß Ihre Studien noch nicht abgeschlossen sind“, sagte er zögernd und deutete vorsichtig an, daß ich die Erwartungen, die man in mich gesetzt, getäuscht hätte. Ganz leise ließ er durchblicken, daß man diese Enttäuschung bedauere. Ich erwiderte, daß ich trotz dem Kampfe ums tägliche Brot alle Examina mit Auszeichnung bestanden und daß er sowohl wie Professor Brent über meine Seminararbeiten öffentlich ihre Zufriedenheit geäußert hätten. Er vermied es, mir eine direkte Antwort zu geben, mit der Erklärung, die Fakultät habe mich für ein Scholarship (Auszeichnung für begabte Studenten, die in dem Erlaß der Kollegiengelder besteht) im kommenden Jahr in Vorschlag gebracht. Die Wahrheit ist, wie ich glaube, daß Brewer, unbedeutend wie er war, einen sehr starken Klasseninstinkt der Selbsterhaltung hatte und in mir — obwohl ich selbst mir dessen noch nicht bewußt war — den unerbittlichen Feind gegen die Herrschsucht Neu-Englands über unser nationales Leben witterte. Ich ahnte wohl etwas von dieser Gegnerschaft, hatte aber keine Möglichkeit, eine offenere Erklärung zu erzwingen. Ich verbrachte die nächsten drei Monate zu Hause. Welch eine lange Zeit schienen damals drei Monate zu sein! Während dieser köstlichen Zeit vergaß ich all mein Leid, oder richtiger gesagt, ich verdrängte es mit Gewalt aus meinem Bewußtsein. Ich gestand mir selbst nicht einmal ein, daß es mich schmerzte, das Stipendium nicht erhalten zu haben. Übrigens schrieb mir Brewer einen Brief, in dem er in sehr freundlichen Worten sein Bedauern äußerte und mir Mut zusprach. Diese liebenswürdige Teilnahme war jedoch eine bewußte Unehrlichkeit allergröbster Art. Er wußte zu dieser Zeit genau dasselbe, was er zehn Monate später wußte und mir dann mitteilte. Aber Menschen seiner Art fürchten die rauhen Stürme, die den einsamen Gipfel umtoben, auf dem die Wahrheit tront; nur ganz allmählich nähern sie sich ihm mit zögernden Schritten. Der arme Brewer war sich all dessen vielleicht nicht einmal bewußt. Bei ihm wie bei allen seinesgleichen ist die Psyche bereits so vergiftet, daß die Grenzen zwischen wahr und unwahr ausgelöscht sind. In dem kritischen Zeitpunkt, den das zweite Jahr brachte, ging ich oft wie ein Traum umher. Ich faßte wieder neuen Mut, nachdem die Fakultät mir sogar eine Summe Geldes zur Zahlung der Kollegiengelder vorgestreckt hatte. Diese ungewöhnliche Güte rührte mich tief und ich bin überzeugt, daß Brent die Anregung dazu gegeben hatte. Aber Brewer versetzte mir bei dieser Gelegenheit den zweiten heimtückischen Stich, indem er dieses Entgegenkommen nicht verhinderte, denn — das muß ich hier ganz besonders betonen —■ er kannte, wie er mir später selber mitteilte, damals bereits die Gründe, die meiner Universitätslaufbahn ein jähes Ende bereiten sollten. Der Frühling kam und damit begann die Jagd nach Anstellungen unter den älteren Kandidaten. Meine Freunde wurden zu Konferenzen mit Brewer berufen. Mich rief man nicht. Meine Freunde sprachen über Stellen, die frei wurden, über Möglichkeiten, die sich hier und da boten. Es war nicht die Demütigung in all dem, die so bitter schmerzte; es war nicht die Angst um meiner selbst willen. Schließlich war ich erst zweiundzwanzig Jahre alt und legte keinen Wert auf materielle Dinge. Aber ich dachte an meine Eltern in Queenshavens glühender Sonne. Ich sah sie am Tage; ich sah sie am Abend, wie sie einsam bei ihrer Lampe saßen, schweigend von ihren Büchern aufsahen, immer in Gedanken an mich und meine Zukunft. Ich erinnerte mich an die stillen Vorbehalte meines Vaters gegen die amerikanische Demokratie. Ich erinnerte mich... Schließlich war ich ja doch noch jung und fand Nestor Gianadis Cigaretten