Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- Seite 169 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Das jüdische Echo 169 mit zwei vollständig verschiedene Grade von Zionismus geschaffen sind, deren jeder das Recht hat, als vollgültiger Abkömmling des Herzischen Zionismus zu gelten. Nur bedurfte es offenbar jener einzigartigen Konstellation, die wir heute in der jüdischen Situation erblicken, um diese Doppelheit zum Auseinanderklaffen zu bringen: Während Palästina das einzige für Juden geöffnete Einwanderungszentrum ist, drängt die ökonomische Entwicklung in Polen die jüdischen Industrie- und Handelskreise, Arbeiter und Arbeitgeber, zum Lande hinaus — wie Weizmann es in seiner jüngsten New Yorker Rede ausdrückte: ,,Dzika und Nalewki (Namen jüdischer Straßen) kommen jetzt nach Erez Israel“. Indes nun der Erziehungszionist darüber, und mit vollem Rechte, seine Besorgnis nicht verhehlt, weil er lieber nach gehöriger Vorbereitung die Kinder von Dzika und Nalewki drüben hätte, bleibt für den Baseler Programm=Zionisten trotz gewisser ablehnender Vorbehalte, die sich auf Bodenspekulation beziehen, das Gefühl im Vordergründe, die Begründung der jüdischen Heimstätte nun absolut gesichert zu sehen, weil sich die größte, ja die einzige staatengründende Göttin dieses zionistischen Gebildes angenommen hat, die Notwendigkeit, welche die Griechen Ananke nannten, worunter sie eine schicksalhafte Not verstanden. Gegen diese Gefahr der Überschwemmung des revolutionären Zionismus durch die Notlage des jüdischen Volkes gibt es nur ein Mittel, die unermüdliche Propaganda der erzieherischen Idee, d. h. die Ausdehnung der Zionistischen Organisation auf die palästinabereiten Massen. Es muß um Nalewka und Dzika in letzter Stunde noch zu fassen, die Erziehungsarbeit selbst an die erwachsenen Menschen mit größter Hartnäckigkeit herangetragen werden. Es muß kein Zweifel darüber gelassen werden, daß diejenigen recht haben, die aus Liebe zu den jüdischen Anlagen und Möglichkeiten an dem Anstoß nehmen, was im Galuth aus dem Juden geworden ist, und daß in der Lebensform eines freien Volkes Platz für große Gesinnung, Opferbereitschaft und eine gewisse menschliche Vornehmheit ist, die man sich unter dem Joch, der Szlachta und im Kampf um die täglichen Kopeken nicht hatte aneignen können. Vor allem aber muß über diese Punkte Klarheit bei denjenigen herrschen, die zu der Arbeit des Organisierens berufen sind, nämlich bei den Organisationszionisten, für die die Zugehörigkeit zur Zionistischen Organisation nur den Sinn eines ideellen Programms haben darf, wie es zur Zeit des Buber’schen Einflusses für jeden Zionisten zur Selbstverständlichkeit gehörte. In diesem Sinne werden Organisation und Propaganda aus bloßen Formen zu menschlichen Gehalten und Ideen A. Z. Die Berliner Repräsentanten« Versammlung gegen Naumann Die „Jüdische Rundschau“ berichtet: Die Sitzung vom 8. d. M. war fast ausschließlich Herrn Naumann und dem Verband nationaldeutscher Juden gewidmet. Das Thema hatte eine zahlreiche Zuhörerschaft angelockt, die auf der Tribüne dichtgedrängt der Verhandlungen harrte. Nach einem Nachruf für den verstorbenen Reichspräsidenten, der stehend angehört wurde, erledigte die Versammlung einige geschäftliche Angelegenheiten. Dann erhebt sich Dr. Klee, um die Anfrage der Volkspartei und der Konservativen wegen des Plakats des Herrn Dr. Naumann zu begründen. Dr. Klee verliest den Passus gegen die Regjerungszionisten, die Stelle gegen die skandalösen Zustände in der Gemeinde und den poetischen Spruch gegen den zionistischen Kinderfang. Der Redner beschäftigt sich dann näher mit dem Hinweis auf die „in der Berliner Gemeinde herrschenden skandalösen Zustände“. Was kann, fragt der volksparteiliche Führer, mit diesen skandalösen Zuständen gemeint sein, will Herr Naumann vielleicht damit die Lebhaftigkeit der Verhandlungen in der Repräsentantenversammlung charakterisieren, — aber das Maß unseres Temperaments ist ehrenvoll verglichen mit dem in den allgemeinen Landtagen oder im Reichstage. Die skandalösen Zustände müssen demnach von anderer Art sein und es bleibt uns nichts anderes übrig, als unter Skandal das zu verstehen, was die heutige Zeit mit diesem Wort verbindet, nämlich eine Korruption im materiellen Sinne. Nun mag man uns alles mögliche vorwetfen, aber Korruption wird auch Herr Naumann uns nicht vorwerfen wollen. Vielleicht soll mit dem Hinweis auf die Korruption der Wechsel im Finanzdezernat gemeint sein, der vor einigen Monaten sich als notwendig erwiesen hat. Wir als die Partei, die diesen Dingen seinerzeit völlig ferngestanden hat, können jedoch erklären^ daß bei diesem Wechsel Korruption nicht im entferntesten eine Rolle gespielt hat. Mit dem Wort Skandal verbindet man gemeinhin etwas Ehrenrühriges und da muß doch gesagt werden, daß es eine unerhörte Verantwortungslosigkeit bedeutet, ein Vergehen gegen die elementarste jüdische Würde, wenn jemand an die Anschlagsäule plakatieren läßt, daß in der Berliner Jüdischen Gemeinde skandalöse Zustände herrschen. Das Naumann-Plakat denunziert hervorragende Glaubensgenossen vor der breiten Öffentlichkeit, es erweckt den Anschein, daß in der Gemeinde Berlin Korruption und Skandal zu Hause sind. Der Gemeindevorstand, berufen, die Würde der Gemeinde zu wahren, hat die Pflicht, seine Stimme zu erheben, er hat auszusprechen, was ist und die Schädlinge beim rechten Namen zu nennen. (Beifall auf der Galerie.) Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr W o 1 f f, erhebt sich, um eine schriftlich formulierte farblose Erklärung abzugeben: Der Vorstand mißbilligt zwar, daß mit unzulässigen Mitteln gekämpft worden ist, er erachtet insbesondere Angriffe auf einzelne Personen durch öffentlichen Anschlag für unzulässig, ist jedoch nicht in der Lage, gegen den Gebrauch solcher Kampfmittel einzuschreiten. Das ist alles, was der Vorsitzende der Berliner Gemeinde in dieser Angelegenheit zu sagen hat. Die Leere dieser Erklärung erregt auf allen Seiten Erstaunen; auch der nächste Redner, Herr Stern, gibt für sich und seine Freunde der Mißbilligung über das Plakat entschiedenen Ausdruck. Herr Stern behauptet, daß die Liberalen den stellvertretenden Vorsitzenden des Naumann-Verbandes, Herrn Dr. Peiser, deswegen auf ihre Liste gesetzt haben, um die nationaldeutschen Juden von Sonderaktionen abzuhalten, daß aber Herr Naumann sich an die Abrede nicht gekehrt habe. Der Führer der Konservativen, Herr M. A. L o e b, findet kräftige Worte in der Verurteilung der nationaldeutschen Wahlagitation. Er kann es nicht verstehen, wie die Liberalen die Leute um Naumann für bündnisfähig halten konnten und wünscht, daß die liberale Fraktion den Naumann- Verband kräftiger und deutlicher abschütteln