Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 9 (27.2.1925)
- Date
- 1925-02-27
- Page
- Seite 138 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Das Jüdische Echo Nr 9 fallenden Traube, an ihrer Fruchtbarkeit, als wenn der Mensch ihre Erschaffung mitmachte. Das wecüselt mit der Fruchtbarkeit der Reben. Es war ein schlechtes Jahr und dieser Weinberg hatte viele Jahre hindurch unter Vernachlässigung gelitten, daher waren nicht nur kahle Stellen da, sondern es waren ganze Reihen von Reben, die nur wenige oder trockene Trauben trugen. Man war bekümmert. wie am Bett eines kranken Kindes oder man frohlockte aufs Neue, wenn man auf Reben traf, die schwer von Früchten waren. Nun stimmten die Arbeiter ein hebräisches Lied an. Geschmack und Geruch und Farbe und Klang; man arbeitete in einer Welt, die die Sinne berauschte, bis die Müdigkeit einen ernüchterte. Nun konnte ich meinen Wirt bewirten. Von 10—2 war Pause, und dann wurde wieder gearbeitet, bis Sonnenuntergang. Die Arbeiter brachten den Wasserkrug zurück, der sie überallhin begleitet hatte, nahmen ihr Mittagessen und ihre anderen Sachen aus der Hütte heraus und zerstreuten sich, um unter den Bäumen zu rasten. Einige gingen nach Hause. Ich breitete das Tuch auf dem Sand aus und servierte ein Mittagessen, an das ich jetzt mit traurigem Behagen denke. Werden Trauben oder Käse je wieder so gut schmecken? Redeten die alten Juden deshalb nicht von Schönheit, weil sie so innig mit ihr verbunden waren? Oder waren sie so streng in den Gesetzen und Entbehrungen, die sie sich auferlegten, wegen der sinnlichen Wärme und des Duftes von Luft und Licht und Finsternis in diesem hungrigen Land? Von allen Ländern ist dieses kleine Land der Paradoxe, der Extreme das sinnlichste und das strengste. Vor Sonnenuntergang stiegen wir nach dem Gutshaus hinab, um zu Abend zu essen. Während wir in der Vorhalle bei Tisch saßen, hatten wir einen Blick auf die Straße, die jetzt ungewöhnlich lebendig war. Ungefähr alle 10 Minuten rollte ein Wagen auf dem Weg zur Kelter vorbei, der mit Körben voll Trauben beladen war und von einem Araber gelenkt wurde. Vom Beginn der Mandelernte bis zum Ende der Weinlese sind tagsüber mehr Araber als Juden in und um Rechoboth. Tausende kommen von den benachbarten Dörfern zur Arbeit. Es ist eine bekannte Tatsache, daß 80—90 Prozent dieser Araber an Syphilis leiden und wahrscheinlich ebensoviele an Trachom, ln diesem Sommer wurde eine Keuchhusten-Epidemie von der Bezirkskinderschwester sofort bis zu einer Araberfamilie zurückverfolgt, die im Jemenitenviertel kampierte. Sie arbeiten in Gruppen zusammen mit jüdischen Kindern und Jünglingen. Wenn man zaghaft vorschlägt, daß jeder Araber, der zur Arbeit ins Dorf kommt, von einem Arzt untersucht werden und eine Zulassungskarte bekommen müßte, und daß dies schließlich ebenso wohltätig für die Araber wie für die Juden sein würde, wird man angeschaut, als wenn man die Sonne zurückdrehen oder den Hermon auf den Kopf stellen wollte. Unmöglich! — Wer könnte Tausende von Arabern untersuchen? Und wer könnte es erschwingen, 2 oder 3 sh täglich an jüdische Arbeiter zu zahlen, anstatt der Hälfte, die man an die Araber zahlt? Die Einwanderung mag warten, Krankheiten mögen sich ausbreiten, aber das Schicksal ist nicht zu ändern. Hunger tut weh — die Entschuldigung ist richtig. — Nur die neuere Form der genossenschaftlichen jüdischen Arbeit kann mit dem Problem fertig werden. Macht uns die Weichheit, die Lieblichkeit der Landschaft, die Liebe zum Lande zu geduldig? Der schlecht bezahlte und oft hungrige jüdische Arbeiter singt, während er die Trauben schneidet, und hebt seinen Kopf, um den leichten Abendwind zu spüren. An einigen Abenden ließ ich Batya und die Chaluzah nach Hause vorausgehen, während ich bis zum Ende des Arbeitstags blieb und mein Abendessen in der Hütte einnahm. Einmal brachte ich eine halbe Stunde in völliger Finsternis allein auf der Leiter sitzend zu, während mein Wirt und ein paar Arbeiter gerade außerhalb der Hörweite Trauben auf einen Wagen häuften. Ich beksme, daß es mich angenehm gruselte. Ein Rudel Schakale begann zu heulen — „wie jubelnde Schuljungen“ sagt mein Wirt. — Und ihr Geheul kam näher und näher, bis es schien, als wenn sie in dem Tal gerade unter meinen Füßen einen Kongreß abhielten. Die Eukalyptusblätter rauschten. Ich wurde eines freundlichen, wohlbekannten Sterns ansichtig und fühlte mich zu Hause in der Hütte, wo der Wächter seine Nächte verbringt. Wir zündeten ein Feuer zwischen den Steinen unter den Sternen an und machten echten türkischen Kaffee, süß und dick, um unser Käsebrot zu würzen. Einmal kochten wir sogar eine Gemüsesuppe und rösteten Kartoffeln. — Ein junger Mond gab uns Licht auf unseren Pfad und in der Hütte hing eine zerbrochene Laterne. Wir waren endgültig nach Hause zurückgekehrt, als ich noch einmal zurückkam, um dem Ende der Weinlese beizuwohnen. Bei Sonnenuntergang kamen wir zu dem letzten Rebenstück mit purpurnen Trauben. — Es war fraglich, ob wir an diesem Tage fertig werden konnten. Schon war die Sonne hinter den letzten Reben untergegangen und ein tiefroter Schimmer verstärkte das Grün der Blätter, als mir das Vorrecht zuteil wurde, das letzte Büschel Trauben zu schneiden. Ein Gesang stieg auf, einer stimmte ein Freudenlied an. Dann tiefes Schweigen. — Fern und weit erstreckten sich die Reben, der Frucht entblößt, gefärbt vom Herbst und der untergehenden Sonne. . Morgen kommen die Nachleser, Männer, Frauen und Kinder aus dem Jemeniten-Viertel, gierig nach den Überbleibseln und ausschwärmend wie die großen schwarzen Ameisen um die Brosamen unseres Mittagessens. Nachlese der Nachlese! Ich weiß, daß mein Wirt rechnet: der Weinberg hat sich nicht bezahlt gemacht. Die Weinlese ist, abgesehen von ihrer Schönheit ein Mißerfolg gewesen. Nicht weil die Erde versagt hätte, sondern wegen der menschlichen Kurzsichtigkeit. Trauben in die Kelter, nicht in hungrige Münder! Ich weiß, daß manche Arbeiter sich denken: Die Lese ist vorbei. — Morgen haben wir noch zu essen. Und dann? Die Reben sind kahl. — Aber nächstes Jahr wird ein neuer Herbst kommen. Die Hoffnung verläßt uns nicht. — Ich staune ob dieser Arbeiter. Nach Jahren, wenn einmal die Sicherheit gekommen ist, wenn die Gefahr vorbei ist, werden die Menschen noch mehr staunen. Sie müssen Legenden erzählen von diesen Pionieren, wenn sie nur die Hälfte der Wahrheit erzählen wollen. Schönheit und Tragik, Freude und Hunger, Hoffnung und Trotz. Wenn aber nach langer Zeit der Schmerz der Tragödie verblaßt ist, dann wird ihre Schönheit immer noch in uns lebendig sein bis zum Ende der Tage. Jessie B. Sampster.