Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-02-20 · 8 (20.2.1925) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
8 (20.2.1925)
Date
1925-02-20
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9153775--06483-9079194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 8 Das Jüdische Echo 117 will ich Ihnen gern darauf Auskunft geben!“ „Das schallende Gelächter“, so berichtet ein Ohrenzeuge, „mit dem die tausendköpfige Versammlung dieses Verlegenheitsgestammel quittierte, zeigte wohl deutlich, wie man diese Auskunft beurteilte“. Übrigens erklärten die Liberalen, um die schädlichen Wirkungen dieses wahlpolitischen Mißgriffes auch nur einigermaßen zu paralysieren, noch in letzter Stunde die Behauptung, daß sie mit der Naumanngruppe eine Listenverbindung eingegangen seien, als Verleumdung! Mit welchem Recht freilich, das bleibt wohl ein unaufgeklärtes Geheimnis der liberalen Politiker. Als Tatsache steht jedenfalls fest, daß Naumann in seinem Wahlaufruf die liberale Liste empfahl, die zwar nicht alle seine Wünsche erfülle, die aber mehrere (!) führende Mitglieder des Verbandes national-deutscher Juden enthalte, „von denen erwartet werden kann, daß sie mit der Faust auf den Tisch schlagen, wenn Ostjudentum, Zionismus und starrköpfiges Alljudentum unser Deutschtum zu rauben oder zu verfälschen suchen“. Das Flugblatt, dem dieser letzte Satz entnommen ist, war vom national-deutschen Judenverband in vielen tausenden Exemplaren versandt worden und ist auch als Sondernummer des Mitteilungsblattes „Der national - deutsche Jude“ herausgekommen. Und nicht nur dies: am Tage vor der Wahl und am Wahltag selbst hat es noch als riesengroßes rotes Plakat an den Berliner Litfaßsäulen geprangt. In ihm werden die Zustände in der Berliner jüdischen Kultusgemeinde, in der bekanntlich eine überwiegende liberale Mehrheit vorhanden ist, als skandalös bezeichnet und ferner etwas von einem „zionistischen Kinderfan g“ gefaselt. Gemeint ist wohl dabei das der Naumanngruppe so in die Augen stechende Aufblühen der zionistischen und national-jüdischen Jugend- und Turnorganisationen in Deutschland Man kann sich aber denken, welche Vorstellungen mit diesem merkwürdigen Ausdruck bei den christlichen Mitbürgern erweckt wurden! Wie einem Berliner Journalisten zuverlässig berichtet wurde, faßten viele christliche Bürger diese beiden Worte so auf, als werde der „Kinderfang“ durch Zionisten zu verbrecherischen, dunklen, unsittlichen Zwecken betrieben. „Es wird“, so meint unser Gewährsmann, „also wohl nicht lange dauern, dann wird als neueste Variante ein zionistisches Ritualmordmärchen kolportiert werden.“ Denn bekanntlich haben ja die aus dem Beilisprozeß noch sattsam bekannten Begründungen der Ankläger darin gegipfelt, daß zwar die Juden als Gesamtheit von diesem Verbrechen freizusprechen seien, daß es hingegen eine gewisse jüdische Sekte gebe, der der Ritualmord erlaubt und geboten sei. Es gehört schon eine Instinktlosigkeit erstaunlicher Art dazu, sich mit dieser Gruppe politisch — wenn auch nur für eine kurze Wahlkampagne — zu liieren. Und wir können es uns nicht anders denken, als daß diese Verbindung auch in den Reihen der liberalen Juden die größten Bedenken erregt hat. Zugunsten der liberalen Partei nehmen wir an, daß sie selbst dieses Liebäugeln mit Naumann nachträglich als einen schweren Mißgriff erkannt hat, den sie bei späteren Gelegenheiten ähnlicher Art wohl kaum wiederholen wird. bedeutete für die Zukunft des deutschen Judentums geradezu eine Katastrophe, wenn es dieser anti-jüdischen Naumannpartei gelänge, auch nur eine verhältnismäßig unscheinbare Bresche in die Positionen des dentschen Judentums zu schlagen. Und nichts könnte umgekehrt den Glauben an die solidarische Einheit und den noch nicht gänzlich gebrochenen Willen des deutschen Judentums mehr bestärken, als eine unbedingte, kategorische Absage an Naumann und seine Adepten. * * sjs In einem „Volk s g e m e i n s c h a f t“ betitelten Leitartikel setzt sich Dr. Eugen Schmidt (München) in der Zentralvereins-Zeitung vom 13. Januar mit dem Zionismus auseinander. Der Verfasser bezeichnet zunächst die Palästinabewegung als eine „für den Idealisten so überaus erfreuliche Erscheinung, indem sie gezeigt hat, wie eine Idee, so ganz utopisch zunächst erscheinend, so ganz „weltfremd“, es doch vermocht hat, sich im Reiche der Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grade durchzusetzen, eine Leistung, die als bewundernswert neidlos anerkannt werden mu ß“. Wir verzeichnen mit Genugtuung diese anerkennende Äußerung eines Nichtzionisten im C.V.- Blatt und freuen uns, daß auch im gegnerischen Lager immer häufiger Stimmen laut werden, die die zionistische Leistung gerade der letzten Jahre rückhaltlos anerkennen. Dies umsomehr, als noch wenige Wochen vorher in derselben Zeitung der Zionismus wegen seines metaphysischen Charakters angegriffen wurde. (Ludwig Holländer hatte damals zwar anerkannt, daß „der j ü - dischnationale Gedankengang dem Zentralverein - Gedanken überlegen“ sei, „wenn man die Dinge vom Standpunkt der Mystik und Romantik ansieht, wenn man die Gefühlsmomente entscheiden läßt, wenn man das Wesentliche im Metaphysischen sieht“. Er fürchtet nur, daß „hier eines schönen Tages eine furchtbare Ernüchterung folgen wird“ und glaubt, nach dem Zusammenbruch des europäischen Nationalismus, dem auch der jüdische seine Entstehung verdanke, den Bestand des Judentums mit dem „Zentralvereinsgedanken“ sichern zu können.) Wir werden also kaum fehl gehen, wenn wir annehmen, daß die Vorbemerkung der Schriftleitung zu dem Schmidt’schen Artikel, sie könne sich nicht mit allen Punkten des Aufsatzes einverstanden erklären, hauptsächlich auf den angeführten Passus abzielt. Jedoch nicht dies ist es, das uns veranlaßt, auf den Aufsatz Schmidts näher einzugehen. Der Autor bezeichnet im weiteren den Zionismus als einen Versuch der Juden, aus einer Art Gewissensnot herauszukommen, in die sie die antisemitische Bewegung mit ihrer abstoßenden und zurücksetzenden GASTSTÄTTEN PREYSINe PALAIS Der vornehme Aufenthalt bei mässigsten Preisen Menu Mk. 3.— u. 4.— Tischbestellnng; Telelon 25 8 97 ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.