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Das jüdische Echo · 1925-02-13 · 7 (13.2.1925) · p. Seite 106

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
7 (13.2.1925)
Date
1925-02-13
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Das Jüdische Echo Nr. 7 Jlliü_ 11 Feuilleton 'in III! Mlllll Aus Uricl Äcostas Selbstbiographie (Dokumente eines Menschensehicksals) (Schluß) Eines wollte ich euch noch fragen, wenn ihr nun einmal solches Zeug ersinnt wegen der Schlechtigkeit der Menschen, um sie durch erdichtete Schrecknisse im Zaum zu halten, da sie auf andere Weise schlecht unterzukriegen sind, so kommt es euch doch wohl in den Sinn, daß ihr gleicherweise schlechte Menschen seid, die ihr nichts Gutes fertigbringen könnt, immer fort nur Böses zu tun, anderen zu schaden, gegen keinen Barmherzigkeit zu üben imstande seid? Ich sehe schon, wie ihr Wut schnaubt gegen mich, der ich solche Frage gewagt habe, und wie jeder von euch hitzig für die Gerechtigkeit seiner Handlungen eintritt. Keiner unter euch würde eingestehen, er sei nicht fromm, nicht barmherzig, nicht ein Freund der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Entweder sprecht ihr die Unwahrheit, wenn ihr solches über euch aussagt, oder ihr bringt falsche Klage vor gegen die Schlechtigkeit aller Menschen, die ihr mit euren Fratzen und erdichteten Schrecknissen heilen wollt, ihr lästert Gott, indem ihr ihn als den grausamsten Henker und fürcherlichen Peiniger den Augen der Menschen darstellt, ihr lästert die Menschen, indem ihr sie zu einem so beklagenswerten Elend geboren heißen wollt, als ob es noch nicht genug wäre mit dem, was einem jeden im Leben geschieht. Doch sei es, daß die Schlechtigkeit der Menschen groß ist, was ich euch selber zugebe, und wofür gerade ihr mir Zeugen seid, da ihr so ausnehmend boshaft seid, sonst würdet ihr nicht auf solche Erklärung verfallen sein, so sucht doch nach den wirksamsten Heilmitteln, die, ehe die Wunde größer wird, diese Krankheit aus allen Menschen heraustreiben, und legt die Fratzen ab, die nur über Kinder und Narren Gewalt haben. Wenn aber diese Krankheit bei den Menschen unheilbar ist, so laßt ab von der Lüge und versprecht nicht wie unfähige Arzte die Gesundheit, die ihr nicht gewähren könnt. Begnügt euch damit, unter euch vernünftige und gerechte Gesetze einzuhalten: die Guten zu belohnen, die Übeltäter angemessen zu bestrafen: befreit die Unterdrückten von den Tyrannen, auf daß sie nicht schreien, daß keine Gerechtigkeit auf Erden sei und daß niemand den Schwachen der Hand des Stärkeren entreiße. Sicherlich, wollten die Menschen der gesunden Vernunft folgen und gemäß der menschliche Natur leben, so würden alle einander lieben und beistehen. Jeder würde des anderen Unglück nach Kräften hindern oder wenigstens keiner den anderen mutwillig beleidigen. Was dagegen geschieht, geschieht gegen die menschliche Natur literarisches Echo ,,D ie politische Idee des Judentums*' von Hans K o h n. Verlag Meyer & Jessen, München, 1924. Die unvergänglichen Bausteine jüdischer Literatur haben den festen Grund abgegeben, auf dem Kohn sein Gebäude der politischen Idee des Judentums aufgebaut hat. Mit seltener Eindringlichkeit und Klarheit, in lebendiger Anschaulichkeit und formvoller Sprache, wie wir es von Hans Kohn aus seinen früheren Werken gewohnt sind, wird hier der Begriff Politik auf seinen sittlichen Ursprung zurückgeführt, wie er im Judentum immer und das kommt oft, weil die Menschen sich verschiedene Gesetze, die von der Natur abweichen, erfunden haben und einer den anderen durch böse Taten reizt. Viele stolzieren heuchlerisch daher, gebärden sich äußerst fromm und überlisten die Unklugen, indem sie unter dem Deckmantel der Religion so viele sie nur können zu fangen suchen; diese sind mit Recht einem nächtlichen Räuber zu vergleichen, der Schlaftrunkene und solche, die an nichts dergleichen denken, aus dem Hinterhalt anfällt. Im Munde haben sie gewöhnlich: Ich bin ein Jude, ich bin ein Christ, ich will dich nicht täuschen. O! ihr schlimmen Bestien: wer nichts davon sagt und sich nur als Mensch gibt, ist viel besser als ihr. Wollt ihr ihm als Mensch nicht glauben, so mögt ihr euch hüten; wer aber wird sich vor euch in Acht nehmen, die ihr, angetan mit dem täuschenden Mantel erlogener Heiligkeit, wie Räuber in der Nacht die harmlos Schlafenden durch die Türen anfallt und elend erwürgt? Über dieses unter vielem wundere ich mich und es ist auch wahrhaft bewundernswert, wie nur die Pharisäer unter de Christen so große Freiheit genießen, daß sie sogar Gerichtsbarkeit ausiiben: und ich darf der Wahrheit gemäß behaupten, daß, wenn Jesus von Nazareth, den die Christen so verehren, heute in Amsterdam predigte und es den Pharisäern beliebte, ihn wiederum zu geißeln, weil er ihre Tradition bekämpfte und ihrer IJebchelei entgegenträte, sie es frei tun könnten. Das ist sicherlich eine Schande und dürfte in einem freien Staate nicht geduldet werden, der die Menschen in Freiheit und Frieden zu schützen vorgibt und sie doch nicht vor der Unbill der Pharisäer schützt: und wenn er keinen Verteidiger oder Rächer hat, ist es nicht zu verwundern, wenn er sich selbst zu verteidigen und sich für erlittenes Unrecht zu rächen trachtet. Da habt ihr die wahre Geschichte meines Lebens und welche Rolle ich auf diesem so eitlen Welttheater in meinem so nichtigen und unsteten Leben gespielt habe, habe ich euch dargelegt. Jetzt urteilt gerecht, ihr Menschenkinder, und fällt den Spruch ohne Leidenschaft frei der Wahrheit entsprechend, denn das ist vor allem eines Mannes würdig, der wahrhaft ein Mann ist. Findet ihr aber etwas, das euch zum Mitleid hinreißt, so erkennt und beklagt das elende Los der Lenschen, dessen ja auch ihr teilhaft seid. Damit auch das nicht fehle, so lautet der Name, den ich in Portugal als Christ geführt habe, Gabriel Acosta, unter den Juden — o wäre ich niemals zu ihnen gegangen! — wurde ich mit geringer Veränderung Uriel genannt. * * * Wenige Tage nach Abfassung dieser Schrift endete Uriel Acosta sein Leben durch einen Pistoleschuß. lebendig war: die Beziehungen der Menschen untereinander und die Alltäglichkeiten des Lebens eines jeden Einzelnen s o zu regeln, daß sie bereits in dem Ablauf dieser Zeit auf das Endziel Gott gerichtet sind. Diese Einstellung erfordert von jedem Einzelnen zu allen Augenblicken die Entscheidung, die innere selbständige Entschließung. Sich zu entscheiden ist die Pflicht, die Last und der Adel des Menschen. Die korrumpierte Auffassung der Politik unserer Zeit erscheint unter dieser hohen Auffassung noch verzerrter und kurzsichtiger. Die alte Forderung der Propheten, der Künder der Wahrheit gegen die schlechten Tendenzen der Zeit, ist die Forderung von heute. Aber nicht von der weit-

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