Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Das Jüdische Echo Nr. 7 nicht ungerne sieht, nämlich wenn sich mit ihm, der zwischen Ost- und Westjuden, zwischen einheimischen und ausländischen Juden einen so reinlichen Trennungsstrich zieht, innerjüdische Parteigeschäfte machen lassen? Das Schweigen des Zentralvereins sowohl im ,,Tageblatt“ wie in seinem eigenen Organ erhöht jedenfalls nicht das Ansehen seiner Kampfmethode und es liegt die Vermutung nur zu nahe, daß dieser Artikel des „Berliner Tageblatt“ von den Wahlagitatoren des Zentralvereins als Hilfe im rechten Augenblick mit Genugtuung quittiert wurde. Denn wer ein rechtes Ohr für Unter- und Obertöne besitzt, kenn sich nicht des bestimmten Eindruckes erwehren, daß er bereits irgendwo in den Aufrufen der Zentralvereins-Partei derartiges vernommen habe. Diese Aufrufe und Artikel arbeiteten ja so gerne mit den spitzen Unterscheidungen zwischen Juden und zionistischen „Ausländern“, „Fremden“, deren „Einmischung“ in deutsch-jüdische Angelegenheiten als unberechtigt hingestellt wurde. Der Sprung von solchen Formulierungen in den Flugblättern der Zentralvereinspartei bis zu dieser offensichtlichen Denunziation im „Tageblatt“ führt keineswegs über Abgründe. Umsomehr setzt uns — angesichts dieser Tatsache — in Erstaunen, daß Herr Paul Nathan sich in der letzten Nummer der Zentralvereins- Blätter über die „häßliche Weise“ beklagt, mit der die jüdische Volkspartei die Grenzlinie des politischen Taktes überschritten habe. Wenn Herr Nathan dort meint, daß „auch Wahlkämpfe schließlich nicht ein Tummelplatz für demagogische Verzerrungen sein sollten“, so sind wir ganz seiner Meinung. Die Frage ist nur, wer in diesem Wahlkampf sich demagogischer Verzerrungen schuldig gemacht hat, wir oder unsere Gegner. Es ist eine alte Schwäche des Zentralvereins-Organes, seine Mitglieder glauben zu machen, daß alle Unanständigkeit, aller Fanatismus und Intransigenz lediglich auf der gegnerischen Seite zu finden sei, während man sich seihst in glorreichem Scheine das Zeugnis vornehmer Zurückhaltung, politischen Taktes und ruhiger Sachlichkeit auszustellen beliebt. Wer aber diesen Wahlkampf aufmerksam verfolgt hat, konnte sich überzeugen, daß die unruhige Nervosität, die groteske Übertreibung und die kleinliche Wühlarbeit, die sich ein paar lumpiger Stimmen wegen zur Unterminierung der ■ iS!SiiiSS!<SS sb::::::::!!!!!; Nestor Gianaclis Cigaretten jüdischen Solidarität hat hinreißen lassen, durchaus auf seiten unserer jüdisch-politischen Gegner zu finden war. Und wenn wir noch in der letzten Nummer des Zentralvereins-Blattes, also bereits n a c h dem Wahlkampf, lesen, daß „es der zionistischen Parteileitung trotz ihres besten Willens nicht gelungen ist, jugendliche Teile ostjüdischer Elemente im Zaum zu halten, die mit bolschewistischen Methoden und vielleicht in Rußland üblichen Formen einen Terror aufzurichten versuchten (Sperrung von uns), der jeder Beschreibung und jedem Anstand spottet“, so haben wir nur einen neuen Beweis zu all den alten, daß hier die verschämte Absicht vorherrscht, durch die Unterscheidung zwischen politisch einwandfreien und politisch anrüchigen Juden sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Nennt das Herr Nathan politischen Takt und Anstand? Und unterscheidet sich diese Kampfesmethode wesentlich von der der berüchtigten Nationalsozialisten? (Daß auch nicht die geringsten faktischen Angaben über die vom Zentralvereinsblatt als „traurig“ bezeichneten Wahlvorgänge gemacht werden, soll hier nur nebenbei erwähnt sein.) Während also der Abwehrverein noch nach dem Wahlkampf seine schädliche Agitation fortzusetzen für richtig hält, hat sich das Zentralorgan der deutschen Zionisten, die „Jüdische Rundschau“, noch als die Wogen des Kampfes hoch gingen, dafür ausgesprochen, daß „wir auch in den Zeiten des Wahlkampfes nicht vergessen wollen, daß dies nur eine Episode in unserem Leben ist und daß große positive Aufgaben im Mittelpunkt unseres Interesses und unserer Tätigkeit stehen“. Und weiter heißt es ebendort: „Wenn in diesen Blättern ein Kampf gegen den jüdischen Liberalismus geführt werden muß, so möchten wir doch nicht unterlassen, auch heute, während die Wogen des Kampfes uns noch umbranden, zu wiederholen, was in dieser Zeitung bereits mehrmals gesagt wurde: wir glauben, daß die liberale Idee im Judentum eine große historische Funktion erfüllt hat, indem sie die Schranken und die Enge des jüdischen Ghetto durchbrochen hat. Der jüdische Liberalismus war eine Zeit lang die Form des revolutionären Strebens innerhalb des Judentums und sein Ziel war eine Befreiung des Geistes und Gewissens. Die besten Führer des Liberalismus}, erstrebten zweifellos eine Wiedergeburt der religiösen Idee. Aber es wäre falsch, die Augen zu verschließen vor den Tatsachen. Durch die Vermählung mit dem politischen und wirtschaftlichen Liberalismus ist der jüdische Liberalismus herabgeglitten von seiner Höhe und war der Schild, hinter dem sich das jüdische Bürgertum in seiner Selbstzufriedenheit und Herzensträgheit niedergelassen hat. . . Völlige Gleichgültigkeit gegenüber allem Jüdischen war die Folge und der letzte Delegiertentag der Liberalen Vereinigung für Deutschland hat uns gezeigt, daß wir in der Beurteilung der verheerenden Wirkung dieses Indifferentismus gerade mit den besten liberalen Führern ühereinstimmen.“ Wir heben diese von einer höheren Warte aus gesprochenen Worte gerade deshalb besonders hervor, weil sie im Vergleich zu der Sprache des Zentralvereinsorganes den Unterschied verdeutlichen, der in der jüdischen Grundeinstellung und inneren Sicherheit beider Parteien liegt. Die zionistische Organisation hat selbst in der Stunde des wütenden Parteikampfes, ohne ihrer Selbstwürde und ihrem politischen Ideal etwas zu vergeben, die historische Bedeutung der gegnerischen Anschauungen tür die Entwicklung des deutschen Judentums anerkannt. Sie hat während, des ganzen Wahlkampies niemals versäumt, darauf hinzu-