Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 7 13. Februar 12 Jahrgang Nach der Wahlschlacht In Preußen Die Wahlschlacht ist geschlagen. Noch liegen nicht aus allen preußischen Provinzen die amtlichen Ergebnisse der Wahlen vor und vor 15. Februar ist nach den Vorschriften der Wahlordnung die Ausrechnung der Vertreter der Landeslisten nicht zu erwarten. Trotzdem ergeben die bisher bekannt gewordenen Einzelresultate bereits ein klares Bild des Gesamtausfalls der Wahl. Demnach werden die Liberalen im künftigen preußischen Gemeindeverband zwar voraussichtlich eine kleine Mehrheit haben, es wird ihnen aber eine sehr ansehnliche Minderheit von Zionisten, Konservativen und Orthodoxen gegenüberstehen. Nach Beurteilung der zionistischen und volksparteilichen Preßorgane im Wahlgebiet ist dieses Resultat für die jüdische Volkspartei äußerst günstig. Besonders glänzend ist nach den Meldungen der Wahlkampf in der preußischen Hauptstadt verlaufen, wo das Wahlergebnis für die Volkspartei über alles Erwarten gut ist. Von den 32 Sitzen, die die jüdische Volkspartei im preußischen Gemeindeverband voraussichtlich inne haben werden, entfällt allein die Hälfte auf Berlin. Auch in anderen preußischen Landesteilen zeitigten die Wahlen eine sehr überraschende Wendung zugunsten der national jüdischen Sache. Wenn etwa in der alten liberalen Magdeburger Gemeinde die Zahl der volksparteilichen Stimmen (435) nur um einen geringen Prozentsatz hinter denen der abgegebenen liberalen Stimmen (514) zurückbleibt, wenn in Dortmund etwa gegenüber 1029 Liberalen 739 nationaljüdische Stimmen zu verzeichnen sind, während in anderen, kleineren Orten das Verhältnis noch günstiger erscheint, so ist es in der Tat keine bloße Stimmungsmache, wenn von zionistischer Seite von einem großen Erfolg der nationaljüdischen Sache in Preußen gesprochen wird. Es ist wohl keinem die Verhältnisse nüchtern beurteilenden Zionisten eingefallen, sich in der Hoffnung zu wiegen, daß dieser Wahlkampf bereits die endgültige Entscheidung über das Schicksal der preußischen Judenheit und ihrer Zukunft zugunsten einer nationaljüdischen Mehrheitsleitung bringen werde. Dazu bedarf es wohl noch des unentwegten Kampfes und einer die Lethargie des verfallenden Gemeindelehens überwindenden, aufrüttelnden und kontinuierlichen Tätigkeit nationaljüdischer Vertreter in den Gemeindestuben während der kommenden Jahre. Aber Wahlresultate sind in ihrer wahren Bedeutung nicht immer durch eine mechanische Feststellung der jeweiligen Mehrheitspartei zu beurteilen, sondern im Zusammenhang der allgemeinen Entwicklungskurven der Parteien. Unter solchem Gesichtspunkt muß ganz objektiv festgestellt und anerkannt werden, daß die jüdische Volkspartei in Deutschland sich in einer aufwärtsslrebenden Linie befindet, während die Parteien des jüdischen Liberalismus, von dem Zunehmen der absolute n Stimmenzahl abgesehen, im Verhältnis zum Zuwachs der jüdisch-nationalen Parteien einen derartigen Aufstieg n i e h t zu verzeichnen hat. Gänzlich unverständlich und nach Verlegenheit gegenüber den liberalen Wählermassen sieht es aus, wenn die Zentralvereins-Zeitung von einer „entschiedenen Niederlage“ der Jüdisch- Nationalen spricht. Sollte hier nicht der Wunsch der Vater der Feststellung gewesen sein? Sollte aber in den führenden Zentralvereins-Kreisen in der Tat die Meinung herrschen, daß das Wahlresultat eine Niederlage der Zionisten bedeutet, so könnten wir sie getrost diesem Irrtum überlassen, da er unsere Sache in der Zukunft gewiß nicht schädigen wird. Noch eine derartige „Niederlage“ der Zionisten und sie werden den entscheidenden Einfluß im preußischen Gemeindeverband errungen haben! Der große Erfolg der jüdischen Volkspartei erscheint um so bedeutungsvoller und erfreulicher, als von seiten unserer Gegner noch in letzter Stunde, in Konsequenz ihrer ganzen Kampfesmethode während der Wahlagitation, Versuche unternommen wurden, die deutsche Presse gegen die Volkspartei aufs Kampffeld zu führen und die deutsche Öffentlichkeit zu Ungunsten der deutschen Zionisten zu beunruhigen. Am Vorabend des Wahlkampfes war im „Berliner Tageblatt“ an auffälliger Stelle ein Artikel erschienen, der dem naiven Leser weismachen wollte, daß die bösen Zionisten eine Art Komplott gegen Deutschland, unterstützt vom ausländischen Judentum, schmieden wollen. In diesem Artikel heißt es u. a. wörtlich: „Nach der Absicht der Zionistischen Partei soll also die neue Organisation über den engeren Rahmen kirchlicher Interessen hinaus Einwirkungen auf die politische Entwicklung innerhalb des Deutschen Reiches und zwar solche Einwirkungen i n Anlehnung an das Gesamt-Judentum außerhalb Deutschlands versuchen (Sperrungen wie im Original.) Ein solcher Versuch erscheint absolut utopisch. Der preußische Landtag und der deutsche Reichstag sind natürlich die einzigen Stellen, von denen preußische Staatsbürger aus eine Einwirkung auf politische Verhältnisse unmittelbar -in Angriff nehmen können.“ Daß derartige Unterstellungen einer glatten Denunziation gleichkommen, dürften wohl selbst unsere Gegner nicht bestreiten. Bleibt nur die Frage der Autorschaft dieses schönen Dokumentes. Die Berliner „Jüdische Rundschau“ vermutet ironisch, da sie die unaussprechliche Dummheit und Skrupellosigkeit, die aus ihm spricht, einem Juden nicht zumuten zu können glaubt, daß es sich um eine Mystifikation handle, die aus den Kreisen der schlimmsten Judenfeinde wie Fritsch oder Dinter stammt! Aber Ironie beiseite — ist es wirklich mit uns bereits so weit gekommen? Warum ist, wenn der Zentralverein seine Hände von dieser Denunziation rein fühlt, kein Abrücken von derartigen Unterstellungen erfolgt, deren aufreizende Wirkung auf die Antisemiten doch außer jedem Zweifel steht? War es nicht die primitivste Pflicht des jüdischen Abwehrvereins, diese Äußerungen zu entkräftigen oder wenigstens von ihnen deutlich abzurücken? Oder gibt es eine gewisse Spielart des Antisemitismus, den der Zentralverein nicht nur nicht bekämpft, sondern hei bestimmten Anlässen