Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 6 (6.2.1925)
- Date
- 1925-02-06
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Das Jüdische Een« Nr. 6 So weit die Tatsachen, naturgemäß ohne die vielen an sich interessanten Einzelheiten der Darstellung, die der Raum dieses Blattes nicht gestaltet. III. Für uns ist natürlich das Verhalten der Juden in dieser Sache Gegenstand unseres besonderen Interesses und da ist die außerordentlich traurige Tatsache festzustellen, daß die natürliche Reaktion des Ehrgefühls bei vielen, allzu vielen abhanden gekommen ist. Der Fall Alpenverein ist wie kaum sonst etwas geeignet, sozusagen experimentell festzustellen, wie verheerend die Assimilation und ihre ganzen Gedankengänge gewirkt haben. Diese ganzen Gedankengänge der Juden, die unter allen Umständen im Alpenverein bleiben wollen, sind überhaupt nur aus der Assimilation, das heißt aus dem Annäherungsstreben unter voller Selbstentäußerung erklärbar. Nur Menschen, die ihr eigenes, eingewurzeltes Wesen aufgegeben haben und n u r darnach fragen, was die „anderen“ sagen, was die Antisemiten sagen, und das zu ihrem Lebensgesetz machen, konnten sich so sehr aller Würde entäußern. Nur so ist es erklärlich, daß nach all den Fußtritten, die die Juden im Alpenverein und besonders in der Sektion München erhalten haben, jüdische Stimmen in erheblicher Zahl laut werden, die den Verbleib im Alpenverein nicht nur für möglich, sondern für wünschenswert erklären und daß es nur Assimilanten, „Nationaldeutsche“ sind, die so sprechen. (Die Gerechtigkeit gebietet festzustellen, daß bei weitem nicht alle Assimilanten so denken.) Diese Juden vertrösten sich auf die Zeit, in der die gegenwärtige antisemitische Hochflut abgeebbt und die Verhältnisse im Alpenverein sieb gebessert haben würden, teilweise meinen sie auch, man täte doch den Antisemiten den größten Gefallen, wenn man aus dem Alpenverein hinausginge, und sie wollen die „Position“ behalten, die sie im Alpenverein haben. Wir sehen zwar keine „Position“ mehr, da das Verhalten der leitenden Faktoren im Alpenverein und in der Sektion München an Deutlichkeit und beleidigender Art nichts zu wünschen übrig läßt; aber ganz davon abgesehen meinen wir, daß, wenn einmal die allgemeinen Verhältnisse anders sind, sodaß man mit Anstand im Alpen verein sein kann, es auch möglich sein muß, wieder in den Alpenverein einzutreten, oder denken die unentwegten Festhalter an der „Position“ etwa an einen Zustand, in dem man als Jude doch nicht aufgenommen wird? Das allertraurigste an diesem in vielen Hinsichten symptomatischen Vorgehen ist, daß niemand, gewiß aber keine der jüdischen Organisationen, die sich berufen fühlen, die deutschen Juden und deren Interessen zu vertreten, begreift, wie unglückselig ihr Verhalten ist, das ganz vom Vorgehen der Antisemiten abhängt. Alle Handlungen und noch schlimmer, alle Gedanken lassen sich diese Juden von den Antisemiten vorschreiben, statt diese Situation zu begreifen: daß unsere Lebenskreise sich mehr und mehr verengern, daß die Feindschaft um uns immer stärker wird, sich immer stärker auswirkt und daß die Rückwirkung auf die Juden, die sich isoliert jeder für sich allein diesen schmerzlichen Wirkungen gegenübergestellt sehen, besonders auf die Jugend verheerend wirken muß und daß eben aus diesen Gründen als wesentlichste Aufgabe aus diesen Vorgängen die erwächst, jüdische Gemeinschaften, jüdische Organisationsformen zu schaffen, die diese Isolierung beseitigen und dem jüdischen Menschen ermöglichen, in j ii d i s c her Gemeinschaft die Lebensäußerungen zu pflegen, deren Betätigung ihnen in der Allgemeinheit verwehrt wird, die ihm ermöglichen, sich als Jude vollwertig zu fühlen und Rückgrat zu bewahren und ihn nicht nötigen, alles persönliche Ehrgefühl über Bord zu werfen und sich Gemeinschaften an zubiedern, die nur Fußtritte für ihn übrig haben, kurz mit einem Wort: Die Aufgabe, jüdische Gesellschaft mit all ihren Verzweigungen und For m e n zu b i 1 d e n , statt dem Einzelnen den Rat zu geben, für sich zu sehen, wie er mit den anderen fertig wird. Dies ist unseres Erachtens die Folge, die für Juden erwächst, die Juden sein wollen und die jüdische Gemeinschaft, da sie bedrängt ist, nicht — offen oder keimlieh — verlassen, sondern sich ihr um so enger anschließen wollen. Wir wiederholen deshalb an dieser Stelle: Die Gemeindevorstände, die Führer großer jüdischer Organisationen, die nicht vor allem in dieser Richtung alles, was nur irgend möglich ist, tun, verkennen ihre Aufgabe in verhängnisvoller Weise und verletzen ihre Pflicht. J. R. Heutiger Zionismus In Nummer 4 der von Siegfried Jakobsohn herausgegebenen „W e 11 b ü h n e“ veröffentlicht Arnold Zwei g den nachstehenden für die Aufklärung nichtzionistischer Kreise besonders geeigneten Aufsatz, der die menschheitliche Bedeutung des Zionismus überzeugend darstellt. I. Nach dem zwanzigsten Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der Ende Dezember in Wiesbaden stattgefunden hat, scheint es passend, einmal den geistigen Tatbestand dieser Bewegung, ihre augenblickliche Gestalt, kurz und trocken auszusprechen. Der Zionismus geht darauf aus, einen Ort auf der Erde so einzurichten, daß dort die Dauer jüdischen Wesens und Seins verbürgt ist — daß Juden dort jüdisch nicht nur sein, sondern auch bleiben können. Überall auf Erden und unter allen Bedingungen können Juden leben. Der Zahlbestand der Judenheit scheint durch nichts zu gefährden und in beständigem Wachstum. Ganz anders steht es um den Seinsbestand des jüdischen Menschen. Zwanghaft und nach biologischen Gesetzen vollzieht sich ein Wesensaustausch zwischen jeder Minorität auf Erden und jeder sie umschließenden Majorität — sie seien wie auch immer voneinander differenziert, sozial oder religiös oder rein ideell oder der Abkunft nach. Mit einer Einschränkung, von der später die Rede sei, läßt sich sagen, daß dieser Vorgang eines Ausgleichs, zum Beispiel: die Entjudung von Juden kraft und zugunsten der Werte und Unwerte der sie umschließenden Majorität, unvermeidlich sich ausbreitet wie jede Art Osmose. Die deutschen Juden unterscheiden sich schon ganz wesentlich von den österreichischen geschweige den amerikanischen, englischen, polnischen, russischen. Es werden aus ihnen wesentlich nicht schlechthin Deutsche, Österreicher, Engländer, Polen, sondern eben diese Einheit und Besonderheit, diese unverwechselbare und immer mehr vom Geiste, vom körperlichen Habitus, von den Lebensgewohnheiten und Schicksalshaltungen der Majorität durchtränkle Eigenmischung, die man meint, wenn man „deutscher Jude“, „französischer Jude“ sagt — Eigenmischung, in der das Jüdische ein zäher, aber stets geschwächterer Bestandteil ist. Diese Schwächung des Jüdischen in den Juden kam bis zum Kriege nicht sehr zur Wirkung, weil von Osten nach Westen, aus Ländern, in denen das Wesen der Juden relativ hochprozentig geblic-