Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-01-30 · 5 (30.1.1925) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
5 (30.1.1925)
Date
1925-01-30
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9153754--06435-9079144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

70 Das Jüdische Echo Nr. 5 mit der Behauptung herumzuschlagen, daß Zionismus eine reine Utopie sei, an die kein vernünftiger Mensch glauben könne, so ist inzwischen aus dieser Utopie eine Realität geworden, die außerhalb jeder Diskussion steht, weshalb eben diese Diskussion auf ein mit viel mehr Unterlagen, mit weit stärkeren Anhaltspunkten versehenes Gebiet kommen konnte und mußte, wobei es sich wie überall zeigte, daß gerade in der Praxis der täglichen Arbeit, wie des Lebens überhaupt, sich die Dinge viel weniger hart im Raume stoßen als im Bezirke rein spekulativer Auseinandersetzung. Aber es sollte auch nicht vergessen werden, daß diese Wandlung mindestens ebenso stark die G e - ge n Seite mitgemacht hat. Forderungen, die vor ein paar Jahren noch als unerhört, als revolutionär im gefährlichsten Sinne betrachtet wurden. haben sich heute bereits völlig durchgesetzt oder sind jedenfalls so weit gefördert, daß sie leidenschaftslos erörtert werden können. Wir erinnern in diesem Zusammenhänge nur an die Ostjude n f r a g e und alles, was mit ihr zusammenhängt, an die hebräische Sprach bewegung, an die Schulfrage, an die Bestrebung zur Schaffung eines jüdischen Turnvereins, wobei diese Aufzählung noch sehr erheblich vermehrt werden könnte. Auch in der Frage der Bekämpfung des Antisemitismus ist heute — man denke nur an die Vorträge Arnold Zweigs, die von der Zionistischen Ortsgruppe Nürnberg veranstaltet wurden — in weiten nichtzionistischen Kreisen eine ganz andere, viel besonnenere und gerechtere Vorstellung von den wirklichen Zielen zionistischer Arbeit erweckt worden, was auf der anderen Seite natürlich wieder zur Verminderung von Reibungen beitragen mußte. Mit dem gleichen Rechte, mit dem davon gesprochen werden kann, daß das zionistische Auftreten weniger aggressiv geworden sei, kann gesagt werden, daß auch die zionistischen Gegner ihren oft auf die Spitze getriebenen, oft lächerlich und töricht wirkenden Haß auf alles, was zionistisch hieß und sich Zionist nannte, aufgegeben haben. Hat man das aber einmal erkannt, so weiß man auch, daß nicht so sehr die Personenfrage — obwohl deren Bedeutung nicht unterschätzt werden soll — als vielmehr geschichtliche und geschichtlich notwendige Wandlungen den wahren Grund dafür bilden, warum heute in Nürnberg, und nicht nur dort, ein besseres Einvernehmen zwischen Zionisten und Nicht-Zionisten, zwischen Zionistischer Ortsgruppe und Jüdischer Gemeinde möglich ist. Daß dieser Gedankengang der allein richtige ist, zeigt sich ja schon daraus, daß, wie in dem Buche Dr. Freudenthals selbst ausgeführt wird, es sich nicht nur um ein lokales Problem handelt. Nicht überall sind an Stelle von „unberufenen und unwürdigen Eiferern“ würdige und berufene Nachfolger getreten, sondern überall fand die jetzt in beiden Lagern am Ruder befindliche Generation besseren Boden für ein gemeinsames, der jüdischen Gesamtheit dienendes Arbeiten. Theodor H e r z 1 wäre von der Großloge nicht der gleiche Empfang bereitet worden, wie ihn heute zur Freude aller wahrhaften Juden Weizmann in Berlin erfahren durfte. Wer wird behaupten wollen, daß H e r z 1 nicht der berufene Zionist gewesen ist? Rudolf Liebstädter VERSICHERN SIE LEBEN UND EIGENTUM VersicherungseeschBft Dr. Ettinger, Agnesstr. 47, Telefon 31 7 92 Der Älpenvereins-Skandal Seit wir in Nr. 30 vom 25. Juli vergangenen Jahres die Alpenvereinsangelegenheiten ausführlich behandelten, hat die Stellung des Alpenvereins und seiner Sektion München gegenüber den Juden eine Verschlimmerung erfahren, die alles das übersteigt, was selbst wir damals für möglich gehalten haben. Wir unterließen im Laufe der Entwicklung mit Vorbedacht jedes Eingreifen, um diejenigen jüdischen Kreise, die optimistisch genug waren, eine andere Entwicklung zu erwarten oder hofften, durch persönliche Fühlungnahme herbeiführen zu können, in ihren Bemühungen nicht zu stören. Nachstehend veröffentlichen wir die Erklärung eines Ausschusses Jüd. Alpenvereins-Mitglieder und werden über die ganze Angelegenheit eine zusammenfassende Darstellung unsererseits in einer der nächsten Nummern veröffentlichen: Deutscher und österreichischer Alpenverein. Die Sektion München des deutschen und österreichischen Alpenvereins hat entsprechend dem Antrag ihres Ausschusses trotz entschiedener Bekämpfung durch jüdische und christliche Mitglieder mit großer Mehrheit beschlossen, künftig in der Regel Juden als Mitglieder nicht mehr aufzunehmen. Nachdem Versuche, eine Änderung dieses Beschlusses herbeizuführen, ergebnislos verliefen, haben nunmehr neben zahlreichen Einzelaustritten über 80 jüdische Mitglieder, die teilweise seit Jahrzehnten der Sektion angehören, gemeinsam ihren Austritt erklärt. Aus der Jüdischen Welt Deutschland Infamie eines Breslauer Gerichtes Ein antisemitischer Verleumder freigesprochen Aus Breslau meldet J.T.A.: Vor dem Breslauer Amtsgericht hatte sich vor kurzem der Studienrat der städtischen Cäcilienschule, Jlfudolf Scholz, wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu verantworten. Er hatte in einer öffentlichen Wahlversammlung in Wohlau folgende Äußerungen getan: „Auf Grund der Lehren des Talmuds unterhalte Trotzki einen ganzen Harem in Rußland. Nach dem Talmud sei es den Juden erlaubt, Christenkinder zu schänden. Der Betrug von Christen sei ihnen gestattet. Daher sei der Prozentsatz der Juden in bezug auf strafbare Handlungen zwanzigmal größer als der der christlichen Bevölkerung. Besonders treffe dies bei Betrug, Urkundenfälschung und vor allen Dingen bei Sittlichkeitsverbrechen zu.“ Der Angeklagte hielt vor Gericht eine groß angelegte antisemitische Hetzrede, er gab seine Äußerungen zu bis auf eine: Er habe nicht von der Schändung von Christenkindern, sondern von einer Schändung von christlichen Frauen gesprochen. Im Talmud sei ausdrücklich der Geschlechtsverkehr mit kleinen Kindern vorgesehen. Daraus müsse man auch Schlüsse auf die Schändung von Christenkindern ziehen. Zum Beweis seiner Behauptungen berief sich der Angeklagte auf das Buch von Theodor Fritsch „Der falsche Gott“. Er verlange nicht, wie er es verdient habe, vom Gericht belohnt, wohl aber freigesprochen zu werden. . Der Staatsanwalt beantragte eine Geldstrafe von 70 Mark. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Fritsch, erging sich in den gröbsten Schmähungen gegen das Judentum und seine Lehren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.