Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Das Jüdische Ccho Nr. 4 die naturgemäß ungelehrte Frau als ein unvermeidliches Übel mit „neun Maß Rede“ angesehen wird. Gerade der strenge Maßstab des Lernens hat für den jüdischen Humor stets eine geradezu befreiende Quelle der Heiterkeit gebildet. Unzählig sind die Geschichten, welche sich an das jüdische Wissen und noch mehr an das Unwissen knüpfen, mag es sich nun um den Lehrinhalt oder um das Ritual handeln. Der jüdische Humor als Ausdruck der Lebenskraft hat aber in alle Gebiete des Lebens eingegriffen und betrachtet sie aus der befreienden Heiterkeitsperspektive. Ungeheuer groß ist die Zahl der lustigen Geschichten und Schwänke, die im Volke in Umlauf sind. Das jüdische Volk hat ebenso wie das deutsche in Till Eulenspiegel stehende Schalkfiguren. Es sei nur an Efraim G r e i d i k e r und Motke Rakewer (Chabad) erinnert, von denen ebenso wie von Herscheie Ostropoler unzählige Schwänke und Schalksgeschichten erzählt werden. Eine, welche das humoristische Motiv, die Befreiung von schicksalsmäßigem Ereignis, sehr fein wiedergibt, sei hier erzählt: Herschele Ostropoler wurde, während er badete, sein Hemd gestohlen. Er kam nachhause und bat seine Frau um ein anderes. Auf ihre Frage, wo denn das Hemd sei, das sie ihm mitgegeben hatte, antwortete er: „Das Hemd hat mir einer varbitten“ (vertauscht). „Und wu is das varbittene?“ fragt die Frau. Herscheie antwortet: „Jenner hot vergessen anider zi legen, hat er mitgenimmen sans in mans.“ Der Humor des Volkes hat eine Anzahl von jüdischen Städten und Städtchen zu Brutstellen der Narrheit und Dummheit gemacht, wie dies von Abdera angefangen bis Schilda in einer ganzen Anzahl von Ländern und Völkern der Fall ist. Die berühmteste jüdische Narrenstadt ist Chelm. Über Chelm und die Chelmer werden unzählige Volksgeschichtchen erzählt. Viele ähneln den Schildbürgerstücken, viele haben entsprechend dem Milieu des jüdischen Lebens ganz bestimmte Färbung, die sich auf Sitten, Gebräuche und Riten bezieht. So z. B. wird von den Chelmern erzählt, daß sie ihrem Schammes, der eine Lederhose brauchte, als gerade kein Leder aufzutreiben war, eine Hose aus der einzigen Megillah Esther, die sie hatten, machen ließen und wenn am Purim die Megillah gelesen wird, so bleibt nichts übrig, als den Schammes auf das Lesepult zu legen, um von ihm die Megillah zu lesen; und dabei muß er fortwährend herumgedreht werden, damit der Zusammenhang der Kapitel nicht verloren gehe. Dies sind gewisse Kreise des jüdischen Volkshumors, die sich noch viel weiter bis ins Bereich des Berufslebens, der sozialen Gliederung u. dgl. ziehen lassen. In dieses Kapitel des Berufshumors gehört das Sprichwort, daß jeder Chasan ein Narr ist, dahin gehören auch unzählige Geschichten von Schneidern, Schustern und anderen Handwerkern in ihrer Beziehung zum jüdischen Religionsinhalt, zur beruflichen Moral u. dgl. Hierher gehört aber auch die große Zahl sozusagen beruflicher Volkslieder, die es gibt, die Schneiderlieder, die Schusterlieder, aber auch jene Lieder, welche die Chassidim gegen ihre Gegner und umgekehrt singen. Gerade im Volkslied ist bestes Gut jüdischen Humors vorhanden. Wie sich der Humor in der jüdischen Masse am Purimfest und am Hochzeitstag durch Maskenzüge und Reime des Hochzeitsnarren (Badchen) auslebt, ist zu allgemein bekannt, um erst näher erörtert werden zu müssen. Es wurde gesagt, daß der jüdische Humor ausstirbt. Dies zeigt sich am besten daraus, daß die humoristische Literatur unter den Juden verhältnismäßig gering ist, so viele Legionen jüdischer Witze es auch gibt. Wirklicher Humor, welcher in naiver Kinderart die Dinge gewissermaßen so erzählt, daß sie im vollen Lichte stehen und dadurch gewisse charakteristische Eigenarten umso stärker hervortreten, hat eigentlich nur in der erzählenden Literatur der Juden Scholem Alejc h e m. Der größte Erzähler im jüdischen Volksideom Mendele Mocher Sforim hat nicht mehr jene sozusagen unwissenschaftlich naive Wiedergabe des Geschauten, die als reiner Humor angesehen werden könnte. Und ebenso ist es in der dramatischen Dichtung. Das jüdische Drama hat streng genommen keine Komödie. Der Wert der Komödie liegt ja eigentlich viel weniger im geistreichen Witz, als im naiven Humor, welcher von der Gebundenheit des Menschen an das Schicksal durch Lachen befreien soll. Durch Lachen, welches nicht bitter sondern herzlich klingt. Nur der Gründer des jüdischen Theaters Abraham Goldfaden hat in einigen seiner Singspiele Gestalten geschaffen, welche wirklich losgelöst sind von aller Erden- und Schicksalsschwere, wie jene Gestalt des Jontel Schnorrer, der sich durch die Welt bettelt, um eine Aussteuer für seine Tochter zusammenzubekommen. Auch Jakob Gord i n hat manchen seiner Figuren, so dem gewissermaßen lachenden Philosophen Leiser Badchen Züge wahren Humors verliehen. Das moderne jüdische Drama ist zu sehr im Wirbel des stürmischen jüdischen Schicksals befanden, als daß es reinen Humor darstellen könnte. Im Geiste des jüdischen Volkstums liegt das weitere Schicksal des jüdischen Humors, der so viele herzerfreuende Blüten hervorgebracht hat, beschlossen. Und da dieser Geist stets ein lebensbejahender war, so ist zu hoffen, daß der Jude, bis er wieder in Ruhe sich selbst leben kann, an die befreiende Heiterkeit seines alten Volkshumors anknüpft. Kostbares Gut ist der jüdische Humor und darum wert, beachtet zu werden, denn wir brauchen alle das befreiende Lachen des Humors, nicht das gequälte, das bittere unseres Witzes. E. G.Fried. Briefkasten Derjenige, welcher unseren Verlag vor wenigen Tagen antelefonierte und sich mit Entrüstung die weitere Zusendung unserer Zeitschrift verbat, wird gebeten, uns seine Adresse mitzuteilen, da uns leider keine Wünschelrute zur Verfügung steht, welche uns die Gesinnung der in unserer Kartothek Enthaltenen verrät. Es gibt ja bekanntlich auch Juden mit christlichen Namen und Christen mit jüdischen Namen; Blutproben sind den Kartofhekkarten fast nie beigefügt und sie würden wohl auch deshalb nichts nützen, weil sich ja daraus nicht ergeben würde, seit wann der Betreffende Nichtjude ist. Also wirklich, wir könnens beim besten Willen nicht! Verlag d. „Jüd. Echo“. Personalia Am 25. Januar vollendet Rechtsanwalt Dr. A1 - f red Klee in Berlin sein 50. Lebensjahr. Dr. Klee ist weithin als einer der Führer des Bundes deutscher Zionisten bekannt, der auch sonst im öffentlichen Leben der Judenheit in Berlin wie auch auswärts außerordentlich Wertvolles geleistet hat. Als einer der Begründer der Jüd. Volkspartei ist er seit